Der mit den dicken Weibern

Dicke können durchaus ästhetisch sein, meint der Chemnitzer Bildhauer Karl-Heinz Richter. Nächste Woche hat er 70. Geburtstag. Auch dann will er sich noch prallen Frauen und runden Formen widmen.

Es dürfte 1992 gewesen sein, in jenem Jahr, als dem in Chemnitz aufgewachsenen Maler, Autor und Kunstsammler Lothar-Günther Buchheim die Ehrenbürgerwürde der Stadt verliehen wurde. Er soll an diesem Tag über den Chemnitzer Markt gebummelt und vor der Schmidt-Rottluff-Galerie stehen geblieben sein. Da saßen jede Menge dicke Weiber im Schaufenster, wie er später erzählte. Buchheim ging rein in den Laden und erkundigte sich, von wem die drallen Damen aus Ton stammen. Mit dem Namen Karl-Heinz Richter konnte er nichts anfangen. Weil dem Sammler aus Bayern die Plastiken gefielen, setzte er sich mit dem Chemnitzer Bildhauer in Verbindung und lud ihn in seine Villa nach Feldafing ein. "Ich bin da hingefahren, obwohl der Buchheim als nicht gerade einfach galt", erinnert sich Karl-Heinz Richter. "Umso überraschter war ich, wie sehr dem meine üppigen Frauen gefielen." Seine Begeisterung schrieb Buchheim 1994 für ein Magazin nieder: "Endlich mal einer, der wirklich und tatsächlich in die Vollen geht, wie sich das eigentlich für alle Bildhauer gehören würde. Diese Frauen wollen nicht auf den Laufsteg, wollen keine Aerobic und keinen Bauchtanz. Die wollen Torte! Holländisch-Kirsch, Sachertorte und Pralinen natürlich auch."

Ob es dieses "Plädoyer für Pralle" war, das Karl-Heinz Richter auch über Sachsen hinaus zum Durchbruch verhalf, weiß der Chemnitzer nicht. "Es war für mich jedenfalls ein großer Gewinn, Buchheim kennengelernt zu haben. Und sicher hat er mir Türen geöffnet." Als am Starnberger See ein Museum für Buchheims umfangreiche Kunstsammlung gebaut wurde, erhielten auch lebensgroße Richter-Figuren dort dauerhaft einen Platz. "Aus unserer ersten Begegnung wurde ein fast freundschaftliches Verhältnis, das 15 Jahre, bis zum Tod Buchheims 2007 währte", beschreibt Richter die Beziehung.

Es ist wohl sein 70. Geburtstag am kommenden Donnerstag, der den Chemnitzer etwas wehmütig macht. Er möchte am liebsten gar nicht darauf angesprochen werden. Er feiere den Tag auch nicht, sagt er. "Älter werden ist einfach Scheiße", platzt es dann aus ihm heraus. "Es kann mir keiner etwas anderes erzählen. Man bekommt vor Augen geführt, dass das Leben endlich ist", sinniert Richter, während er sich die dritte Zigarette anzündet. Er weiß, dass er es fast mit Altkanzler Helmut Schmidt aufnehmen könnte - was das Rauchen betrifft. Dann schmeißt er plötzlich die leere Schachtel Duett in die Ecke und sagt: "Das war die Letzte!" Bestimmt 50-Mal habe er sich so schon das Rauchen abgewöhnen wollen. "Aber es funktionierte bisher nie."

Dabei müssten seine dicken Weiber ihn doch tagtäglich auf andere Gedanken bringen. Wie sie sich lasziv mit üppigen Schenkeln auf einem Sofa räkeln, leicht bekleidet im Sessel mit dem Kätzchen schmusen oder sich in der Badewanne vergnügen mit Typen, die ein wenig an Loriots Müller-Lüdenscheid erinnern. Sie sitzen wie dahingeschmolzen. Mal blitzt eine Brustwarze unter dem geblümten Kleid hervor, mal sind sie nackt im Liebesakt mit dem Ersehnten vereint. Beeindruckend ist stets der Leibesumfang: Beine wie Baumstämme, ausladende Hintern. Rubens Frauen nehmen sich daneben fast magersüchtig aus. Wenn Richter seine Frauen mit feinen Pinselstrichen anzieht, haben die Kleider ein tiefes Dekolleté, "damit die Formen besser zu Geltung kommen". Anfangs hätten Leute gesagt: "Wie kann man nur so fette Weiber machen?" Es sei auch in der Tat ein zähes Geschäft gewesen - zumindest in den ersten Jahren. "Aber es gibt für einen Bildhauer nichts Schöneres als runde Formen, Hügel und Täler. Ich habe nie versucht, Dünne zu machen. Und inzwischen bin ich ja festgelegt auf die Dicken, man erwartet die von mir."

Dass der gebürtige Halberstädter seinen Lebensunterhalt einmal mit ausladenden Hüften und prallen Oberschenkeln verdienen würde, wurde erst klar, als er schon über 40 Jahre alt war. Zwar hatte er nach der zehnten Klasse im Porzellanwerk Colditz einen artverwandten Beruf erlernt, den eines Keramformers, aber nie als solcher gearbeitet. "Das war nicht mein Ding. Jeden Tag dieselben Arbeitsgänge, in einem streng geregelten Arbeitsablauf", gesteht er. Deshalb sattelte Richter um. Er nahm ein Pädagogikstudium in Zwickau auf und arbeitete danach 20 Jahre als Lehrer, unter anderem an der Medizinischen Fachschule in Karl-Marx-Stadt. Als die Technische Hochschule einen Leiter für ihren Keramikzirkel suchte, wechselte Richter erneut das Fach. "Ich war Autodidakt, brachte mir das Bildhauerische selbst bei", sagt er. Der aus dem Erzgebirge stammende Bildhauer Harald Stefan, dessen Plastiken bis heute das Stadtbild von Chemnitz prägen, habe ihm Anleitung gegeben. 1987 schaffte Richter den Sprung in den Verband Bildender Künstler der DDR. Seither arbeitet er freiberuflich.

"Ich weiß nicht, ob ich ein Künstler bin", meint er. Am liebsten möchte er gar nicht über sich reden. "Vielen bin ich bestimmt zu volkstümlich. Aber seit etwa 20 Jahren werden meine Arbeiten gut gekauft." Gern entspannt Richter in seinem Stammkaffee, im "La bouchée" in der Innenstadt. "Da sitze ich dann, sehe mir die Leute an, wie jemand vorbeispaziert oder am Nebentisch Kuchen isst. Was ich da wahrnehme, versuche ich dann im Studio zu überhöhen. Ich reize eine Figur so weit aus, dass sie noch ästhetisch wirkt. Sie soll ja nicht gequält, sondern heiter aussehen. Man darf ihr die schwere Arbeit nicht ansehen, die in ihr steckt. Jede ist einmalig, ein Unikat - wie die Frauen im echten Leben. Und die sollen sich durch meine Arbeit in ihren Schwächen bestärkt fühlen."

Das alles hat Richter zu Bekanntheit und zu Ausstellungen im ganzen Land verholfen. In Riesa stehen seine Sumo-Ringer. In der Chemnitzer Markthalle schwebt eine Seiltänzerin. Vor dem MDR-Gebäude in Leipzig zieht eine lebensgroße Richter-Plastik Blicke auf sich. In Fürth in Bayern wurde 2008 ein Brunnen mit Richter-Figuren eingeweiht. Für das Museumsschiff des Buchheim-Museums am Starnberger See schuf er eine Galionsfigur, die allerdings nicht nackt sein durfte.

Vor drei Jahren stattete er ein Kreuzfahrtschiff mit zwei überdimensionalen Passagieren aus: einem Matrosen und einer opulenten Dame. Mit je vier Zentnern Gewicht hätten sie fast das Chemnitzer Atelier gesprengt. Richter weiß nicht, wie viele Seemeilen die Beiden im Poolbereich der "Aida Stella" inzwischen hinter sich haben. "Aber sie fahren immer noch unversehrt mit." Er selbst reise dagegen höchstens mal an die Ostsee, "weil ich dort aufgewachsen bin, als mein Vater zur See fuhr". Oder in die Schweiz, wo Richter jüngst Ausstellungen hatte.

"Großaufträge sorgen für Bekanntheit, für Renommee. Reich wird man damit nicht", sagte der fast 70-Jährige. Sein täglich Brot verdiene er mit den kleineren Tonfiguren, die Galerien selbst in Wien und Südtirol anbieten. Ansonsten sei es in seinem Beruf wie in jedem anderen: "Man macht Gutes und Schlechtes, ist immer Lernender." Dass es ihn im Vorjahr noch einmal ins Buchheim-Museum verschlagen sollte, hat ihn mehr als gefreut. "Zwei meiner Damen brauchten eine Kur. Da musste einiges restauriert werden." Nach der Schönheits-OP in Chemnitz brachte Richter die Frauen selbst zurück. Der Direktor des Museums, Daniel J. Schreiber, sparte nicht mit Lob für den Chemnitzer: "Er hat ein Gefühl, die menschlichen Volumina zu übersteigern. Das ist seine besondere Begabung." Die gefällt offenbar auch der Enkelin Buchheims. Sie drehte vergangenen Sommer für das Museum ihres Großvaters ein Sechs-Minuten-Video über Karl-Heinz Richter, das sich jedermann auf Youtube anschauen kann.

Dieser Beitrag erschien in der Wochenendbeilage der "Freien Presse".

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