Der Clown mit den traurigen Augen

Heute wird Hans-Eckardt Wenzel 60 Jahre alt. Wie kaum ein anderer singt er seiner Zeit und deren Genossen ironische, kritische, melancholische Lieder vom Widerstehen.

Chemnitz.

"Dagegen muss man doch was tun", ruft Wenzel manchmal in seinen Konzerten, wenn er von den jungen Neonazis erzählt, die ihm begegnen. Wenn er feststellt: "Stacheldraht, Elektrozaun - etwas Bessres hat die Welt doch wohl niemals hergestellt." Wenn er vom Lagerfeuer singt, an dem die Altlinken plötzlich für den Krieg in Afghanistan sind, obwohl sie doch wissen müssten, dass Frieden und Freiheit noch nie mit dem Panzer gekommen sind.

"Dagegen muss man doch was tun" - das hat der heute vor 60 Jahren bei Wittenberg geborene Hans-Eckardt Wenzel in der DDR gelernt wie viele seiner Zeitgenossen, die die "Da Da Er", wie er sie später nannte, vor allem als ein Land sahen, das man verändern musste, und die eine wirkliche Alternative zu der Gesellschaft suchten, in der der Mensch dem Menschen ein Wolf ist.

Von den ersten Konzerten in Hinterzimmern oder kleinen Studentenbuden, weil der geplante Saal plötzlich aus "unerklärlichen" Gründen doch nicht zur Verfügung stand, über die legendären Auftritte mit Steffen Mensching, nicht nur in der "Hammer-Rehwü", bis zu den heute gefeierten Auftritten vor großem Publikum und inzwischen mit zahllosen Preisen gekrönt, hat der an Marx und Walter Benjamin, an Theodor Kramer und Bertolt Brecht geschulte Wenzel das unheilvolle Wesen hinter dem mehr oder weniger schönen Schein des real existierenden Sozialismus wie Kapitalismus gesehen - oft mit einem bitter lachenden und einem ehrlich weinenden Auge.

Er wird es oft hören heute: Alles Gute zum Geburtstag; und es wird ein Herzenswunsch sein - auch wenn Wenzel selbst am allerbesten weiß, dass nie "alles" gut wird - aber dafür, dass wir das Schlimme nicht übersehen, dafür, dass ein bisschen mehr gut wird, als es ohne uns würde, dafür, dass sich Menschen nicht allein fühlen in ihrer Trauer um vertane Möglichkeiten - ganz persönlich und auf dem ganzen Planeten - dafür hat Wenzel immer gesungen und singt noch heute. Manchmal ist ihm, dem Dialektiker, die Enttäuschung darüber anzumerken, dass die Menschen offenbar aus Schaden nicht klug werden und dass dagegen auch Singen wenig hilft. Dann scheint es, als würden dem Sänger, dem Clown mit den traurigen Augen, die Fragen langsam ausgehen, da es doch schon schwer genug ist, Antworten zu finden.

Aber selbst dies scheint er hellsichtig vorausgesehen zu haben, als Wenzel einem seiner Gedichtbände den Vers von E. E. Cummings voranstellte: "Selbst sonntags möcht ich lieber im Unrecht sein / Denn wer immer im Recht ist, der ist nicht mehr jung." Selbst daraus wird jedoch noch eine wunderbare "Neue Hymne für Europa", die Wenzel dem Kontinent gerade geschrieben hat: "... es ist kein Land, es ist kein Traum, es ist, was uns zerbricht, so ein Europa braucht man kaum, nein, dies Europa will ich nicht". Und was Wenzel noch zu wünschen ist, das hat er uns schon längst gewünscht, damals in der "Hammer-Rehwü": "Halt zur Stange / Sei kein Schwein / Auch wenn alle anderen jammern, / Übst du dich mit Vorschlaghammern / Und haust rein."

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