Der Sinn des Lebens ist Leben

Der Dresdner Komponist Sven Helbig hat mit "I Eat the Sun and Drink the Rain" eine berührende Kantate geschrieben, die zwischen Klassik und Moderne tief ins menschliche Gemütswesen eindringt und dort eine Trostkraft entwickelt, die einem Johann Sebastian Bach immer fehlen wird.

Dresden.

Gott ist eine Konstruktion, und das hört man der Musik von Johann Sebastian Bach an: Sicher, es ist ein ausgesprochen kunstvolles Konstrukt, reich verziert und für sehr viele Menschen verehrenswert schön - letztlich aber doch nicht mehr als ein Gerüst. Ein statisches Stützwerk, das die Kopfgeburt einer Himmelskuppel an einer Stelle im menschlichen Welthaus halten soll, wo sie von Natur aus nie war. Einfach, weil da gar keine Kuppel ist, sondern offener Raum. "Sky-clad", also "himmelsgekleidet", nennen es die Naturverehrer des Wicca-Glauben, wenn man nackt ist, und nutzen den Umstand, dass es im Englischen passenderweise zwei Worte für den missverständlichen deutschen "Himmel" gibt: einen spirituellen "heaven" nämlich - und einen wirklichen "sky".

Dass Letzteres, ganz leer und gottlos, keine Konstruktion, sondern Urzustand ist, hört man der Musik des Dresdner Komponisten Sven Helbig an. Seine neue Kantate "I Eat the Sun and Drink the Rain" (deutsch: "Ich esse die Sonne und trinke den Regen") versammelt zehn Chorstücke für das 21. Jahrhundert, die das Missverständnis um den "Himmel" ebenso respektvoll wie nachvollziehbar beim Hörer auflösen. Aus leisen, einfachen Gesängen webt Helbig, durchwirkt von elektronischen Tautropfen, eine so tief tröstliche, wärmende Musik, die unaufhörlich in die Seele sickert und dort einen Detailreichtum entfaltet wie die Wurzel eines Baumes, die sich in die Erde gräbt. Einerseits meditativ und sinnlich, andererseits kunstvoll klar gesetzt, schenkt einem das Werk eine Idee von Freiheit aus der Natur selbst. Helbigs Musik schreitet romantische Wärme ebenso ab wie eisige Reibung, ist kühlender Wind wie brennendes Salz, entlarvender Schatten wie blendendes Licht.

Ausgangspunkt für "I Eat the Sun and Drink the Rain" war für den Komponisten dabei eine durchaus religiöse Frage - die nach Erlösung. Die Sehnsucht nach Trost. In seinen zehn Stücken spürt er dabei ganz verschiedenen Antworten nach, vom "Agnus Dei" mit der christlichen Erlöser-Projektion bis zur menschlichen Hybris im "Maibaum": "Ein Baum keinen ,Schatten spendet'. Der Schatten ist nur da wegen eines Zusammenspiels aus Zufällen und sich gegenseitig bedingenden Notwendigkeiten, die nichts mit uns zu tun haben. Doch aus diesem Grund ist es ja umso schöner, dass wir uns in den Schatten setzen und seine angenehme Wirkung genießen können", findet Helbig: Er verkleinert den Hörer mit seiner Musik vor dem Universum. Die Erkenntnis, dass all die von uns empfundene Schönheit eben keiner höheren Idee, sondern Zufällen folgt, fühlt sich bei Helbig unglaublich warm an, frei und großartig, undogmatisch und: richtig. "Der Sinn des Lebens ist Leben", hat das der Rapper Casper in seinem "Grizzly-Lied" einmal genannt. Nur, dass das bei Helbig ohne Kampf funktioniert, ohne Wut: Man lege sich ins Gras und betrachte die übervolle Leere des Himmel-Alls.

Bachs Musik ist wie die Gottesidee: Außen zierreich und komplex, im Kern aber ideell schlicht. Bei Helbig ist es umgekehrt: Die äußerlich simple Musik entfaltet innen eine flirrende Vielfalt, die zahllose Ideen und Betrachtungen zu- und freilässt. Für seinen Chor verwendet Helbig daher nur Textfragmente. "Ich finde es schön, wenn die Stücke als reine Instrumentalmusik wahrgenommen werden. Texte sind etwas zum Nachlesen, die Stimme soll hier reines Instrument sein." Dass gelingt vorzüglich: Dass Worte im Chor teilweise erahnt werden, verleiht der Musik gelegentlich einen mystischen Schimmer, der jedoch nicht als Effekt aufgeblasen wird: Der Hörer wird angeregt, aber nie in die Irre geleitet. Was dem Komponisten, der immer von traditionellen Klassik-Techniken ausgeht und diese dann in der Zeit auflöst, sehr wichtig ist: Kunst darf für ihn keine elitäre Veranstaltung sein, gerade wenn sie so tief reflektiert wie seine: Da ist und bleibt Helbig ganz das Arbeiterkind, als das er 1969 in Eisenhüttenstadt geboren wurde: "Ich will dem Hausmeister sagen können: ,Ich komponiere', ohne hinzufügen zu müssen: ,Aber nicht für dich'."

Der elitäre Klassik-Betrieb ist dem Mitbegründer der Dresdner Sinfoniker daher oft suspekt. Die Deutsche Grammophon, immerhin das vielleicht renommierteste Klassik-Label des Landes, verließ er nach seinem letzten Werk "Pocket Symphonies", einer großartigen Sammlung von Orchester-Miniaturen: "Die richten sich an ein sehr enges, traditionelles Publikum. Ich liebe klassische Musik, aber ich sehe mir das immer ein bisschen von außen an, weil es letztlich doch wenig mit dem Leben zu tun hat. Klassik ist in meinem Erlebniskreis eine schöne, aber auch nur sehr spezielle Dekoration, und ich denke, das geht vielen Menschen so." Sein neues Label "Neue Meister" ist da wesentlich offener - dort sucht man nach der Synthese aus Alt und Neu.

 

Helbig wird oft vorgeworfen, dass er Pop sei, weil er mit Bands wie den Pet Shop Boys oder Rammstein gearbeitet hat - nicht selten von Menschen, die Bach ernsthaft für den größten Komponisten aller Zeiten halten. Doch diese übersehen, dass allein die Idee, es könne so etwas wie den "größten Komponisten aller Zeiten" überhaupt geben, in ihrer genussfreien Dogmatik bereits schrecklich unmusikalisch ist: "I Eat the Sun and Drink the Rain" ist nicht trotz, sondern auch wegen der sinnlichen Zugänglichkeit eines der diskursivsten, eindringlichsten Musikstücke aktueller Moderne.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...