Die Alben des Jahres - Platz 1

Grim104: "Die Grim-104-EP"

Acht Songs? Waren auf dem "House Of The Holy"-Album von Led Zeppelin auch drauf. Nur eine halbe Stunde Spielzeit? "Reign in Blood" von Slayer. Der Rapper Moritz Wilken mag sein Debüt-Werk als Grim104 gern "EP" nennen - das Ding ist aber ein perfekt rundes Konzept-Album. Nein, mehr: das Album des Jahres! Denn als Rapper kann man den vor 26 Jahren im nordrhein-westfälischen Meerbusch geborenen Wahl-Berliner nur bezeichnen, weil der Sprechgesang und die Liebe dazu seine Wurzeln sind. Weil er es selbst gern wäre, trotz seiner oft hakeligen, wütend krächzenden, schnell überschnappenden Stimme, die jede Party-Coolness killt. Eine kaputte, einmalige, wunderschöne Stimme!

Die Grim104-EP ist bereits so viel mehr als irgend ein Genre-Beitrag. Die acht Titel komprimieren stattdessen das Wesen der heutigen Zeit übergreifend auf besagte knappe halbe Stunde - mit einer Poesie, die zerrissen ist zwischen schwarzbitterem Realitätssinn und warmer, humorvoller Hoffnung. Was sich bei Grim104 nie zum bequemen Zynismus versteigt: In die sparsam theatralische, ambient-kantige Klangkulisse seines congenialen Beatbauers Kenji451, die irgendwie über allem steht und jeden Musikliebhaber außerhalb einer fetten Rap-Party sofort packt, passt Wilken eine so reife wie tiefe Weltsicht ein, die wie nebenbei alle aktuellen Phänomene einfängt. Verschwörungstheoretiker fertigt er in "Cro, Hafti Herzl" mit "Die Wahrheit kennen nur Youtube-Besucher wie du" ab, Todesstrafe, Sterbehilfe und Schicksalsambivalenz werden in "Ich töte Anders Breivik" verflochten, und selbst Pegida lässt sich prophetisch aus dem "Kommenden Aufstand" analysieren. Und während das Feuilleton die Serie "Breaking Bad" feiert, um parallel die Stirn zu tschechischen Drogenlaboren zu runzeln, liefert Grim mit "Crystal Meth in Brandenburg" mal eben den insgesamt besten Beitrag zum Thema seit vielen Jahren ab.

Moritz Wilken ist immer politisch messerscharf, steht aber stets auf der Seite der Zwischenmenschlichkeit und lässt nie Politik aus seiner Kunst herausragen. Das alles packt er in so gewandte, aber nie geschraubte Reime, dass einem bereits nach wenigen Durchgängen im Alltag immer wieder passende Zitate durch den Kopf schwirren. Zitate, deren tiefer Sinn mehr und mehr zunimmt und sich wohlig abhebt von den vielen nur vermeintlich passenden Sprüchen, die den Gedanken-Äther heute so oft vergiften.

Wilken hat damit für sich, aber auch für sein Projekt Zugezogen Maskulin, das er mit dem Rapper Testo betreibt, 2014 viel Aufmerksamkeit bekommen. Wurde die EP noch als Eigenproduktion eines fast Unbekannten auf den Markt gebracht, ging das Duo 2014 bereits mit Thees Uhlmann oder Kraftklub auf Tournee. 2015 soll das gemeinsame Debüt beim Kultlabel Buback erscheinen, welches man mit Spannung erwarten darf. Die Messlatte liegt schließlich hoch: Wenn man mal die wichtigste Musik der 10er-Jahre zusammenträgt, wird man für das Grim104-Debüt einen der vorderen Plätze reservieren müssen!

Die Alben des Jahres wurden von Musikkritikern der "Freien Presse" ausgewählt.
 » www.freiepresse.de/Alben2014

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