Die zwei Seiten des Old Shatterhand

Nach der dreiteiligen "Winnetou-Verfilmung" hat Philipp Stölzl in Dresden die letzten Jahre von Karl May auf die Bühne gebracht. Er wünscht sich mehr Beachtung dieses großen Utopisten - auch in Sachsen.

Dresden.

Dresden. Mit 200 Millionen verkauften Büchern ist Schriftsteller Karl May für viele Leser-Generationen ein Synonym für Reisen und Abenteuer. Nach dem Mauerfall jedoch begann der Kult zu verblassen, seit dem 2001 erschienen Film "Der Schuh des Manitu" schien die Parodie sogar gefragter als das Original. Regisseur Philipp Stölzl will dem etwas entgegensetzen. Zu Weihnachten lief seine Neuverfilmung der Klassiker-Trilogie "Winnetou" auf RTL, und nun brachte er in Dresden Jan Dvoráks Theaterstück "Der Phantast - Leben und Sterben des Dr. Karl May" zur Uraufführung. Gabriele Fleischer sprach mit ihm.

Freie Presse: Warum haben Sie den sächsischen Lügenbaron so in Ihr Herz geschlossen?

Philipp Stölzl: Weil er mehr als ein Lügenbaron ist. Bei ihm verbinden sich Fiktionalität und Wirklichkeit auf tolle Weise. Und ich hatte das Gefühl, dass noch viel über den Schriftsteller zu sagen ist.

Was denn?

Er war eine tragische Person seiner Zeit. Als er begann, sich als Spross einer armen Weberfamilie nach oben zu arbeiten, wurde er wegen kleiner Delikte bestraft, saß lange im Gefängnis und begann zu schreiben. Phantastische Abenteuerromane wurden sein Markenzeichen. Damit hatte er Erfolg. Als er selbst in die Länder reiste, die er beschrieben hatte, wurde er als Hochstapler verhöhnt und beschimpft. Mehr als 100 Prozesse musste er in den letzten Lebensjahren führen. Diese Kritiker werden im Bühnenstück genannt.

Deswegen lohnt es sich, Karl May neu in Szene zu setzen?

Ja, weil er zwar als Lügner und Phantast gesehen wurde, aber weniger als Humanist und Utopist. Ich möchte anhand seiner letzten Lebensjahre auf der Bühne beleuchten, welche Brüche es in seinem Leben gab, welche Rolle seine beiden Ehefrauen spielten, mit welchen Widersprüchen er lebte. So behauptete er, Old Shatterhand zu sein und 1200 Sprachen zu können. Bizarr, doch wie konnte er damit durchkommen? Er schuf sich eine Traumwelt, die er aber präzise und wortreich beschrieb - und erhielt Zuspruch. Auf 200 Millionen wird die Auflage seiner Bücher bis heute geschätzt. Generationen von jungen Leuten haben seine Bücher verschlungen.

Sie auch?

Nein, in meiner Generation spielten andere Dinge eine Rolle, aber nicht Winnetou und Old Shatterhand.

Inzwischen sind Sie aber May-Kenner geworden?

Ich habe mich ihm genähert. Mit dem Wissen von heute wünsche ich mir, dass seinem Andenken in Sachsen mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird, er endlich die Wertschätzung erhält, die er verdient - auch mit der Förderung für ein modernisiertes Museum in Radebeul, seiner letzten Wirkungsstätte.

Besteht nicht die Gefahr, den Schriftsteller zu glorifizieren?

Davon bin ich weit entfernt. Ich interessiere mich ja gerade für seine zwei Seiten und die Widersprüche, mit denen er lebte. Natürlich war er ein Lügner, aber eben auch ein Humanist und Utopist des 19. Jahrhunderts. Ich würde ihn in einem Atemzug mit Richard Wagner nennen. Schon lange interessieren mich seine letzten Lebensjahre. Es macht Spaß aufzuspüren, wer er wirklich war. Vor einem Jahr habe ich mich deshalb auch in der Villa "Bärenfett", dem Wohnhaus von Karl May in Radebeul, umgeschaut, in Briefen und Aufzeichnungen gelesen, auch seiner Autobiografie "Ich". Aus einem Filmprojekt wurde die Theaterinszenierung, weil dieses Fellinihafte, die Zerrissenheit von Karl May, auf der Bühne viel besser umzusetzen ist. Das Angebot aus Dresden während der Dreharbeiten zu "Winnetou" kam da zur rechten Zeit.

Etwas viel May.

Nein, durchaus nicht, weil ein dreiteiliger Monumentalfilm wie "Winnetou" ganz anders funktioniert als ein zweistündiges Theaterstück.

Aber ist May heute ein Vorbild?

So weit würde ich nicht gehen. Doch Utopien sind eben nicht nur Märchen. Aber in Zeiten des Turbokapitalismus, in denen May lebte, als TBC, feuchte Wohnungen und 18-Stunden-Arbeitstage an der Tagesordnung waren, wünscht man sich paradiesische Zustände, so wie sie May beschrieb - eine spätromantische Fiktion, die als Metapher eine tolle Botschaft im Theater ist. May hat sich auch dem Kolonialismus entgegengestellt, dem Abschlachten ganzer Völker wie dem der Hereros in Namibia. Denn er begegnete in seinen Romanen den angeblich Wilden in Afrika und dem Nahen Osten auf Augenhöhe. Er machte klar, dass alle Völker gleich viel wert sind. Möglicherweise ist ihm das gelungen, weil er erst viel später in den Ländern war, die er beschrieb.

Und die Botschaft heute?

Es ist die Achtung anderer, wie ich sie auch in den Winnetou-Filmen deutlich gemacht habe - bei allen Härten der Realität. Es ist die Utopie der Versöhnung, des friedlichen Zusammenlebens. Die Begegnung von Winnetou und Old Shatterhand, die aus unterschiedlichen Wertesystemen kommen, verschiedene Hautfarbe haben und Blutsbrüder werden, ist eine Botschaft, die wir heute gut gebrauchen können.

Begleitet Sie Karl May weiter?

Ja, aber nicht in der Arbeit. Demnächst widme ich mich der Verfilmung des Udo-Jürgens-Musicals.

Der Abenteuerschriftsteller

Karl May wurde am 25. Februar 1842 in Ernstthal geboren. Durch seine fiktiven Reiseerzählungen, die im Orient, in Amerika und in Mexiko des 19. Jahrhunderts spielen, machte er sich einen Namen. May war das fünfte von 14 Kindern einer Weberfamilie. Er studierte ab 1856 am Lehrerseminar Waldenburg, arbeitete als Lehrer in Glauchau und Altchemnitz. Als er die Reserve-Taschenuhr eines Mitbewohners mit in die Ferien nahm, wurde er verhaftet und als Lehramtskandidat gestrichen. Er gab Privatunterricht, komponierte und schrieb.

Da es zum Leben nicht reichte, erschlich er sich Geld durch Diebstahl, Betrug und Hochstapelei. Vier Jahre Haft folgten. 1870 bis 1874 saß er im Zuchthaus Waldheim. Ab 1874 wurde er Redakteur und ab 1878 freier Schriftsteller. Als 1892 seine ersten Reiseromane erschienen, wurde er auch als Old Shatterhand zum Teil von ihnen. May war zweimal verheiratet. Erst 1908 besuchte er Amerika, später den Orient. Kritiker rügten ihn wegen Hochstapelei und Plagiaten. Eine späte Anerkennung bekam er für den Vortrag "Empor ins Reich der Edelmenschen" auf Einladung des Akademischen Verbandes für Literatur und Musik Wien. Am 30. März 1912 starb Karl May in Radebeul.

Der Regisseur

Philipp Stölzl wurde 1967 in München geboren. Der gelernte Bühnenbildner begann dort an den Kammerspielen, war Werbefilmer und Musikvideoregisseur - für Rammstein, Westernhagen, Pavarotti, Madonna, Mick Jagger. Er drehte u. a. "Nordwand", "Goethe!", "Der Medicus", inszenierte an verschiedenen Theatern.

Jagdgründe eines Edelmenschen

Urkomisch und tiefsinnig: "Der Phantast - Leben und Sterben des Dr. Karl May" wurde im Staatsschauspiel uraufgeführt. Eine Rezension.

Dresden. Über der Bühne thronen ein Porträt von Karl May und der Schriftzug "Ich". Dieser Titel von Mays Autobiografie wird zwei Stunden lang zum Symbol für einen tragischen Helden, der Hochstapler und zugleich Utopist war. Der Hamburger Musikwissenschaftler und Stück-Schreiber Jan Dvorák sowie Regisseur Philipp Stölzl zerlegen dieses Ich und nutzen dafür Quellen aus den letzten Lebensjahren des Schriftstellers. "Der Phantast - Leben und Sterben des Dr. Karl May" erlebte am Wochenende am Staatsschauspiel Dresden Uraufführung.

Der Phantast sitzt in der nachgestalteten Studierstube in der Radebeuler Villa "Bärenfett", schreibt, verwirft, deklamiert und lebt in einer fiktiven Welt, in der er die irdischen Wünsche seiner Frau Emma (Nele Rosetz) nicht vernimmt. Plötzlich steigt der Sachse mit dem zerzausten Kopf aus seiner Stube hinab und wird zu Kara Ben Nemsi, der durch die Wüste reitet. Unterwegs trifft er sächsische Polizisten, die ihn wegen Gaunereien verhaften wollen. Die Realität holt May auch ein, als ein wütender Mob ihn der Lüge und Hochstapelei bezichtigt - und das erst zu einer Zeit, in der May die Länder bereiste, die er beschrieb.

Der Wechsel zwischen den Ichs des Karl May droht trotz einer Fülle parodierender Szenen nie ins Lächerliche abzugleiten - dank tiefer Symbolhaftigkeit und erstklassiger Darsteller. Und doch wird der Abend zur Ein-Mann-Show des Götz Schubert. Er geht in Karl May auf und wird im Lauf der Aufführung immer besser. So stellt man sich den Autor vor, der über sein Leben in einer armen Weberfamilie hinauswächst, Traumwelten schafft, aufschneidet, letztlich an das Gute im Menschen glaubt. Wunderbar die Szene, als ein Fotograf (Simon Käser) May besucht. Als der im Shatterhand-Kostüm den Bärentöter von der Wand nimmt, um mit dem Heldengewehr zu posieren, bricht er unter der Last zusammen. Der Fotograf spielt das Spiel mit.

Urkomisch und zugleich tiefsinnig der Vergleich mit Shakespeare. May, so sagt man, habe einen größeren Einfluss auf das deutsche Volk gehabt als Shakespeare auf das englische. "Shakespeare gab es nicht. Ich bin Kara Ben Nemsi und Old Shatterhand. Das kann man nachlesen. Doch der gewaltigste Dichter ist das Leben selbst", erwidert der Sachse selbstbewusst. Schubert gelingt der Spagat zwischen Aufstieg und Fall des Dr. May, der sich selbst den Doktortitel erschlichen hat. Winnetou kann seinen geistigen Vater nicht retten, aber er kommt in Gestalt von Ahmad Mesgarha in Mays Welt. "Kein schöner Land" trällert der Männergesangsverein, als ein Schwarzer im beschaulichen Sachsen auftaucht. Als May seinem Apachenhäuptling Winnetou den Zylinder vom Kopf zieht und langes schwarzes Haar, geschmückt mit einer Feder, herunterfällt, wird auch diese Szene zum Symbol. Winnetou, getötet von Mays Kritikern, stirbt als Christ. Kurz nachdem May in Wien beim Vortrag über Edelmenschen sein Ich in ein wirkliches und ein erfundenes zerlegt, beschwört er sterbend in Winnetous Armen die Geister der Apachen. "Die Menschheit im idealen Sinn, das ist mein Publikum." Das Publikum, das May heraufbeschworen hat, lernt jetzt neue Seiten des Sachsen kennen.

Nächste Aufführungen

"Der Phantast" im Schauspielhaus Dresden am 22., 24., 31. Januar. Kartentelefon: 0351/4913555.

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