"Der Vater tauchte auf wie ein Wal"

Chemnitzer Galerie zeigt Werk des renommierten Bildhauers Hans Brockhage - Ein Gespräch mit Anna Franziska Schwarzbach über den Vater, das Erzgebirge und die DDR

Er hat mit der Kettensäge Baumstämme malträtiert, aber auch mit geschlossenen Augen dem Wind in den Baumwipfeln gelauscht - und die Tochter grübelte, was sie in der Schule auf die Frage nach dem Beruf ihres Vaters antworten sollte. Heute wissen wir: Ihr Vater war Künstler, Bildhauer, Formgestalter, Professor - Hans Brockhage. Die Neue Sächsische Galerie in Chemnitz zeigt einen Rückblick auf das Werk des Erzgebirgers, der 2009 starb. In der Galerie wird zum Kunsthüttenfest am Sonntag auch Anna Franziska Schwarzbach an ihren Vater erinnern. Die Tochter ist selbst Künstlerin und lebt in Berlin. Katharina Leuoth sprach mit ihr über einen unkonventionellen Vater, seine übermannshohen Skulpturen aus Holzstämmen und die bekannte Freundin der Familie, Marianne Brandt vom Bauhaus.

Freie Presse: Gehen Sie gern im Wald spazieren?

Anna Franziska Schwarzbach: Ja, ich habe bloß selten Zeit dafür.

Wenn Sie an Bäumen vorbeikommen, denken Sie zwangsläufig an Ihren Vater?

Nein, gar nicht. Wobei: Wenn ich einen Vogelbeerbaum sehe, also eine Eberesche, dann denke ich an Brockhage. Der Schreyer Max, der den Text vom Vuglbärbaamlied geschrieben hat, war ein Vorfahr meines Vaters. Bei der Schmiede in unserem Dorf, in Rittersgrün, wo ich aufgewachsen bin, standen zehn Ebereschen an der Straße. Aus den Beeren machten die Leute Schnaps, Wein, Konfitüre und Kompott.

In einem Zeitungsartikel in Berlin vergangenes Jahr ließen Sie durchblicken, Ihren Vater habe mit dem Erzgebirge eine Art Hassliebe verbunden. Warum?

Von einer Hassliebe würde ich nicht sprechen. Aber um als Künstler der Gegenwart im Erzgebirge zu bestehen, braucht man ein breites Kreuz.

Inwiefern?

Mein Vater hat nicht, wie viele Menschen, das Liebliche am Erzgebirge gemocht, sondern das Karge.

In der Volkskunst wie auch in der Natur?

Ja. Er mochte zum Beispiel die alten und schlichten Weihnachtsfiguren, etwa die Lichterengel mit Brotteigarmen von früher, und nicht die verspielten, bunten Räuchermänner, die es seit der Wende gibt. Er mochte in der Kunst das Einfache. Marianne Brandt, die Bauhauskünstlerin aus Chemnitz, die seine Lehrerin und eine gute Freundin war, experimentierte mit einer einfachen Holzkugel: Je nachdem, in welchem Winkel man dieser Kuller einen Hut aufsetzte, zeigten sich Wesenszüge - eine ernste Figur, eine lustige, eine nachdenkliche. So etwas hat ihn interessiert. Und in der Natur, das darf man ja eigentlich gar nicht sagen, da hat er früher im Böhmischen auf die Hänge mit den abgestorbenen Wäldern geschaut - dieses Monumentale, das hat ihm gefallen.

Das lässt sich anhand seiner übermannshohen Skulpturen erahnen. Er hat dazu Holzstämme unter anderem mit der Kettensäge bearbeitet. Die Skulpturen sehen aus wie abstrakte Wesen.

Er wollte das Gewachsene, die Struktur, die Schönheit und Kraft des Holzes ans Licht bringen, dabei aber auch selbst schöpferisch eingreifen. Wenn im Holz eine Maserung oder ein Ast in eine bestimmte Richtung ging, dann setzte er dort mit der Kettensäge einen Schnitt dagegen, setzte dem natürlichen Verlauf ein Ende. Das kann man als Gleichnis des Lebens betrachten. Das Wachsen, die Brüche. Er hat aber auch das Stille gemocht. Er ist hoch auf den Fichtelberg gefahren, hat die Augen geschlossen und zugehört, wie der Wind durch die Baumwipfel streift.

Wie war das mit so einem Vater in Rittersgrün im Erzgebirge?

Eigentlich gab es gar keinen Vater, weil es auch keine Erziehung gab. So etwas hat ihn nicht interessiert. Eigentlich war alles erlaubt, man durfte ihm nur nicht in die Quere kommen. Wir waren damals eine Bande von vielen Kindern, manchmal haben wir, wenn mein Vater nicht da war, seine Werkstatt besetzt und die Drechselbank und die Kreissäge benutzt. Wenn er dann kam, hat er nur so einen Urton gebrummt - roooaaahh - da sind wir fix weg.

Wie reagierten die Kinder auf Ihren Vater als Künstler?

Als Künstler habe ich ihn damals gar nicht gesehen. Mein Problem in der Schule war, dass ich nie genau benennen konnte, was mein Vater war. Wenn andere Kinder gefragt wurden, was ihr Vater ist, haben sie gesagt: Maurer, Elektriker, Tischler. Das war mein Vater eigentlich auch alles, aber das traf es ja nicht. Im Russischunterricht gab es ein schönes Wort für "Formgestalter". Da dachte ich, das ist es. Aber dann übersetzte der Lehrer das mit: "Er stellt schöne Dinge der Kunst her", und das passte auch nicht. Bis ich meinen Vater fragte: Was bist du? Freischaffend und selbstständig, hat er gesagt.

Ihr Vater trug eine Beinprothese. So, wie er sich am Holz zu schaffen machte, hat man nicht den Eindruck, dass ihn die Prothese irgendwie hinderte.

Trotz der Prothese war er sehr sportlich. Ich erinnere mich, wie er mit uns in den Geyrischen Teichen schwimmen war. Er hatte sich eine Flosse anfertigen lassen. Mit der klatschte er hinten aufs Wasser und dann tauchte sein Oberkörper auf wie ein Wal. Den Satz "Das kann ich nicht" gab es nicht. Er hat sich nicht geschont, auch andere nicht.

Sie sagen, er war ruppig.

Im Austausch mit anderen, zum Beispiel mit seinen Studenten, hat er frei heraus gesagt, was er über ihre Arbeit dachte, zum Beispiel auch: Das ist absoluter Mist!

Sie sind nach dem Abitur nach Berlin gegangen. Warum?

Ich wollte Architektur studieren, aber kein Bauingenieur werden, auf das es damals oft hinauslief. Und da kam Marianne Brandt ins Spiel. Ich habe sie kennengelernt, da war ich 10. Mein Vater hat sie gelegentlich in Chemnitz besucht und da bin ich mit. Sie ging an Krücken, war nicht groß und hatte hennarote Haare. Sie rief immer ihre Schwester, mit der sie zusammenwohnte und die mit Mädchenname Liebe hieß: "Liebe, bringe mir bitte den Kuchen!" oder "Liebe, öffne die Tür, das Fränzel kommt, der Hans ist da." Jedenfalls hat sie mir später geraten, an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee zu studieren, da gab es auch ein Fach Architektur, das nichts mit dem Ingenieurwesen zu tun hatte. Ich studierte bei Selman Selmanagic. Er kam wie Marianne vom Bauhaus.

Freute sich Ihr Vater, als Sie an die Kunsthochschule gingen?

Meinem Vater war das egal. Aber der Auslöser, dass ich Architektur studieren wollte, kam von meinen Eltern. Ich habe erlebt, wie sie und der Architekt Robert Lenz abends bei uns im großelterlichen Haus am Küchentisch saßen und ein neues Haus für uns in Schwarzenberg entwarfen. Da entstand Design am Küchentisch. Das fand ich großartig.

Nach Ihrem Studium haben Sie als Architektin im Palast der Republik in Berlin gearbeitet.

Da bin ich durch Zufall reingekommen. Ich war nur ein kleines Licht unter vielen Architekten. Ich sollte im Großen Saal den vierten Rang gestalten, den Bereich, wo die Fernsehkameras und Pulte für die Technik stehen. Aber letztlich war das nichts für mich, es war zu zweckgebunden. Ich habe mich 1977 als Bildhauerin selbstständig gemacht. 1979 überlegte ich, in den Westen zu gehen. Mein Vater sagte: Überlege dir das mit New York - tagsüber Bratwürste verkaufen, um zu überleben, und abends Kunst machen, ist hart. Ich bin geblieben; dass mein Vater mit mir gesprochen hatte, war aber nicht der Hauptgrund.

Ihr Vater fühlte sich in der DDR als Künstler nicht eingeengt?

Nein. Ihm war wichtig, keine Existenzangst haben zu müssen und sich künstlerisch entfalten zu können. Er war ein freier Denker, und der Staat der Auftraggeber.

Wie passt der Freigeist mit den Staatsaufträgen zusammen?

Es waren ja keine hohen Staatsaufträge. Es war Kunst am Bau. Und das war gut. Es ist immer besser, wenn sich Architekten und Künstler zusammen hinsetzen. Mein Vater hat Wandverkleidungen, Raumteiler und Skulpturen für Hotels, Gaststätten und Verwaltungsgebäude geschaffen. Und da haben sie ihn machen lassen. Mein Vater hatte auch Witz und Humor, um seine Vorstellungen durchzusetzen. Er hatte in Karl-Marx-Stadt die Galerie Oben mitgegründet. Der Fußboden war helles Parkett. Er meinte, das müsse schwarz sein. Das wollte aber keiner. Da hat er "aus Versehen" Eisendreichlorid auf den Boden tropfen lassen; die schwarzen Flecke bekamen sie nicht mehr weg. Also musste der Boden geschwärzt werden.

Ihr Vater starb 2009. Kürzlich zur Eröffnung der Retrospektive in der Neuen Sächsischen Galerie erzählten Sie Besuchern, unter welchen Umständen Sie heute Werke von ihm wiederfinden.

Ein Beispiel ist sein Mahnmal für die Deportation der Juden in der nordrhein-westfälischen Stadt Wassenberg. Die Stelen aus Mooreiche standen vor einer Schule. Doch als ich sie für die Ausstellung im Bundestag zum 90. Geburtstag meines Vaters im vergangenen Jahr ausleihen wollte, waren sie nicht mehr da. Eine Journalistin fand heraus, dass die Stelen nicht mehr standfest und daher abmontiert und hinter der Schultoilette deponiert worden waren. Und dann lagen sie dort. Es war Glück, dass der Hausmeister noch kein Feuerholz daraus gemacht hatte. Wenn die Holzskulpturen irgendwo draußen herumliegen, werden sie nicht als Kunst verstanden. Da werden sie wieder zur Natur. Das lässt sich mit einem Holzstapel vergleichen. Wenn man einen Holzstapel in einem Wald sieht, ist der keine Kunst. Aber stellt man den Holzstapel in einen modernen Raum, wird klar, dass das Kultur ist, eine Ordnung, wie Menschen Holz stapeln, wie sie mit Holz umgehen.

Sie haben sich vom Holz ferngehalten und viele Eisenfiguren geschaffen. Hatten Sie Angst vor Konkurrenz mit Ihrem Vater?

Nein. Mein Vater gab mir früher Hackstöcke zum Probieren und den Rat, die Motorsäge wie einen Bleistift zu nutzen. Aber ich konnte mit der Motorsäge nicht zeichnen. Ich verlor das Interesse. Erst viel später bin ich wieder zum Holz gekommen. Die Gusskosten für meine Eisenfiguren waren hoch, und an der Straße, wo ich wohne, wurden Linden gefällt. Das Holz nahm ich mir.

Was ist der Unterschied zwischen Ihren Holzarbeiten und denen Ihres Vaters?

Mein Vater hat Energie freigelegt, er wollte das Holz in all seiner Kraft zeigen. Ich hingegen möchte eine erkennbare Figur aus dem Holz herausarbeiten, ein Gesicht, ein Porträt.

Die Ausstellung "Hans Brockhage - Retrospektive" in der Neuen Sächsischen Galerie im Tietz in Chemnitz ist bis 14. Februar zu sehen. Geöffnet ist 11 bis 17 Uhr, dienstags bis 19 Uhr, mittwochs geschlossen. Am Sonntag, 24. Januar, wird beim Kunsthüttenfest ab 15 Uhr an Hans Brockhage erinnert.

 

Der Vater, die Tochter und die Kunst

Hans Brockhage (Foto) wurde 1925 in Schwarzenberg geboren. Nach einer Lehre zum Drechsler und Holzbildhauer studierte er unter anderem an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden. Eine Dozentin war Marianne Brandt, international bekannte Metallgestalterin, die an der Bauhausschule gelernt und gearbeitet hatte. Mit ihr war Brockhage später befreundet. Seit 1955 arbeitete Brockhage freischaffend als Holzbildhauer und Formgestalter. Er lehrte als Professor an der Hochschule für Industrielle Formgestaltung Burg Giebichenstein in Halle und der Fachschule für Angewandte Kunst Schneeberg. Er schuf unter anderem Wandverkleidungen und Raumteiler für Hotels, Gaststätten und Verwaltungsgebäude, Skulpturen, aber auch Spielwaren und Gebrauchsgegenstände. 2009 starb er in Schwarzenberg.

Anna Franziska Schwarzbach, seine Tochter, wurde 1949 geboren. Sie studierte Architektur an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, seit 1977 ist sie freischaffende Bildhauerin in Berlin. Im Gegensatz zu ihrem Vater hat sie sich vor allem dem Eisenguss verschrieben. Mehrere Porträtplastiken von ihr stehen etwa im öffentlichen Raum in Berlin. Auch mit Medaillenkunst befasst sie sich. Themen ihrer Arbeit sind unter anderem Kleinwüchsigkeit und die Verfolgung der Juden. Seit 2005 ist sie Kuratorin des Kunstpreises "art figura" der Stadt Schwarzenberg. In Berlin sind noch bis 20. März zum einen Arbeiten von ihr im Schadow-Haus zu sehen, zum anderen von Brockhage im Mauer-Mahnmal des Bundestages. (kl)

 

Dieser Beitrag erschien in der Wochenendbeilage der "Freien Presse".

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