Die Rettung des Feuerklosetts

Am Wochenende traf sich der harte Kern der Wikipedia-Community in Dresden. Viele Autoren verbringen Nächte damit, das Lexikon zu erweitern. Was macht diesen Menschenschlag aus?

Dresden.

Kolossos zögert. "Vielleicht lassen Sie das Feuerklosett weg", sagt er. Der 39-Jährige heißt Tim Alder und ist Testingenieur für Flugzeugbauteile. Er nimmt an der Wikicon in Dresden teil, dem Jahrestreffen der Wikipedia-Autoren.

Kolossos gehört seit mehr als zehn Jahren zur Community. Er hatte anfangs regelmäßig die "Artikel des Tages" gelesen und ist darüber bei Wikipedia "hängengeblieben", wie er sagt. "Der Begriff ,Fenster' war so formuliert, dass man glaubte, Häuser würden einzig der Fenster wegen gebaut." Der Artikel war für Tim Alder der Anlass, einzuschreiten. Das heißt: mitzumachen.

Damals war "Feuerklosett" noch nicht bei Wikipedia zu finden. Das Internetlexikon steckte noch in den Kinderschuhen. "Ein kleines Experiment war das, mehr nicht." Alder studierte an der TU Chemnitz im Fach Maschinenbau. Doch er verlegte sich in den Folgejahren nicht auf das Schreiben von lexikalischen Artikeln. Vielmehr fotografierte er: Häuser in der Lausitz, Villen in Dresden, das Industriemuseum und das Fahrzeugmuseum in Chemnitz, Gebäude am Markt. Hunderte Fotos entstanden. Zur freien Benutzung. Für die Menschheit schlechthin. Das ist der Sinn und Zweck, für den Wikipedianer wie Alder arbeiten.

Seitdem das Projekt im Mai 2001 ans Netz ging, sind bis Sonntagnachmittag 1.855.880 Artikel in deutscher Sprache entstanden - dazu Fotos, Grafiken, Statistiken, sogar Tonaufnahmen, etwa von Vogelstimmen. Hörbeispiele von Fremdsprachen und Dialekten. Eine Lexikon-Version für Kinder wird gerade aufgebaut. Sie heißt "Klexikon".

Bis spät in die Nacht hinein sitzen die meisten Wikipedianer fast täglich am Computer. Suchen Daten und Fakten für Artikel. Schreiben diese. Laden Bilder hoch. Programmieren. Dass jeder Ort, der in der Welt mit seinen geografischen Daten registriert ist, als roter Punkt auf einer Landkarte erscheint, ruft man ihn bei Wikipedia auf - das ist Alder zu verdanken. Und dass bei jeder Stadt ein einheitliches Kästchen mit Foto, Landkarte, Daten, Veranstaltungen und wichtigen Orten erscheint, hat er auch programmiert.

Auch Paulae zählt zum Kern der Wikipedianer. Aber die Literaturwissenschaftlerin der TU Dresden ist - anders als Alder - die klassische Vielschreiberin. Sie habe drei- bis viertausend Artikel verfasst. Dabei widmet sie sich, wie sie sagt, "Themen, die sonst keiner auf dem Schirm hat".

Themen, die keiner auf dem Schirm hat - es ist Wissen, das droht, abhanden zu kommen. Dazu gehören nicht nur die Feuerklosetts, die man als skurrile Erfindung abtun kann. Es zählen auch ernsthaftere Dinge dazu. So wissen zwar die meisten, dass unter George Bähr der Bau der Frauenkirche Dresden entstand. Die Kirche wurde von 1726 bis 1743 gebaut. Doch wer weiß etwas über den Vorgängerbau, der an Stelle der Frauenkirche stand?

Getrieben von Neugier hat Paulae monatelang Fakten gesammelt - und die Story über die Kirche vor der Frauenkirche verfasst. Unter "Frauenkirche Dresden, romanischer Vorgängerbau" ist unter anderem zu lesen, dass dieser Bau um 1020 existiert habe. Wenn man so will, hat Paulae beigetragen, rund 700 Jahre Geschichtswissen einfach und für alle zugänglich zu machen.

Auf wieder andere Weise bringt sich Conrad Nutschan, den alle nur Conny nennen, in die Wiki-Gemeinschaft ein. "Ich schreibe nur kurz", sagt er. "Ich bin gar nicht in der Lage, lang zu schreiben". Der Informatiker und Landespfleger will Anstöße für andere geben, damit diese einen von ihm verfassten Artikel ergänzen.

Schon mit einem seiner ersten Artikel ist ihm das gelungen. Nutschan nimmt seinen Laptop zur Hand und ruft "Kulturdenkmal" auf. In der "Versionsgeschichte" kann er nachlesen, dass er den Begriff 2004 mit 598 Zeichen erstmals erläutert hatte. Andere Autoren haben seine Definition ergänzt, genauer gemacht, wissenschaftlich untersetzt und 15.000 Zeichen dafür gebraucht. "Jede Änderung an einem Artikel, und sei es nur eine Kommaänderung, wird in einer neuen Version gespeichert."

Nutschan reizt an Wikipedia, dass nicht nur Kommaänderungen, sondern Diskussionen um Daten und Fakten komplett registriert werden. Die Auseinandersetzung um Wissen, die hier stattfindet, hat ihn zum Mitmachen bewogen.

Die Debatte bleibt im Rahmen. Denn eine der Grundregeln ist, bei allen Themen einen neutralen Standpunkt einzunehmen. Dass das nicht leicht ist, kann man bei "Impfen" und "Impfkritik" nachlesen. "Die Debatte war nicht ausgewogen." Neutralität ist auch deshalb nicht einfach zu garantieren, weil Unternehmen und andere Interessengruppen bisweilen versuchen, ihre Sichtweise im Internetlexikon zu platzieren. "Gerade deshalb ist es wichtig, dass sich jeder an der Diskussion beteiligen kann und alles gespeichert wird", sagt Nutschan.

Für Frank C. Müller ist die Frage der Neutralität kaum relevant: Der 62-Jährige aus Frankfurt/Main sitzt vor dem Hygienemuseum in Dresden, dem Tagungsort, und hat sich gerade sein schwarzes Wiki-Werbe-T-Shirt übergestreift. Müller, der sich kein Pseudonym zugelegt hat, spricht Deutsch als Muttersprache und Saarlännisch als Muddersprooch, dazu Englisch, Spanisch, Französisch, Italienisch, Portugiesisch Er beherrscht nicht alle Sprachen fließend. Aber er kennt Vokabular und Grammatik so, dass er damit das Wiktionary mit erweitern kann. Dieses Wiki-Wörterbuch existiert in 230 Sprachen und hat über 18,7 Millionen Einträge.

Jahr für Jahr kommt Müller mit seiner Partnerin Susanne Kauz zur Wikicon. Frauen sind bei diesem Treffen und wahrscheinlich überhaupt in der Minderheit. Susanne Kauz fühlt sich in erster Linie auch als "gute Seele an einigen Wikipedia-Stammtischen." Zudem tritt sie als Moderatorin bei Diskussionen auf. Sie bringt, wie sie sagt, "ein bisschen Sozialkompetenz ein".

Das wirft die Frage auf, ob Zeitgenossen wie Kolossos, Paulae und Conny von besonderem Schlag sind? Komische Käuze? Die Psychologin antwortet mit einem "Ja". Und Müller beschreibt Wikipedianer als "kulturinteressierte Menschen, die viel, viel wissen, aber etwas schüchtern sind und denen es mitunter schwerfällt, auf andere zuzugehen".

Freilich gibt es Ausnahmen. Und: Die Schüchternen unter den Wikipedianern waren nicht in Dresden. Von den rund 5800 Autoren, die an der deutschen Ausgabe schreiben, waren rund 200 bei der Wikicon.

Neben der Schüchternheit eint die Wiki-Freaks, dass sie sehr viel Zeit investieren. Frank C. Müller arbeitet täglich rund drei Stunden an Übersetzungen, Paulae, die Literaturwissenschaftlerin, ist zwei Stunden täglich bei Wikipedia und Tim Alder alias Kolossos drei Stunden. Unentgeltlich. "Doch mit viel Spaß."

Spaß? Ja, man erfahre viele Sachen nebenbei. Zum Beispiel, dass Feuerklosetts eine um 1900 in Entwicklung befindliche Art von Bedürfnisanstalten mit integrierter Verbrennung der Exkremente waren. "Dabei wurden die Exkremente unmittelbar nach ihrer Entstehung in der Bedürfnisanstalt selbst durch rauch- und geruchlose Verbrennung unschädlich gemacht und es war möglich, aus ihnen eine düngerhaltige Asche zu gewinnen." So jedenfalls steht es bei Wikipedia. Kolossos hatte das in einem historischen Techniklexikon gelesen.

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