Der Autosammler

Ein Chemnitzer ist davon besessen, die Produktion von Kindertretautos in Europa mit originalen Exponaten zu belegen. Jetzt hat er den Beweis, dass auch von Zschopau aus solche Minis verkauft wurden.

Vor einem Jahr erhielt Eckart Holler einen Anruf von einer jungen Frau aus Dortmund. Sie war auf den Chemnitzer durch einen Film im Bayerischen Fernsehen aufmerksam geworden. Darin ging es um die Produktion von Ferbedo-Kinderfahrzeugen in Nürnberg/Fürth - und um Eckart Holler, der Kindertretautos sammelt. Die Frau schickte dem Chemnitzer Fotos von einem alten Auto, auf dem ihr Großvater als Kind viele Runden gedreht hatte, und erkundigte sich nach dem Wert. Holler war wie vom Blitz getroffen. Es waren Bilder von einem Kinderfahrzeug, das laut Fachliteratur nirgendwo mehr existierte. "Ich schrieb ihr, dass es sich um ein Fahrzeug aus Zschopauer DKW-Produktion handelt, dass das Auto 'Blitz' hieß und 1930 für Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren in kleinen Stückzahlen, aber mit vielen Extras gebaut wurde", erzählt der 73-Jährige.

Etwas später meldete sich die Frau erneut. Ihr Großvater habe ihr das Auto überlassen. Sie solle es verkaufen und sich von dem Erlös einen Wunsch erfüllen. Holler machte ein Kaufangebot, versicherte, dass das Fahrzeug bei ihm in guten Händen wäre und einen würdigen Platz in seiner Kinderfahrzeugsammlung im Pohl-Ströher-Depot im erzgebirgischen Gelenau bekommen würde. Genau dort, wo schon das bayerische Fernsehteam gedreht hatte. Ein viertel Jahr hörte der Sammler und Restaurator nichts mehr - bis wieder das Telefon läutete. Die Frau erzählte, dass sich ihr Großvater jede Woche die Fernsehsendung "Bares für Rares" anschaue und sie gedrängt habe, ihr Auto dort zu verkaufen. Am 4. Dezember 2017 werde sie in die Sendung gehen - zur Aufzeichnung. Holler konnte die Frau nicht von der Fahrt ins Studio zu Horst Lichter abhalten. Sie verkaufte für 1450 Euro.Doch der Chemnitzer gab nicht auf. Wochen später gelang es ihm, das einmalige Stück über den Kunsthandel doch noch zu ergattern. Er legte dafür noch einige Scheine drauf. Seither gehört die Rarität ihm. Das Auto ist nun im Rahmen der Osterausstellung im Pohl-Ströher-Depot zu sehen. Der Sonderausstellungsbereich trägt das Motto: "Die Kleinen unter den großen Ringen". Gemeint sind die Ringe der Auto Union, des ersten deutschen staatlichen Automobilkonzerns, der eben auch Automobile für die Jüngsten baute. Rund 140 Kindertretautos aus der Privatsammlung Holler sind in Gelenau insgesamt ausgestellt. Rund 50 weitere Fahrzeuge von ihm bereichern Sonderausstellungen anderer Museen.

Dass die Zschopauer Motorenwerke kurze Zeit Kindertretautos bauen ließen und vertrieben, wissen nur wenige Experten. Sicher weiß es der heute 78-jährige Urenkel des Firmengründers, Jørgen F. Rasmussen, der mit seiner Familie bis 1948 in Zschopau lebte und inzwischen mehrmals wieder im Erzgebirge war. Allerdings heißt es in allen historischen Unterlagen, dass kein Exemplar erhalten geblieben ist. Auch Holler glaubte das: "Es waren Autos zum Spielen und Fahren für Kinder. Ersatzteile gab es nicht. Was sich nicht mehr reparieren ließ, kam in den Müll."

Den Beweis dafür fand der Chemnitzer in Wien. Dort lebt Walter Krögler. Er besitzt die größte private Kinderfahrzeugsammlung in Europa. Holler und Krögler sind Tauschpartner. "Er weiß, was ich suche", sagt Holler. Und so kam es nicht von ungefähr, dass Krögler ihm eines Tages von einem völlig desolaten "Teufelchen" berichtete: einem einfachen Kinderauto für maximal Fünfjährige, das ebenfalls durch DKW in Zschopau vertrieben wurde. "Vieles war kaputt, Bleche waren liederlich angesetzt und übermalt worden und hielten das Chassis geradeso zusammen." Jetzt ist es restauriert und erstrahlt in ursprünglicher Farbgebung - ebenfalls im Depot in Gelenau.

Auf acht weitere solche "Teufelchen" stieß ein Freund von Jørgen F. Rasmussen bei Ebay. Sie stammten von einer alten Kinderreitschule. Allerdings existierten nur noch die Karossen. Eins davon steht inzwischen als Leihgabe im Industriemuseum Chemnitz, ein weiteres in der Motorradsammlung auf Schloss Wildeck in Zschopau. "Ich freue mich über alle Exponate und Erkenntnisse, die die Geschichte unserer Familie und unserer Firma beleuchten. Auch über das Engagement von Herrn Holler", sagt der in Hessen lebende Rasmussen-Nachkomme.Holler hat, wie er selbst sagt, eigentlich schon immer einen Tick für Autos. Nach der 10. Klasse erlernte er den Beruf eines Kfz-Elektrikers, studierte anschließend in Mittweida Elektrotechnik/Konstruktion und arbeitete danach in verschiedenen Entwicklungsabteilungen des DDR-Fahrzeugbaus. Schon als junger Mann fuhr er gern Rallyes, die längste 1969 über zwei Tage und eine Nacht mit einem Skoda quer durch die DDR. Privat habe er bis zur Wende irgendwann alle Wartburg-Typen gefahren, sagt er. 1993 machte er sein Hobby, das Restaurieren alter Möbel und erzgebirgischer Volkskunst, zum Beruf. Und so lernte er am 14. April 2002 auch jene ältere Dame kennen, deren Namen ihm zunächst gar nichts sagte: die Wella-Erbin Erika Pohl-Ströher. Bei einem Besuch in Seiffen erhielt sie den Hinweis auf Holler. Sie kaufte bei ihm mit geschultem Blick einige Raritäten und machte ihn später zu ihrem Berater für ihre Sammlungen. Als es nach der Eröffnung der Terra mineralia in Freiberg und der Manufaktur der Träume in Annaberg-Buchholz darum ging, in Gelenau für weitere Sammlungen von Pohl-Ströher ein Depot einzurichten, war Holler beim Pläneschmieden wieder mit im Boot. "Die Chemie zwischen uns stimmte. Wir waren uns in vielem sehr ähnlich", erzählt Holler über die im Dezember 2016 gestorbene Mäzenin.

Weil er befürchtete, das Depot in Gelenau könnte angesichts hunderter Puppen und Teddys von Pohl-Ströher zu "feministisch" ausgerichtet werden, wendete er sich selbst Kinderfahrzeugen zu. Er begann, Tretautos zu sammeln, egal in welchem Zustand sie waren, und sie in der Ausstellung in Szene zu setzen. Erika Pohl-Ströher beobachtete sein emsiges Treiben mit Wohlwollen, sah den Sammler nie als Konkurrenten, sondern als Partner. Das erste DDR-Auto, ein "Bambino" der Firma Werner Bächtinger, erwarb Holler 2010. Er verkaufte seinen privaten Oldtimer, einen Jaguar, Baujahr 1958, den er zuvor fünf Jahre restauriert hatte, und verfügte damit über das nötige Grundkapital für seine heute in Deutschland einmalige private Kindertretautosammlung.

"Mir ging es nie um eine lückenlose Sammlung, sondern um heraussragende Stücke der einzelnen Hersteller." Auf fast 40 Firmen kommt er mittlerweile. Vieles hatte er quasi als Schrott übernommen und restauriert. Zu den jüngsten und überraschendsten Errungenschaften gehört der Tretroller "Pittylein", der im VEB Kinderwagenwerk Luckenwalde von 1958 bis 1962 in Anlehnung an den Pitty-Roller für Erwachsene produziert und für 93,60 Mark verkauft wurde. Anfang Januar war er in "Bares für Rares" von einem Mann verkauft worden. "Damit war er für mich weg. Kurz darauf bot mir aber ein Mann aus dem Erzgebirge den 'Pittylein' im Tausch gegen ein anderes Fahrzeug an", erzählt Holler. "Ich wusste bis dahin gar nicht, dass es den 'Pitty' auch als Kindertretroller gab."

Eine andere Rarität ist ein "Tri-Ang", ein Fahrzeug der englischen Marke Triumph, Baujahr 1932. Der an der Mosel lebende 76-jährige Besitzer war im Internet auf den Sammler Holler gestoßen und fragte, ob er Interesse habe. Sein Vater hatte es ihm 1947 bei seiner Rückkehr aus britischer Gefangenschaft mitgebracht, er trug es wie einen Rucksack auf dem Rücken. Jetzt steht es in Hollers Werkstatt.

Die Kindertretautosammlung von Eckart Holler ist im Rahmen der Osterschau im Pohl-Ströher-Depot in Gelenau bis 15. April immer Freitag bis Sonntag sowie Ostermontag von 10 bis 18 Uhr zu sehen.

Dieser Beitrag erschien in der Wochenendbeilage der "Freien Presse".

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