Der wunderbare Wert der Worte

"Verdichtungen" nennt der Freiberger Peter Segler seinen neuesten Gedichtband - zu Recht: Die kürzesten Texte sind nur zwei Zeichen lang.

Freiberg.

Das Gedicht heißt "zeitpunkt" - und es besteht tatsächlich nur aus einem Punkt. Man könnte ihn auch einen schwarzen Fleck nennen. Ein anderer Text heißt "u" und besteht nur aus einem einzigen Buchstaben: "x".

Das ist natürlich ein bisschen wie mit den schwarzen oder weißen Bildern, auf denen nichts weiter zu sehen ist als eben schwarz oder weiß: Man muss drauf kommen, und dann kann man es aber nur einmal machen. Und was dem einen originell erscheint, entlockt dem anderen nur ein müdes Lächeln.

Dennoch beschreiben diese kürzesten seiner Gedichte die Lyrik Peter Seglers in seinem neuen band "taxi taxi - Verdichtungen" sehr treffend. Der 1964 in Freiberg geborene und dort lebende Verleger und Fotograf reduziert seine Texte auf das Nötigste und erreicht damit oft eine überraschende, manchmal bestürzende Brillanz, erzeugt beim Leser oder der Leserin ein Staunen, ein manchmal ungläubiges Lächeln und manchmal - bewusst - auch erschrockenes Innehalten.

Denn Peter Segler sieht genau hin und er vermag die Worte auf ihr Wesen, ihre tatsächliche Bedeutung hin zu befragen oder ihnen eine überraschende neue, manchmal auch alte Bedeutung zu verleihen. Die Kleinschreibung hat dabei ihren Sinn, denn sie verschafft vielen Worten einen doppelten Boden, auf dem man beim Lesen schon mal ins Straucheln geraten kann.

Wenn der Autor etwa das "deutsche Reinheitsgebot" beschreibt: "eine hand wäscht / die andere", oder wenn er über "erdöl" nachdenkt: "nie genug / zu kriegen", dann wird Peter Segler der Forderung Franz Fühmanns gerecht, der da verlangte, ein Gedicht müsse vor allem eins sein: "dicht". Der Hintergrund von Peter Seglers Texten sind die "modern times" - moderne Zeiten, die er durchaus skeptisch beobachtet und die er, indem er sich schreibend mit ihnen auseinandersetzt, nicht nur zu kommentieren sucht. Dabei ist weder eine hinter sprachlicher Brillanz oft durchscheinende Ernüchterung bis hin zur Enttäuschung zu übersehen - "friedliche revolution": "friede / freude / eierkuchen" - noch das Erschrecken über verrohende Sitten, den Verlust von Werten und Respekt - etwa am Beispiel der Erotikindustrie - noch die fast sentimentale Erkenntnis " eine taube / macht noch / keinen frieden" oder "verkrustete erde": "die fußstapfen / in die wir treten / sollten".

Seglers Gedichte, in ihrer Kürze zum Teil an japanische Haikus angelehnt, sind alles andere als geschwätzig, doch hinter ihrer Kürze scheint oft eine ganze Welt auf, die sehr vertraut und in dieser Vertrautheit sehr veränderungsbedürftig erscheint.

Der mitunter fast gnadenlosen Schärfe seiner Worte stehen die illustrativen "unscharfen" Fotos als bereichernde Ergänzung gegenüber in dem Bändchen, dem man einzig vorwerfen kann, dass die Texte in einer etwas aufdringlich großen Typographie förmlich ins Auge springen - da wäre weniger (Größe) mehr gewesen. Ansonsten aber ist "taxi, taxi" unbedingt lesenswert.

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