Ein Glashaus voller Orientierungsloser

Friederike Heller inszeniert für das Staatsschauspiel Dresden Dostojewskis Roman "Dämonen".

Dresden.

Sie sitzen im Glashaus, streiten, toben und rebellieren, sind zugleich orientierungslos und radikal - die Akteure in Fjodor Dostojewskis "Dämonen". Ein Käfig voller Narren. In den bringt sich die fast durchweg junge Garde des Ensembles ausdrucksstark ein. Premiere hatte das Stück am Wochenende am Staatsschauspiel Dresden. Die Warnung von Dramaturgin Felicitas Zürcher beim Zuschauergespräch vor der Aufführung war berechtigt: Wer mit wem und warum diskutiert, ist nicht so leicht zu durchschauen. Aber genau diese schwere Kost ist es auch, der sich Dostojewski stellte, als er 1870 in Dresden mit seinem Roman begann. Auch wenn er das politische und soziale Leben im vorrevolutionären Russland des späten 19. Jahrhunderts beschreibt, zeigt er allgemein gültig auf, wohin das Aufeinanderprallen verschiedener Ideologien in einem labilen System führen kann.

Auf der Dresdner Bühne geht es ebenso wenig wie bei Dostojewski nur um das Generationenproblem, wenn sich Nikolai (André Kaczmarczyk) und Pjotr (Thomas Braungardt) rebellisch gegen Mutter und Vater wenden. Hier geht es um viel mehr, um Radikalisierungen, Demagogie, um Anarchie im Angesicht einer um sich greifenden Orientierungslosigkeit.

Regisseurin Friederike Heller nimmt aus dem immerhin 1000 Seiten umfassenden Roman jene Handelnden heraus, die sie für ihre Botschaft für wichtig erachtet. Sie stellt die Charaktere wie bei dem Damenstiefel tragenden Lebjadkin (Ben Daniel Jöhnk) und dem mit dunklen Posen agierenden mystisch daherkommenden verwöhnten Gutsbesitzersohn Nikolai bisweilen stark überzeichnet dar. Nur gut, dass sie Peter Thiessen und Sebastian Vogel von der Hamburger Band Kante immer wieder die dem Roman vorangestellte Botschaft Puschkins "Keine Wegspur, nichts zu sehen, wissen wir noch, wo wir sind?" intonieren lässt und so eine Linie vorgibt. Gespielt wird mit Stimmungen, der Zerrissenheit der Handelnden. Es ist bedrückend, wenn sich die Akteure von außen an die Glaswand pressen, um zu lauschen oder ihre Botschaften an die Wände zu kritzeln. Jeder scheint jeden zu beobachten.

Aber die Regisseurin weist den Zuschauern nicht den Weg aus dem mystischen Dunkel, im Gegenteil. Sie kostet die Gefährlichkeit dieser Typen auf der Bühne bis zum bitteren Ende aus. Sie lässt sie denunzieren, um sich schlagen, ja sogar morden. Dass der einzige Typ, der dem Zuschauer angenehm erscheint, weil er klar agiert, emotional ist und permanent das zu sagen scheint, was er denkt - der Veränderer Stepan - am Ende der radikalste ist, der alle in den Tod treibt und selbst zur Waffe greift, ist erschreckend. Das allerdings trifft auf das gesamte Spiel zu. Dem muss man ganz genau folgen, um die Intrigen, die Parallelen zu Geheimdiensten, Nationalsozialismus, Gotteskriegern ins Heute zu holen. Was Dostojewski zu seiner Zeit nur andeuten konnte, ist mit dem Niedergang des Sozialismus, den Kriegen der jüngsten Zeit, radikalen Fundamentalisten und brauner Flut längst Realität und wird auch auf der Bühne gestreift.

Am Ende muss der am wenigsten auffällige Akteur, Mawrikiy Wirginskij (Benjamin Pauquet) als Überlebender, mit der Erfahrung der Dämonen, die alles zerstört haben, zurechtkommen. Ein Weltveränderer wird er nicht. Die banale Schlussszene, die zugleich ein Bruch ist, zeigt es: Er wird sich im Gemeinderat den dringenden Fragen der Entwässerung widmen. Auch wenn im Glashaus Gras alles zu überdecken scheint, die Dämonen bleiben - und die Fragen des Publikums.

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