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Allegorisch: Friederike Jokisch, "Malerin", 2018, Öl auf Leinwand, 100 x 80 cm.
 

Die Malerei ist weiblich

Der Zwickauer Verein der Freunde aktueller Kunst präsentiert Werke von 25 Leipziger Malerinnen - ein ambitioniertes Projekt. Allein mit seinem Ansatz ist es schon subversiv.

Von Matthias Zwarg
erschienen am 22.03.2018

Zwickau. Das Bild von Friederike Jokisch heißt schlicht "Malerin". Und eine solche zeigt es auch. Umringt von drei Frauen aus verschiedenen Zeiten, malt die Malerin, die ihrerseits auch ein Zitat ist.

Die Figur folgt einem Selbstporträt der italienischen Malerin Artemisia Gentileschi, das den Flyer für die Ausstellungen "Nach dem Bild ist vor dem Bild: 75 Malerinnen aus Leipzig" ziert. Gentileschi lebte von 1593 bis 1653 und war eine der ersten bekannten Malerinnen überhaupt. Als Jugendliche wurde sie von einem Freund ihres Vaters vergewaltigt. Um der "Schande" zu entgehen, sollte sie den Vergewaltiger heiraten, doch der weigerte sich (weil er wohl schon verheiratet war), woraufhin ihr Vater einen Prozess gegen ihn anstrengte. In dessen Verlauf wurde Artemisia Gentileschi gefoltert und gedemütigt, erreichte aber doch die Verurteilung des Verbrechers. Sie musste allerdings aus Rom fort und nach Florenz ziehen, wo sie als erste Frau in die Akademie aufgenommen wurde.

Die Geschichte dieses Bildes, verbunden mit dem ersten Teil der Ausstellungsreihe des Zwickauer Vereins der Freunde aktueller Kunst, deutet darauf hin, dass es - leider - noch immer etwas Besonderes ist, ausschließlich Positionen der Malerei von Frauen zu zeigen. Allein der Ansatz ist subversiv. Denn auch Kunst- und Ausstellungsbetrieb sind männerdominiert, wenn auch vielleicht nicht ganz so deutlich wie fast alle anderen Bereiche des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens. Kurator und Vereinsvorsitzender Klaus Fischer hat keine Mühen gescheut, um im Laufe des Jahres Arbeiten von 75 Leipziger Malerinnen in denen neuen, zentral gelegenen Räumen des agilen Vereins zu zeigen. Und schon beim ersten Blick in die großzügig und klug - mit vielen Querverbindungen, thematischen oder stilistischen Bezügen - gehängte Ausstellung überrascht die selbstbewusste, verspielte, experimentierfreudige Vielfalt der Arbeiten, die Haltungen, Stimmungen, Träume und Enttäuschungen zum Beginn des 21. Jahrhunderts aus weiblicher Sicht abbilden.

Eher abstrakt: Suzana Brborovic, "Saturations 3", 2014; Acryl und Tusche auf Leinwand, 50 x 60 cm.

Foto: Matthias Zwarg (3)

Unter den Porträts dominieren die weiblicher Figuren. Blickfang am Eingang: Kathrin Landas "La paresse (die Trägheit)", 2009/2018. Eine Frau, müde auf ein Sofa hingestreckt, schlicht und schön, in ihren Proportionen leicht verschoben, als sei das ein Zeichen dafür, wie entmutigend es manchmal ist, noch immer ein Leben zu leben, dessen Proportionen ebenso verschoben und nicht menschengemäß sind. Auch andere Frauenporträts gibt es: Stolz, aber "gestrandet" von Julia Tomasi Müntz, fragil und fragend von Corinne von Lebusa. Uta Koslik hat einen ganz besonderen, monochromen, fast grafisch wirkenden Malstil entwickelt, der die Figuren nur schemenhaft hervortreten lässt - als suchten Malerin wie Modell noch ihr Gesicht. Sophie von Stillfrieds tätowiertes "Catface" hängt neben Konstanze Siegemunds "21. Etage", einer künstlich anmutenden Stadtlandschaft, in der die Katzengesichter anonym untertauchen können. Zu den wenigen Malerinnen, die abstraktere Kompositionen bevorzugen, gehört Suzana Brborovic mit ihren "Saturations", Durchdringungen, die eine Welt in Auflösung, einen berstenden Himmel zeigen, an dem sich gleichwohl neue Formen finden. Es gibt unter diesen Malerinnen keine "Neue Leipziger Schule", höchstens Erinnerungen an die Schublade, in der hauptsächlich Männer versammelt sind. Wenn es Ähnlichkeiten gibt, wie in den verwunschen-verwitterten Stadtlandschaften von Petra Polli, dann sind sie sehr zielgerichtet nur auf ein Thema bezogen, werden für anderes auch schnell wieder verworfen.

Dass es Anklänge an frühere und andere Leipziger Malerei gibt, verwundert nicht, haben doch viele der meist noch jungen Malerinnen an der Hochschule für Grafik und Buchkunst studiert, waren Meisterschülerinnen bei Annette Schröter, Arno Rink, Neo Rauch. Da ist nichts von Epigonentum, stattdessen eine beeindruckende und manchmal bezaubernde und dank einer zusammenwachsenden, offenen Welt auch internationale Vielfalt. Feinste Farbstudien von Berit Mücke, eine triste, aber auch vertraut wirkende Stadtlandschaft von Katharina Immekus. Auffällig anders: Die konzeptuelle, fast skulpturale Objektmalerei von Franziska Jyrch. Dem Klassischen abgeschaute Figuren von Constanze Kerth. Oder Gudrun Petersdorffs bunte und doch melancholisch-traurige Alltagsszenerien. Die Ausstellung zeugt von einer lebendigen, vielfältigen Leipziger Malerinnen-Szene. Man darf gespannt sein auf die beiden im Herbst und Winter folgenden Ausstellungen, die Arbeiten von weiteren 50 Leipziger Malerinnen zeigen. Ein gigantisches Projekt, eine einzigartige Bestandsaufnahme der Malerei in Leipzig zu Beginn des 21. Jahrhunderts, die stolz betont: Die Malerei ist weiblich. Nicht nur im grammatikalischen Sinne.

"Magisch" von Petra Polli, 2017, 57 x 38 cm, Mischtechnik auf Leinwand.
 

Ausstellung "Nach dem Bild ist vor dem Bild" - 25 Malerinnen aus Leipzig

Werke dieser Künstlerinnen sind in der Ausstellung zu sehen: Ellen Akimoto, Hjördis Baacke, Anna Bittersohl, Suzana Brborovic, Marie Gold, Kathrin Henschler, Katharina Immekus, Friederike Jokisch, Nina K. Jurk, Franziska Jyrch, Constanze Kerth, Uta Koslik, Elena Kozlova, Marianna Krueger, Kathrin Landa, Corinne von Lebusa, Sophia Loth, Berit Mücke, Julia Tomasi Müntz, Gudrun Petersdorff, Petra Polli, Maria Sainz Rueda, Konstanze Siegemund, Sophie von Stillfried und Kathrin Thiele.

In den neuen Räumen des Vereins Freunde aktueller Kunst in Zwickau, Hauptstraße 60-62, ist die Ausstellung bis 18. Mai zu sehen. Geöffnet ist sie Dienstag, Mittwoch, Freitag 14 bis 18 Uhr und nach Vereinbarung.

www.freunde-aktueller-kunst.de

 
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