Bismarck - der Mythos

Ein Name, ein Mythos: Reichsgründer Otto von Bismarck gehört zweifelsohne zu den schillernsten Figuren der deutschen Geschichte. Vor 200 Jahren wurden er geboren. Wie viel "Bismarck" steckt heute noch in uns Deutschen? Eine Annäherung.

Chemnitz.

So manche Militärhistoriker bekommen heute noch bei alten Bildern vom größten deutschen Schlachtschiff im Zweiten Weltkrieg, benannt nach dem ersten Reichskanzler, leuchtende Augen. Die "Bismarck" galt 1939 als das größte und kampfstärkste Kriegsschiff der Welt. Das bewahrte es aber nicht vor der Versenkung 1941. Das Schiff ging in den Fluten des Nordatlantiks unter, der Mythos "Bismarck" aber blieb bis heute.

Der legendäre Reichsgründer Otto von Bismarck musste schon als Namenspatron für alles Mögliche herhalten: Exotische Palmen, vom Aussterben bedrohte Schlangen sowie zahlreiche Straßen und Plätze rund um den Globus tragen seinen klangvollen Namen.

Beispiele: Bismarck heißt die Hauptstadt des US-Bundesstaates von North Dakota. Sogar in der Südsee, mehr als 13.000 Kilometer von Deutschland entfernt, ist er präsent: 200 Inseln der deutschen Kolonie Kaiser-Wilhelm-Land, heute gehören sie zu Papua Neuguinea, wurden 1885 in Bismarck-Archipel umbenannt. Manches erinnert auch an kulinarische Vorlieben des "Eisernen", der mitunter zur Völlerei neigte: Eingelegte Heringe, die süße Buttercreme-Bombe Eiche und sogar italienische Pizzen mit aufgeschlagenen Eiern als Teil des Belags tragen seinen Namen.

Dazu erinnern riesige Denkmäler, wie die in Hamburg und Berlin, sowie Türme im gesamten Bundesgebiet an Otto von Bismarck, der am 1. April 1815 in Schönhausen an der Elbe geboren wurde. Sein Vater, Ferdinand von Bismarck, war der Spross eines alteingesessenen Adelsgeschlechts in der Altmark. Nach politischen und diplomatischen Lehrjahren bestellte König Wilhelm I. den konservativen Monarchisten Otto von Bismarck 1862 zum preußischen Ministerpräsidenten. Bei der Gründung des Deutschen Reiches 1871 wird er der erste Reichskanzler, 1898 stirbt er in Friedrichsruh bei Hamburg.

Weithin sichtbare Zeichen des Bismarck-Kultes sind die Türme, die zumeist ab 1899 entstanden: Allein in Sachsen gab es 23 davon. 18 sind noch erhalten. Der größte steht in Glauchau. Der Bismarckturm in Radebeul auf den Lößnitzbergen ist einer der elf individuell entworfenen Türme des Architekten Wilhelm Kreis, die nicht nach seinem 47 Mal ausgeführten Standardentwurf "Götterdämmerung" errichtet worden sind. Der berühmte Baumeister Kreis war übrigens ein Freund des Schriftstellers Karl May. Insgesamt gibt es noch 164 Türme auf dem Gebiet der heutigen Bundesrepublik.

Unabhängig von der architektonischen Gestaltung - ob als Turm oder einfache Feuersäule - sollten auf allen Spitzen Feuerschalen installiert werden, die an bestimmten Tagen zu Ehren Bismarcks - gleich einem Netzwerk in ganz Deutschland - brennen sollten. Aus der Idee der Deutschen Studentenschaft wurde aus unterschiedlichen Gründen nichts. Unter anderem konnte man sich nicht auf gemeinsame Gedenktage einigen.

Wie aber konnte ein solcher Kult überhaupt entstehen? "Als Bismarck 1890 im Streit von Kaiser Wilhelm II. entlassen wurde, war die Mehrheit der Deutschen zunächst froh, dass der Alte weg war", sagte Ulf Morgenstern von der Otto-von-Bismarck-Stiftung in Friedrichsruh. Er habe für die Vergangenheit gestanden, nicht für Zukunftsvisionen. Kaiser Wilhelm II. hingegen wollte mit dem Deutschen Reich den "Platz an der Sonne" im europäischen Machtgefüge erobern. Schon Mitte der 1890er-Jahre stellte sich aber heraus, dass nur wenig von dem, was der Kaiser versprochen hatte, umgesetzt werden konnte. Die Leute sehnten sich daher sehr schnell nach Bismarck zurück, er wurde Projektionsfläche für die "gute alte Zeit". Genau das hatte Bismarck auch selbst befeuert: Auf seinem Altersitz in Friedrichsruh empfing er Tausende Gäste, hielt politische Reden auf dem Balkon. Das Ganze gipfelte 1895 an seinem 80. Geburtstag: Der alte Herr erhielt etwa 250.000 Postkarten und Briefe, Zehntausende pilgerten in den kleinen Ort bei Hamburg. Der Bismarck-Mythos war endgültig zu einem massentauglichen Phänomen geworden.

Nach 1945 war Bismarck in der alten Bundesrepublik nur noch eine respektierte Figur der Geschichte - historisiert eben. In der DDR wandelte sich das Verhältnis des Staates zu Bismarck in den späten 1970er-Jahren. Vorher galt der alte Reichskanzler als Inbegriff des Monarchismus, des Imperialismus und als Unterdrücker der Arbeiterbewegung. Im Zuge der "Preußen-Renaissance" wurden aber plötzlich auch andere Facetten entdeckt. Bismarck gehörte fortan zum "progressiven Erbe" der deutschen Geschichte. Unter anderem behauptete die DDR-Geschichtsschreibung nun, Sozialismus gebe es nur in funktionierenden Verwaltungseinheiten, die aber hatte Bismarck durch seinen einheitlichen Nationalstaat geschaffen.

Der DDR-Historiker Ernst Engelberg passte genau in diese Zeit: Als 1985 der erste Band seiner Bismarck-Biographie mit dem Titel "Bismarck - Urpreuße und Reichsgründer" erschien, galt dies als kleine Sensation: Es war das einzige große historische Werk, das zeitgleich in Ost- und Westdeutschland publiziert wurde. Engelberg sah den Reichskanzler nicht durch die kommunistische Brille, sondern präsentierte eine aus den Quellen heraus erarbeitete abwägende Sicht auf dessen Charakter und Überzeugungen - über die geschichtsideologischen Gräben hinweg.

Bismarck war eine historische Figur voller Widersprüche: "Seine politischen Talente lagen wohl eher in der Außenpolitik. Innenpolitisch langte er einige Male daneben", resümierte Ulf Morgenstern. So etwa mit der repressiven Reaktion auf die Arbeiterbewegung und mit dem Kulturkampf gegen den politischen Katholizismus. Durch die Unterdrückung wurden beide Strömungen erst recht stark. Was aber ist von Bismarck geblieben? Die Renten- und Krankenversicherung als vielfach kopiertes Umlagemodell natürlich. Zudem steht die Bundesrepublik immer noch in der staatlichen Nachfolge der Reichsgründung. Auf Bismarck geht auch der Föderalismus heutiger Prägung zurück.

Zur Aktualität des "Eisernen Kanzlers" sagte Ulrich Lappenküper, Geschäftsführer der Otto-von-Bismarck-Stiftung: "Bismarcks fortdauernde Aktualität speist sich aus der Janusköpfigkeit seiner Person, der zeitlosen Frage nach den Grenzen, die selbst dem fähigsten Staatsmann gesetzt werden, und aus den großen Herausforderungen, die das wiedervereinigte Deutschland im großen Europa meistern muss."

Für Bismarck war die Politik wohl wie eine Schifffahrt in unbekannten Meeren, bei der man nicht weiß, wie die Strömungen sein werden und welche Stürme man erlebt. Ein großes Schlachtschiff ist dazu nicht notwendig. Um sein Ziel zu erreichen, braucht man weniger strategische, denn intuitive Fähigkeiten, insbesondere die, in neuen Situationen zu erkennen, wohin der richtige Weg geht. Als ihn das Gespür verließ, ging der "Lotse von Bord", wie das britische Satire-Magazin "Punch" zur Entlassung Bismarcks 1890 titelte. Außenpolitisch schwebte Bismarck immer die Rolle des "ehrlichen Maklers" vor. Dass Deutschland diese Rolle, wenn überhaupt, heute nur im europäischen Geleitzug spielen kann, versteht sich laut Lappenküper von selbst.

Veranstaltung und Buchtipps

In der Villa Esche in Chemnitz sind am Donnerstag, 16. April, Achim und Waltraut Engelberg zu Gast. Der Sohn und die Witwe des großen DDR-Historikers Ernst Engelberg lesen aus ihren Büchern zum Thema "200. Geburtstag von Otto von Bismarck". Beginn der Veranstaltung: 19 Uhr.

Waltraut Engelberg hat sich in "Das private Leben der Bismarcks" mit den unbekannteren Seiten des Reichskanzlers befasst. 2014 erschien eine von Sohn Achim herausgegebene gekürzte einbändige Neuausgabe des zweibändigen Bismarck-Klassikers von 1985/1990.

Ernst Engelberg, Achim Engelberg: Bismarck. Sturm über Europa. Biografie, Siedler Verlag , 2014, ISBN: 9783827500243, 39,99 Euro

Michael Epkenhans, Ulrich Lappenküper, Andreas von Seggern: Otto von Bismarck. Aufbruch in die Moderne. Verlag Bucher 2014, ISBN: 9783765819629. 29, 99 Euro.

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