Das Geschenk der Jubilare

Eigentlich bekommen Geburtstagskinder ein Präsent an ihrem Ehrentag. Beim Künstlerbund geht es auch umgekehrt: Maler, Grafiker und Formgestalter schenken dem Publikum eine schöne Ausstellung anlässlich ihrer "runden" Jubiläen.

Chemnitz.

90 Jahre alt ist der Älteste, 70 wird demnächst der Jüngste der Künstler, die ihre Arbeiten in der aktuellen Ausstellung im Projektraum des Chemnitzer Künstlerbundes zeigen. Diese Ausstellung ist schon als Geste bemerkenswert: 21 Mitglieder des Vereins begingen 2014 "runde" Geburtstage, wurden "... 70/80/90...", was der Ausstellung den Titel gab. 17 von ihnen stellen im Projektraum aus - eine wunderbare Würdigung des Lebenswerks älterer Künstlerkolleginnen und -kollegen, die keineswegs selbstverständlich ist in einer zwar älter werdenden, aber dem Jugendwahn verfallenen Gesellschaft, in der eine neue App natürlich mehr Aufmerksamkeit erregt, als ein neues Bild von Lothar Rentsch etwa.

Der 1924 in Plauen geborene Künstler ist der älteste unter den Jubilaren, und doch wirken seine abstrakte und gegenständliche Elemente verbindenden Linolschnitte zeitgemäß und modern. Und sein "Bahnhof ohne Zukunft", aus dem die Gleise ins Leere führen, kommentiert die Gegenwart subtil und mit wachem Blick - besser als manches "jüngere" Bild.

Farbenfroh und hauchzart

Überraschend auch andere Objekte: Die feinen Klöppelarbeiten von Sonja Belz etwa und die abstrakte "Farborgel" von Linde Detlefsen, die eigentlich durch sparsam-konzentrierte Kinderbuchillustrationen bekannt wurde. Kräftig dem Leben zugewandt sind die Plastiken von Berthold Dietz, Kunst- und Gebrauchswert verbinden die Objekte von Volker Döring. Frisch, frech und aufmüpfig schauen die weiblichen Tonfiguren der Designerin Edith Friebel-Legler, wild und gefährlich geht es in den Gemälden von Polina Kotchubeeva zu. Während Vadim Kotchubeev eher der schönen sächsischen Landschaft huldigt, die auch in Hanna Siebenborns Siebdrucken als Hauch und Ahnung auftaucht. Zart und lyrisch wirken die Zeichnungen und Collagen von Anna-Maria Naumann, farbenfroh und bewegt Malereien von Klaus Neubauer. Bedruckte Bälle spielt Kristian Otto Dagmar Ranft Schinke zu, deren poetische Blätter sich wie immer kritisch mit der Gegenwart auseinandersetzen. Designer Wolf Röhner zeigt Vorarbeiten zu modernen Werkzeug- und Nutzfahrzeuggestaltungen - die in den einsamen, dramatischen Landschaften von Peter Schettler fehlen, an denen sich aber sicher die Rainer Maria Schubert gezeichneten Menschen freuen, ebenso wie an den klassisch ruhig geformten Gefäßen des Keramikers Peter Tauscher.

Die Ausstellung zeigt einen schönen Querschnitt durch das Werk älterer Chemnitzer Künstlerinnen und Künstler, die die Szene zum Teil über viele Jahre mit geprägt, ihre Erfahrungen auch an Jüngere weitergegeben haben. Manche von ihnen wurden nach 1990 kaum noch mit Ausstellungen bedacht, weil sie sich nicht am sich neu formierenden Markt anbiedern mochten oder weil ihnen vielleicht auch die Energie ausging. Von manchen weiß man, dass sie sich über die Einladung zu einer größeren Ausstellung gefreut hätten.

Einigen Arbeiten ist anzusehen, dass sich ihre Schöpfer noch immer aufmerksam und kritisch mit der Gegenwart auseinandersetzen, dass sie probieren und verwerfen und keineswegs müde sind. Andere Bilder sind eher Dokumente des Rückzugs, ruhige Inseln in einer wilden Welt. Manche kommen im Herbst und Winter ihres Künstlerlebens wieder auf dessen Ursprünge zurück: Handzeichnungen, einfachste Formen. "Alt sein ist ja ein herrliches Ding, wenn man nicht verlernt hat, was anfangen heißt", hat der Theologe Martin Buber festgestellt. Die Künstlerinnen und Künstler in dieser Ausstellung sind lebendiges Beispiel dafür. Und die Ausstellung selbst ist auch ein Beispiel dafür, dass die Künstler einander nicht vergessen, wenn schon der Kunstmarkt - auf dem sich die Marktwirtschaft am reinsten realisiert - so vergesslich ist. Das hat etwas mit Achtung, Demut und Kollegialität zu tun - keine Selbstverständlichkeiten. Umso schöner, dass der Künstlerbund mit dieser Ausstellung seine älteren Mitglieder beschenkt, wie sie im Gegenzug das Publikum mit ihren Bildern beschenken.

Die Ausstellung ... 70 / 80 / 90 ... Arbeiten von Jubilaren bis zum 27. März im Projektraum des Chemnitzer Künstlerbundes, Moritzstraße 19, Chemnitz; Dienstag und Donnerstag 11 bis 17 Uhr, Freitag 13 bis 18 Uhr.

www.ckbev.de

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