Das geheime Filmarchiv der DDR

Ein Drehteam nahm in der DDR den Alltag im Osten auf. Die Filme wurden nie gezeigt, sondern verschwanden in einem Archiv. Später sollten die Bilder von den Anfängen beim Aufbau des Kommunismus erzählen. Doch es kam anders.

Dresden.

Film eins ab: Ein junger Mann in schwarzem Mantel und mit langen zerzausten Haaren steht in einem Verhörraum der Volkspolizei. Es ist der Abend des 30. April 1985. Der Leiter des Berliner Reviers auf der Brunnenstraße sagt zu dem Jungen: "Ihr Aufzug ist Ihre Sache. Verboten ist es nicht, wenn Sie nicht gerade Anstoß erregen in der Öffentlichkeit. Denn wir feiern morgen den 1. Mai, und da ist nun mal der Kampftag der Arbeiterklasse, wenn Sie das so wollen ... Ich weiß nicht, was da noch geblieben ist von Ihrer Schulausbildung." Der Junge tritt vor einer Wand von einem Bein auf das andere, verzieht kurz das Gesicht, schweigt. Der Polizist redet weiter: "Und wir sind dagegen, wenn morgen Berlin feiert, dass irgendwelche Gruppierungen oder Leute mit dekadentem Aussehen, denn das ist fast so ... Denn meine Kinder haben Angst vor solchen Typen wie Sie, muss ich ehrlich sagen."

Jedes Wort ist dokumentiert, jede Bewegung aufgenommen. Doch keine versteckte Kamera sah in dem Verhörraum zu, sondern Dokumentarfilmer standen für jeden sichtbar neben Festgenommenem und Polizisten. Keiner hinderte die Filmer an ihrer Arbeit. Allerdings wurde der Streifen nie veröffentlicht. Die Polizisten offenbarten sich einem geheimen DDR-Drehstab, den selbst Kenner der Filmbranche damals nicht kannten. Die Bilder existierten offiziell gar nicht. Eine Woche lang gingen die Reporter bei der Volkspolizei ein und aus, geradeso, als gehörten sie dazu. Sie sahen zu, wie Polizisten Menschen verhafteten, wie die Genossen im Dienstzimmer vorm Fernseher saßen und lachend Eishockey guckten - USA gegen DDR, Spielstand 5:3. Honecker baumelt im Bilderrahmen über ihnen, draußen fahren die Ladas mit Blaulicht zum Einsatz, drinnen wird der Junge verhört. Alltag im Berliner Revier. Ordnungshüter und Dokumentaristen scheinen Gleichgesinnte, wirken wie Verbündete, sind es aber nicht. Das jedoch stellt sich erst viel später heraus.

Film zwei ab: Ein Kranfahrer erzählt von seiner Arbeit im VEB Elektrokohle Lichtenberg. Hinter ihm klappert im Dunkeln eine Maschine, es dampft, Arbeiter mit verschmierten Gesichtern schauen ins Objektiv. "Vor zehn, fünfzehn Jahren sah es in unserem Betrieb noch wesentlich freundlicher aus", sagt Harry Krause. "Viel sauberer war es, da funktionierten die Absauger noch, da wurde viel mehr für die Instandsetzung und die Wartung getan. Jetzt gibt es mehr Maschinen, aber weniger Leute." Die Kamera schwenkt durch die morbide Werkhalle. "Wir können uns nicht damit abfinden, dass alles verdreckt. Das geht uns gegen den Strich. Verändern können wir nichts." Klare Worte, deutliche Bilder, gefilmt von den Dokumentaristen, die weder für die "Aktuelle Kamera" noch die Sendung "Prisma" arbeiteten, sondern den Film im Archiv verschwinden ließen.

Film drei ab: Ein älteres Ehepaar sitzt in einer Berliner Altbauwohnung und erklärt in die laufende Kamera, dass es in ihren Zimmern ewig schimmelte, weil es 20 Jahre durchs Dach geregnet hat. Eimer und Schüsseln standen immer in der Küche bereit. Erst als sie den Beamten richtig Dampf gemacht hätten, wäre jemand gekommen. Die Frau sagt: "Da bin ick erst ma hin bei ihr und hab jesachd, die Wohnung wird gemacht ... Ich hab nicht lockergelassen, ich hab so ein Rabatz gemacht, ich hab die so abgerahmt, dass der Hund keen Knochen mehr von die nimmt, so schlecht hab ick die gemacht." Ihr Mann greift ein: "Das kannst du doch nicht sagen, hier läuft eine Kamera." Die Frau: "Kann ich sagen, so war's, ich hab's gemacht." Szenen einer Ehe im Altbau, nie verwendet für einen Spielfilm, nie gesendet im DDR-Fernsehen.

Von 1971 bis 1986 entstanden insgesamt 300 geheim gehaltene Filme in und um Berlin, in Leipzig, Rostock, Dresden. Jahrzehnte lagen die Aufnahmen in Regalen und wurden vor drei Jahren von den Dresdner Filmemachern Thomas Eichberg und Holger Metzner sowie der Leipziger Filmwissenschaftlerin Anne Bahrnert entdeckt. Bis dahin kannten nur die einstigen Filmemacher das versteckte Zelluloid.

Mehr als 40 Jahre nach den ersten Aufnahmen wird jetzt der Blick in den Alltag der DDR-Bürger wieder sichtbar. Das Land hatte sich selbst beobachtet und das für einen speziellen Zweck. Filmmaterial aus alter Zeit wird behandelt wie ein Schatz, weil es Geschichte nacherleben lässt. Die Filmrollen wurden in einem Forschungsprojekt nach und nach erschlossen, registriert, restauriert und digitalisiert. Die Reporter, die damals in der Republik unterwegs waren, gehörten zur Staatlichen Filmdokumentation (SFD). Die einstigen Auftraggeber aus dem DDR-Kulturministerium würden sich nachträglich schwarzärgern, wüssten sie, dass die Dokumente heute als große Entdeckung präsentiert werden. Denn hinter der Arbeit der Drehgruppe stand ein ganz anderes Motiv. Die Aufnahmen sollten 50 Jahre später, wenn der Kommunismus erfolgreich gelebt würde, von den schweren Anfängen beim Aufbau des Sozialismus erzählen. Zeitreise in die Vergangenheit. Und so existiert beispielsweise ein Film, in dem im November 1973 Karl Mewis, Mitglied des Zentralkomitees der SED, ohne propagandistische Hintergedanken aus seiner Sicht von der Bildung der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) in Rostock berichtet.

Film vier ab: Mewis sitzt in einem Sessel und sagt über die Bauern: "Ihre Eigentümerinstinkte waren so stabil, dass sie bereit waren, alles zu tun, Haus und Hof anzustecken, aber nicht in die LPG. Und die Frage stand vor unseren Genossen, was machen wir. Ideologisch allein ging das nicht ..." Mewis erzählt mit verschmitzter Miene für Menschen in der kommunistischen Zukunft, wie Arbeiter aus der Industrie Dörfer tagelang umstellten, bis sie sich entschieden hatten: "Das war mehr als moralischer Druck."

Am Rosenthaler Platz in Berlin bekamen die Mitarbeiter des SFD ein Studio in Räumen unterm Dach eines Mietshauses. Ihr Auftrag hieß in den 1970er-Jahren, Prominente ablichten. In den 1980er-Jahren sollten sie den Alltag der Bürger in der Deutschen Demokratischen Republik festhalten. 15 Jahre lang blieb das Studio am gleichen Platz. Von hier aus sammelten die Reporter Bilder aus dem sozialistischen Land. Es blieb fast bis zum Schluss ein unauffälliges Unternehmen. Aber nur fast. Denn die Drehgruppe ging zum Beispiel an die Berliner Mauer, sie dokumentierte, wie ein Hauptmann der DDR-Grenztruppen berichtet, wie Anwohner helfen, mögliche Flüchtlinge schon frühzeitig zu verhaften. Das erweckte erstes Misstrauen bei den Funktionären im Kulturministerium, ob die SFD sinnvoll sei.

Film fünf ab: Der Hauptmann steht in Uniform vor der Berliner Mauer: "Ich möchte betonen, dass ich mich bei der Sicherung der Staatsgrenze auf die gute Zusammenarbeit mit der Grenzbevölkerung berufen kann. Sie helfen einem, indem sie gute Informationen geben, andererseits helfen sie mit dabei, Ruhe und Ordnung durchzusetzen, sie helfen weiterhin mit dabei, rechtzeitig irgendwelche Personen, die nicht ins Grenzgebiet gehören, rechtzeitig anzusprechen und nehmen sie vorläufig fest und übergeben sie oft an uns, damit eine Grenzverletzung von vornherein verhindert werden kann ..." Dann zeigt der Film die Grenzanlage mit Panzersperren und einen Anwohner im Anzug in seiner Wohnung. Aus seinem Fenster blickt er auf die Grenze und sagt: "Es treten auch Momente auf, wo man sagt, das ist unschön. Leute, die schon von außen her recht verkommen aussehen, dann mitunter an diesem Treppchen stehen und in provokatorischer Absicht, das merkt man heraus, unseren Genossen Soldaten auf dem Postenturm Worte zurufen, die also einen, nach unseren Begriffen, staatsfeindlichen Charakter tragen ... Das vom Westen strapazierte Gesäusel vom sogenannten Schießbefehl wird sehr oft von diesen Personen in den Mund genommen ... Man ruft: Ihr feigen Hunde, Schweine, die auf die eigenen Leute schießen. Obwohl, ich muss sagen, hier an diesem Abschnitt der Grenze hat es so etwas noch nicht gegeben." Ein brisantes Stück Realität.

Filmwissenschaftlerin Anne Bahrnert sagt: "Problematisch wurde es für die Staatliche Filmdokumentation, als das gesellschaftliche Klima umschlug und man nicht mehr selbstverständlich davon ausging, dass die negativen, hässlichen, widersprüchlichen Erscheinungen im Alltag verschwinden. Je mehr der Glaube daran, dass die DDR sich automatisch verbessern würde, verschwand, desto mehr verschwand der Glaube daran, dass die Staatliche Filmdokumentation im System zweckmäßig ist. Es verstärkten sich damit die Zweifel, ob man sich hier nicht eine Instanz geschaffen hatte, die viel zu kritisch war."

Als letzter Affront galt der Streifen über das Berliner Polizeirevier auf der Brunnenstraße im April 1985. Thomas Heise, heute einer der erfolgreichsten Dokumentaristen Deutschlands, arbeitete nach seinem abgebrochenen Regiestudium seit 1984 bei der SFD und freut sich nach wie vor über seinen einstigen Coup, hinter die Kulissen der Staatsmacht vorgedrungen zu sein. Über das Innenministerium fädelte er den Zutritt in das Revier ein, bestellte früh um acht den verantwortlichen Genossen zu sich ins Studio und machte alles klar. So fragt später in dem Revier keiner, was die Filmer da wollen, sondern alle gehen selbstverständlich davon aus, dass das so sein muss. Allen scheint klar, hier dreht ein Polizeifilmteam. Heise sagt: "Das finde ich ja interessant, dass es in einer Diktatur wie der DDR überhaupt kein Problem war, dass sich Leute vor der Kamera um Kopf und Kragen redeten. Die hinter der Kamera wurden als Verbündete wahrgenommen."

Irgendwann fliegt die Sache doch auf, und die Dokumentarfilmer bekommen Drehverbot. Zum Kamerateam von Thomas Heise gehörte damals Peter Badel. Er arbeitet heute als Professor an der Filmuniversität Babelsberg. Er sagt, dass die Staatliche Filmdokumentation eine typische Erfindung der DDR gewesen sei. "Die DDR wusste, dass sie Defizite hatte, und wollte die gleichzeitig bekämpfen, aber so, dass es nicht alle merken. Das Material war durch die SFD vorhanden. Wir wussten, dass unsere Filme damals nicht gezeigt wurden, aber vielleicht in 100 Jahren. Das war eine Motivation, die mir guttat." 1986 schloss die Staatliche Filmdokumentation, es fehlte an Material, an Geld und am Interesse des Kulturministeriums, das die kritischen Filme nicht mehr wollte. Der Kommunismus brach nicht aus, die DDR verschwand, aber die bewegten Zeitzeugnisse blieben.

Der Dresdner Filmemacher Thomas Eichberg drehte einen Film über die Geschichte der SFD. "Der heimliche Blick" ist am 17. März um 22.45 Uhr im RBB zu sehen.

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