Der Steiger bleibt

Herbert Grönemeyer ist auch live ein Phänomen, selbst mit 60. Über ein Konzert in Dresden, das viele glücklich machte.

Dresden.

Nein, die Dinos sterben nicht aus, jedenfalls nicht alle und auch nicht jetzt. Die Vermutung hätte zwar nahegelegen, nach all den Nachrufen der vergangenen Wochen. Immerhin ist Prince jetzt tot, genauso wie David Bowie, Lemmy Kilmister und Achim Mentzel. Aber, aber: Am Dienstag vergangener Woche ist Bob Dylan 75 geworden. Einen Dienstag davor durfte Udo Lindenberg 70 Kerzen auspusten, und weitere fünf Wochen davor war Herbert Grönemeyer mit seinem Sechzigsten dabei.

Nur, dass man das einfach nicht glauben kann, wenn man den Flummi-Mann am Montagabend in Dresden auf der Bühne hin- und herrennen sieht. Natürlich wird er vor 25 Jahren, als der Autor zum letzten Mal Herbert live im Konzert erlebte, etwas dünner gewesen sein, auch im Gesicht. Seine Haare waren sicher voller und die Furchen auf der Stirn noch nicht so tief. Aber die Stimme, das Nuscheln, das Po-Wackeln, das Grinsen, die Scherze, vor allem aber der Spaß an der Show - das war vor einem Vierteljahrhundert nicht anders. Auch voll war es schon damals, nur das Wetter eher mäßig, an jenem 19. Mai 1991 auf der Festwiese vor dem Leipziger Zentralstadion.

25 Jahre später spielt Grönemeyer im Stadion von Dynamo in Dresden. Genau dort, wo die Aufsteiger in die Zweite Liga nach Toren oder Spielende die Huldigungen der eingefleischtesten Dynamo-Fans aus dem K-Block entgegennehmen, sprintet Herbert von einer Ecke der Riesenbühne zur anderen. Er hält das zweieinhalb Stunden durch, mit Pausen, wenn er am Piano sitzt, hinter seinem Keyboard steht oder an der Gitarre zupft.

Seit Freitag ist er auf Openair-Tour, am Abend vor Dresden war Grönemeyer im ostfriesischen Aurich. "Hier ist es wärmer, herzlicher und nicht so stoisch, wir sind gerne hier, wir geben alles", verspricht er gleich zu Beginn in Dresden - und hält sich dran. Das Programm ähnelt dem seiner Hallentour aus dem Vorjahr, die siebenköpfige Band ist eingespielt, hält sich aber meist dezent zurück. Auf den drei Videoleinwänden ist meist Herbert zu sehen, wie er singt, wie er lacht, wie er geht.

So sehr er immer wieder mit dem Publikum scherzt - das sich sicherheitshalber umdrehen soll, wenn es ihn im nächsten Lied nicht tanzen sehen kann -, so meisterhaft versteht es Grönemeyer, nebenbei seine politische Botschaft zu platzieren. Montagabend in Dresden, da war doch was? Pegida - fast zeitgleich in der Stadt unterwegs - erwähnt Grönemeyer mit keiner Silbe. Dafür kündigt er "Unser Land" und "Roter Mond" von seiner aktuellen Platte mit ernsten Worten zur Flüchtlingskrise an. In seinen 60 Jahren habe er zwar einiges erlebt, nicht aber, "dass ein Land anfängt, so zu wackeln". Und Dresden? Jubelt. Schon im Januar 2015, als Grönemeyer bei einem Benefiz-Konzert vor der Frauenkirche gegen Pegida aufspielte, hatte er Sachsens Regierungschef Stanislaw Tillich für dessen Der-Islam-Gehört-Nicht-Zu-Sachsen-Aussage "Populismus pur" vorgeworfen und empfohlen, besser vorher darüber nachzudenken, was er sage. Grönemeyer als Instanz.

Der rührendste Moment am Montagabend ist trotzdem ein anderer und, wenn man das bei mehr als 20.000 Zuhörern so sagen kann, ein privater - als Grönemeyer am Klavier sitzt und "Der Weg" anstimmt, jenes Lied für seine 1998 verstorbene Frau Anna. Er selbst, inzwischen frisch neu verheiratet, will alt werden, 96 hat er sich zum Ziel gesetzt, so sagte er es neulich in einem Interview. In Dresden scherzte er, sich sicher zu sein, "dass ich noch mit 89 Konzerte geben werde".

Den Reigen seiner Klassiker in seinem Zweieinhalb-Stunden-Programm eröffnet er mit einem Intro vom "Steiger"-Lied, das nahtlos in "Bochum" übergeht. Bis zum gleichnamigen Album 1984 hatte Sänger Grönemeyer drei Flops und einen Halb-Flop hingelegt - und selbst "Männer" habe man zunächst "nicht mal im Radio in Bottrop" spielen wollen, scherzt er auf der Bühne. Die Begründung damals: "Der singt so komisch." Seinen Stil hat er bis heute beibehalten, zum Glück und zur Freude vor allem seiner mit ihm älter werdenden Fans, die zu den Konzerten auch schon mal mit Kindern oder Enkeln anrücken. Tausendsassa Grönemeyer macht ja auch immer noch viel los, nicht nur mit seinem Label Grönland, das Jungstars wie Philipp Dittberner oder Philipp Poisel unter Vertrag hat. Zur Fußball-EM hat er gemeinsam mit DJ Felix Jaehn den Song "Jeder für Jeden" herausgebracht. Das Dresdner Publikum singt selbst den mit, fast genauso inbrünstig wie bei "Mambo" oder "Zeit, dass sich was dreht" aus dem Zugabenblock. Die WM-Hymne ist auch schon zehn Jahre alt. Aber Grönemeyer kann das vergessen machen, zumindest einen Abend lang.

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