Der Subversive aus dem Erzgebirge

Der in Schneeberg geborene Filmregisseur Egon Günther feiert heute seinen 90. Geburtstag. Mit Preisen überschüttet, hatte in seiner Heimatstadt mit ihm mancher Probleme. Aus diversen Gründen.

Schneeberg.

Mit historischen Literaturverfilmungen und aufwendigen TV-Mehrteilern landet er Publikumshits, fällt zugleich aber in der DDR durch seine Gegenwartsfilme in Ungnade und wird mehrfach Opfer der Zensur. Ende der 70er-Jahre folgt er schließlich einem Angebot in den Westen. Die Rede ist vom bekannten Autor und Schriftsteller Egon Günther, der mit seinen Werken international Aufsehen erregt hat. Diese Erfolgsgeschichte beginnt wie viele eher unscheinbar. Kleine Häuser, enge Gassen, alles überragt der Kirchturm der St. Wolfgangskirche, die Bürger stolz Bergmannsdom nennen. Hier, an der St.-Georgengasse in Schneeberg, in einem tristen, grauen Wohnhaus, wächst Günther auf - einer der schillerndsten Söhne der Stadt. Später zieht die Familie in ein Haus am Schlachthofweg. Hermann Egon, wie ihn das Taufregister führt, wird am 30. März 1927 geboren, am 20. Mai getauft.

Ursprünglich lässt sich Günther zum Schlosser und technischen Zeichner ausbilden. Nach dem Krieg studiert er jedoch Pädagogik, Germanistik und Philosophie, wird erst Lehrer, dann Verlagslektor und beginnt schließlich selbst zu schreiben. Ab Mitte der 1950er-Jahre veröffentlicht er seine ersten Werke, darunter Romane wie "Flandrisches Finale" und "Einmal Karthago und zurück". Später kommt er zum Defa-Studio in Potsdam-Babelsberg. Dort arbeitet er sich ab 1958 vom Dramaturgen und Drehbuchautor zum Regisseur hoch. Sein Regiedebüt feiert er mit "Lots Weib", später folgen Filme wie "Junge Frau von 1914", "Der Dritte", "Die Schlüssel" und der für seine freizügigen Szenen bekannte Streifen "Ursula", der einen größeren Skandal auslöst und erst nach der Wende wieder aus dem Giftschrank kommt.

Der DDR-Spielfilm "Wenn du groß bist, lieber Adam" wird sogar bereits vor der Fertigstellung verboten. Andere Werke wie die Literaturverfilmung "Abschied", die sich gegen Autorität richtet, verschwinden nach kurzer Zeit wieder aus dem Kinoprogramm.

Günther sucht in seinen Filmen immer das formale Experiment, versucht ästhetisch neue Wege zu gehen, und bedient sich dabei oft der Klassiker. So wird er der vielleicht stilistisch auffälligste DDR-Regisseur. Seine Filmsprache ist radikal, mischt surreale Szenen mit dokumentarischen Teilen. Der Regisseur schätzt Improvisation, nimmt dafür auch Fehler in Kauf. Nur unaufrichtig, lau oder mittelmäßig dürfen seine Filme nie sein, so sein Credo.

Eine seiner Musen ist Jutta Hoffmann. Mit ihr dreht er immer wieder Filme. Die Schauspielerin ist jemand, der seine künstlerische Vision teilt. Ihr vertraut er. "Die Arbeit mit Egon Günther war in jeder Phase außergewöhnlich", erzählt sie. Günther habe seine Filme ungewöhnlich genau besetzt und die Schauspieler befreit aufspielen lassen. "Uns zugleich aber rechtzeitig wieder eingefangen."

Für seine Arbeit wird Egon Günther in Ost und West gefeiert. 1972 erhält er 35-jährig den Nationalpreis für "Der Dritte". 1999 den Bundesfilmpreis in Gold für sein Lebenswerk, 2014 einen Stern auf dem sogenannten Boulevard der Stars in Berlin. Aus der Öffentlichkeit hat sich Günther inzwischen verabschiedet, lebt heute wegen gesundheitlicher Probleme zurückgezogen bei Potsdam. Den 90. Geburtstag feiert die Familie im engsten Kreis.

Einer der Günther aus seinen frühen Jahren kennt, ist Günter Triebler (91), ein alter Schulkamerad. Beide lernen sich näher durch das Singen in der Kurrende kennen. "Dass er mal eine große Karriere macht, habe ich aber nie auch nur geahnt", erzählt Triebler Fremden, die ihn zuhause in Schneeberg besuchen. Günther sei ein kluger, lustiger Typ gewesen und habe immer Faxen gemacht. "Ich dachte, er lernt einen Beruf und wird Handwerker."

Später verliert sich der Kontakt. 1949 zieht Günther dann in die Ferne. Ab und an sei man sich noch in Schneeberg begegnet, habe miteinander geplaudert, zuletzt um die Jahrtausendwende, schätzt Triebler. "Aber er war anders, zurückhaltender. Ich war ja bloß Handwerker, und er hatte allerhand erreicht."

Noch rechtzeitig vor dem runden Geburtstag hat man sich auch in seiner Heimatstadt an Günther als einen der bekanntesten Söhne erinnert. Im Oktober vergangenen Jahres erhielt er mit der Ehrenbürgerschaft den Ritterschlag der Bergstadt Schneeberg. Der Auszeichnung war eine jahrelange Diskussion um Für und Wider vorausgegangen. So ist Günther gleich mehrfach für die Ehrung vorgeschlagen, aber nie gekürt worden. Ein erster Antrag scheiterte vor 17 Jahren. Denn trotz großer Erfolge, die Günther ab den 1950er-Jahren feierte, gehen in seiner alten Heimat einige bis heute auf Distanz. Bürgermeister a. D. Frieder Stimpel (CDU) hatte einmal gesagt, ein Ehrenbürger müsse Herausragendes für die Stadt geleistet haben: "Egon Günther ist zwar eine bekannte Persönlichkeit, aber für die Stadt selbst hat er konkret nichts getan."

Volker Schmidt hat lange Zeit in Schneeberg das Kulturzentrum "Goldne Sonne" geleitet und sich mit Günthers Kinowerk auseinander gesetzt. Er sagt: "Die Animositäten liegen im Persönlichen begründet." Günther sei mit seinen Filmen am Zeitgeist dran gewesen. "Streifen wie ,Ursula' hatten etwas Subversives, das in der beinhart konservativen DDR nicht möglich war." Der Regisseur gehört zu den von der SED wiederholt Gescholtenen, dreht später nur noch in der Bundesrepublik und kehrt erst nach der Wende zurück an die alte künstlerische Heimstätte nach Potsdam-Babelsberg.

Günther, sagt Schmidt, sei eine starke Persönlichkeit. Er lote aus, ohne sich Konventionen einzuordnen. "Im soziologischen Sinne ist er jemand, der Züge des Asozialen feiert." Auch sein alter Schulkamerad Triebler sagt: "Er war jemand, der aufgemuckt hat." Als er in einem seiner Bücher über Teile der Schneeberger Lehrerschaft unter anderem Namen herzieht, gefällt das vielen nicht. Das prägte seinen Ruf.

Günther selbst hatte in einem Zeitungsinterview im Jahr 2000 über Schneeberg gesagt: "Meine Beziehung zur Heimatstadt ist privater Natur. Solange meine Eltern lebten, besuchte ich sie; jetzt meinen Bruder." Dass er letztlich doch Ehrenbürger wird, ist dem Beharren vieler Einzelner zu verdanken und dem neuen Bürgermeister Ingo Seifert (Freie Wähler). Er hat sich für die Auszeichnung eingesetzt, der Filmregisseur sei schließlich jemand, der den Namen der Stadt durch seine Arbeit in die Welt getragen habe.

Die Debatte um die Ehrenbürgerschaft hat die Familie Günther aus der Ferne verfolgt. "Sie ist zwar legitim, aber ich konnte sie nicht nachvollziehen", erzählt seine Frau Franziska. Ihr Mann hänge bis heute wahnsinnig an der Stadt. "Immer wenn wir über die Goldene Höhe gefahren sind, hat er beim Blick auf die Stadt gesagt: 'Schau! Da liegt Schneeberg, die Schöne.'"

Über die Verleihung der Ehrenbürgerschaft habe sich die Familie deshalb gefreut. "Zu sehen, dass sein Schaffen bis heute den Menschen etwas erzählt", sagt Franziska Günther, "das beeindruckt mich."

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