Der Kritiker der Kritiker

Thilo Sarrazin hat gestern in Berlin sein neues Buch vorgestellt. Einer der profundesten Kommunikationswissenschaftler Deutschlands ordnete es ein. Wer mitreden will, sollte es lesen.

Berlin.

So schlicht geht es nicht! Als Thilo Sarrazin gestern in der Bundespressekonferenz sein neues Buch vorstellt, rechnet ihm eine Journalistin vor, wie viele Interviews er gegeben, in wie vielen Talkshows er gesprochen hat. Mithin sei doch Meinungsfreiheit garantiert, wenn selbst er, Sarrazin, sagen kann, was er will. Und ja, wenn er die Folgen seines Geredes nicht aushalten, den Preis nicht ertragen könne, sei es seine Sache. Eigene Schuld.

"Der neue Tugendterror - Über die Grenzen der Meinungsfreiheit in Deutschland" behandelt zwar auf 68 von rund 400 Seiten Sarrazins eigene Erfahrungen mit den Medien. Das Buch geht aber weit darüber hinaus. Dies attestiert, noch bevor Sarrazin selbst ans Rednerpult tritt, Hans Mathias Kepplinger, einer der renommiertesten Kommunikationswissenschaftler in Deutschland. Die rechtliche Garantie der Meinungsfreiheit sei eine notwendige, aber eben noch keine hinreichende Grundlage ihrer Verwirklichung.

Kepplinger führt eine Untersuchung aus dem Jahr 2013 an, nach der rund ein Drittel der deutschen Bevölkerung nach Vorlage von 21 kontroversen Meinungen sagte, zehn davon solle man verbieten. "Zugleich glaubte jeweils die Hälfte, wenn man diese Meinungen äußere, könne man sich ,leicht den Mund verbrennen'." Die Differenz zwischen garantierter Meinungsfreiheit und "Mund verbrennen" ist - einfach gesprochen - das, was der Medienkritiker Sarrazin behandelt.

Kepplinger analysiert vor den Journalisten, sachlich und nüchtern wie es einem Professor zukommt, Sarrazins Buch. Dabei konstatiert er zunächst einen Rollenwechsel. Während Sarrazin als Autor von "Deutschland schafft sich ab" Beobachter und Kritiker der gesellschaftlichen Entwicklung gewesen sei, so argumentiere er nun in "Der neue Tugendterror" als Betroffener der Medienresonanz, analysiere und kommentiere seinen eigenen Fall.

Auch die Rolle der Medien habe sich gewandelt: Waren sie damals Kritiker der Positionen Sarrazins, sind sie nun selbst Gegenstand seiner Beobachtungen und Kritik. Das neue Buch werde zeigen, so Kepplinger, inwiefern die Medien bereit und fähig zur Selbstkritik sind. "Die entscheidende Frage wird lauten, ob die Medien seine - Sarrazins - Beispiele totschweigen oder aufgreifen, beziehungsweise ob sie diese nachdenklich diskutieren oder den Autor diskreditieren", sagte Kepplinger.

Was steht Brisantes auf diesen 400 Seiten? Unter den Journalisten der Bundespressekonferenz, die das Buch ganz, halb oder gar nicht gelesen hatten, waberte die Meinung, er habe seinen Fall und die Thesen zur Bildungspolitik und die Aussagen zur Erblichkeit von Intelligenz aufgewärmt. Auch seien seine Ausführungen zur Ersetzung beziehungsweise Eliminierung bestimmter Wörter - Neger, Zigeuner und Hilfsschüler - interessant. Und ansonsten? Kaum Neues.

Dabei hat Sarrazin, das, was sich als journalistische Elite in Deutschland versteht, vorgeführt. Dass er Beispiele aufführt, bei denen ihm Falschaussagen in den Mund gelegt oder Äußerungen "pointiert zusammengefasst" wurden, mag an manchem Journalisten ja abperlen wie Wasser auf der Lotosblume. Frei nach dem Motto, der Zweck heiligt die Mittel. Die Kritik von Sarrazin geht aber tiefer. Er wirft seinen Kritikern vor, nahezu systematisch empirische Daten verschwiegen und stattdessen seine Darstellung durch undifferenzierte Pauschalurteile - wie dem, dass er ein Quartalsirrer und Rassist sei - diskreditiert zu haben. Als Ziel dieser Diskussionsverweigerung und Falschdarstellung sieht Sarrazin die Unterdrückung einer rationalen Auseinandersetzung mit den von ihm dargestellten Problemen. Es liege hier eine Tabuisierung im Sinne Sigmund Freuds vor.

Sigmund Freud? Den Psychoanalytiker haben die meisten Journalisten ad hoc nicht abrufbar. Sonst hätten sie fragen müssen, inwiefern die Freudsche Theorie nach heutigem Wissensstand noch belastbar ist. Jene Theorie vom Tabu, nach der die Tabuwächter - was Sarrazins Gegner sind - unbewusst genau das selbst wollen, was sie den Tabubrechern vorwerfen und an ihnen stellvertretend bestrafen. Mindestens all jene, die den moralischen Zeigefinger gegen Sarrazin erhoben, müssten hierüber jetzt diskutieren.

Im letzten Kapitel des Buches listet Sarrazin 14 Positionen seiner Gegner als Postulate auf und stellt seine Meinung dagegen. Dieses Kapitel hält Kepplinger inhaltlich für problematisch: Sarrazin mische bei der Darstellung der Gegenposition weithin akzeptierte mit extremen Positionen. Hauptsächlich setzt er sich auf diesen Seiten mit Gleichheit und Ungleichheit auseinander, mit dem Unterschied zwischen Gerechtigkeit und Gleichheit, zwischen Gleichheit der Chancen und Ergebnisgleichheit. Nicht zuletzt wirft er die Frage auf, wieviel Gleichheit eine Gesellschaft verträgt und ab wann postulierte Gleichheit auf Kosten der realen Freiheit geht.

"Gleichgeschaltet sind wir noch nicht", schreibt Thilo Sarrazin. Aber der Gleichheitswahn nehme eine quasi-religiöse Färbung an, streife und überschreite häufig die Grenze zum Tugendterror. Und Prinzip des Tugendterrors sei es, Meinungen moralisch auszugrenzen. In diesem Sinne sehe er sich als Opfer. Irgendwie auserwählt fühlt er sich aber auch. Denn als er gefragt wurde, was das Buch soll, verwies er zunächst auf Karl Marx und dessen Schriften. Zwar wolle er nicht in einer Reihe mit dem Philosophen stehen und maße sich das auch gar nicht an. Aber dennoch - nun ja, Gedanken verändern die Welt.

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2Kommentare
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    Interessierte
    16.09.2014

    Man könnte der Meinung sein , dass jeder verunglimpft wird , der hier nicht so mitspielt , wie man es derzeit gern hätte ....
    Aber ich glaube , so war es schon immer !

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    berndischulzi
    25.02.2014

    Das Tolle ist, das ein Großteil seiner Behauptungen und Thesen durch unsere Meinungsmacher eindrucksvoll bewiesen werden. Denn Sie verunglimpfen ihn in genau der Art, welche er beschreibt, besser geht´ s nicht.



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