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Blumen blühen aus bröckelndem Putz - eine Arbeit des Künstlers Fogeljunge aus Leipzig.

Foto: Matthias Zwarg

Bunte Auferstehung aus Ruinen

An den nächsten beiden Wochenenden lädt das Internationale Street Art Festival "Ibug" in die ehemalige Spezialmaschinenfabrik Chemnitz. Vielleicht haucht sie der Brache dauerhaft neues Leben ein.

Von Matthias Zwarg
erschienen am 25.08.2017

Chemnitz. Vor dem Gelände Lerchenstraße 12 parken Wohnwagen, hinter Bauzäunen wird gerade zum Mittagessen gerufen - buntes Gewusel, kurze Pause bei der Ibug 2017. Das Festival mit der Abkürzung für den etwas unhandlichen Namen "Industriebrachen-Umgestaltung" hat sich diesmal auf dem Areal des ehemaligen VEB Spezialmaschinenfabrik Spemafa eingenistet. Hier verfallen seit 1993 große Fabrikhallen und kleine Nebengebäude.

Doch jetzt leuchtet es wieder bunt aus dem bröckelnden Putz, verwandeln sich löchrige Mauern in riesige Wandgemälde, füllen bunte, teils mutige und provokante Installationen die Hallen, in denen ab 1889 die Gebrüder Unger Spezialmaschinen für die Fleisch- und Wurstwarenproduktion herstellen ließen. Im Zweiten Weltkrieg wurden hier Granatköpfe, zum Teil mit Zwangsarbeitern, hergestellt. 1946 enteignet und demontiert, eröffnete der Betrieb 1949 als Vereinigte Spezialmaschinenfabrik wieder, 1993 musste das inzwischen private Unternehmen schließen.

Die Ibug haucht dem Gelände nun neues Leben ein - und das mit Phantasie, Freude, Kollektivgeist und faszinierender Kraft. Mehr als 100 Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt kommen - lediglich für einen geringen Zuschuss, wenn die Anreise weit ist - zu Ibug. "Das ist für sie wie ein Ferienlager unter Gleichgesinnten", sagt Michael Lippold, einer der Ibug-Sprecher. "Hier können sie sich austoben, auch mal was ausprobieren, hier finden sich ganz neue Kooperationen."

Bei den Künstlern kommt der diesjährige Ort der inzwischen schon 12. Ibug gut an. Benjamin Hahn hat einen riesigen farbigen Bogen angeschleppt, vor Jahren auf dem Müll in Hamburg gefunden, den er nun als eine Art Initialzündung in der Spemafa platziert. Er war auch schon dabei, als in den vergangenen Monaten das Gelände für das Kunstfestival vorbereitet wurde: Müllberäumung, Abrissarbeiten, "das war eine Herausforderung". Hat sich aber gelohnt. Kid Craxon aus Bristol ist zum zweiten Mal dabei, sprüht Gesichter auf Folie mitten im Raum. Im vorigen Jahr war er zum ersten Mal auf der Ibug, es hat ihm sehr gefallen, "ich wollte unbedingt wiederkommen". Sagt auch Taina aus der Schweiz. Sie hat sich einen Treppenaufgang für die kleinen Monster gesucht, die sie dort an die Wände sprüht. "Ein super Gebäude, die roten Ziegel... und die Ibug ist richtig gut, super Leute, wunderbares Klima... hat mir sehr gefallen." In der Schweiz kann sie sich solch ein Festival übrigens nicht vorstellen, wegen der Sicherheitsbestimmungen - und weil es dort einfach nicht so viele Brachen gibt. Es geht vorbei an einer Installation der Freizeitgruppe Gestaltung aus Glauchau, die provokant auf die Polizeieinsätze beim G-20-Gipfel gegen den "schwarzen Block" reagiert, an Arbeiterbildern des Kanadiers Wartin Pantois aus Quebec, bis hin zu den Wandmalereien des Künstlers Fogeljunge aus Leipzig. Er arbeitet kleinteilig, mit Pinsel statt mit Sprühdose - unter seinen Händen wachsen Blumen unter dem bröckelnden Putz.

Dass das gesamte Gelände wieder erblüht, wünscht sich Eigentümer Klaus Marte. Er arbeitet eigentlich in Zürich in der Softwarebranche, hat es gekauft, um hier eine Art lebendige, kulturvolle Kleinstadt in der Großstadt zu entwickeln - kein Supermarkt, keine Eigentumswohnungen, stattdessen eine Mischung aus Kultur, kleinem Handel, vielleicht Kindergarten. Dem Festival stand er gleich offen gegenüber, sagt Ibug-Sprecher Peter Thormeyer. Klaus Marte: "Ich wollte nur hinterher nicht mehr Arbeit haben als vorher." Während der Ibug-Tage hilft er selbst mit, übernimmt Sicherungsarbeiten, verfugt Mauern. Und vielleicht, so Michael Lippold, kann ja die Ibug Initialzündung für die Nachnutzung sein. Mit diesem Thema beschäftigt sich auch eine Diskussionsrunde am Samstag im umfangreichen Rahmenprogramm der Ibug. Unter dem Titel "Kreative Räume statt verlassener Orte" wollen Kulturakteure, Immobilienbesitzer und kommunale Vertreter über Nutzungskonzepte für Industriebrachen sprechen. Das Beispiel Ibug haben sie dann gleich vor Augen.

Das Festival Die Ibug, Industriebrachen-umgestaltung, hat vom 25. bis 27. August und vom 1. bis 3. September geöffnet - freitags ab 15 Uhr, samstags und sonntags je ab 10 Uhr. Letzter Einlass ist jeweils 19 Uhr. Eintritt 7 Euro. Das Rahmenprogramm unter:

www.facebook.com/ibugart

 
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