Ein Mann im Unruhestand

Er war Struutz, Stubbe, Stankoweit, hat aber alle von ihm geprägten Charaktere wieder abgelegt, bevor er zu sehr mit ihnen identifiziert wurde: Wolfgang Stumph befindet sich in seinem achten Lebensjahrzehnt im künstlerischen Unruhestand - und vor dem einmaligen Comeback in einer seiner Rollen.

Dresden.

Eins muss man Wolfgang Stumph lassen: Was immer der sächsische Kabarettist und Schauspieler in seinem beruflichen Leben getan hat, er hat immer rechtzeitig wieder davon abgelassen. Ehe eine Idee sich totläuft, ehe er in einer ihm zugewiesenen Rolle nicht mehr glaubwürdig ist oder, womöglich noch schlimmer, ganz und gar auf diese reduziert und festgelegt wird.

"Wenn es am schönsten ist, soll man aufhören", lautet ein Credo des 71-Jährigen, der als Deutschlehrer Udo Struutz in zwei Kinofilmen "Go Trabi Go" zu sehen war - aber eben, wie er betont, in keinem dritten. Ebenso wie im Fall der Verwechslungskomödie "Der Job seines Lebens" um einen Ministerpräsidenten und seinen Doppelgänger, deren Produzenten er ebenfalls den zweiten Nachschlag verweigerte. Und auch in der überaus erfolgreichen ZDF-Krimiserie "Stubbe - Von Fall zu Fall" ging Wolfgang Stumph nach 50 zwischen 1995 und 2014 gedrehten Folgen in eben dem Alter in den Ruhestand, in dem ein normaler Kriminalpolizist das eben tut. Zur Glaubwürdigkeit als Schauspieler, sagt er, gehört auch, dass man keine Rollen spielt, die man im wirklichen Leben nicht mehr einnehmen könnte: Wie Horst Tappert noch mit 75 Jahren als "Derrick" auf Verbrecherjagd zu gehen - das wäre Stumph vermutlich nicht passiert.

Stumphs aktuelle Rolle, auch die höchst glaubhaft, ist allemal die des Unruheständlers - und das in vielfacher Hinsicht. Am Freitag und am Samstag tritt der Dresdner mit seiner autobiografischen Stegreif-Show "Höchstpersönlich!" vor fast ausverkauften Häusern in Aue und Schleiz auf - und sitzt praktisch schon auf gepackten Koffern für die Abfahrt nach Nordfriesland. Dort beginnen Anfang November im Auftrag des ZDF Dreharbeiten für eine - einmalige weitere "Stubbe"-Folge. Als einmaliges Comeback. Ohne Titelzusatz "Von Fall zu Fall": "Stubbe ist ja im Ruhestand. Aber was geht in einem Menschen vor sich, der sein dienstliches Leben beendet hat und immer noch voller Unruhe steckt?", fragt sich Stumph. Zumal Stubbe über seine deutlich jüngere Frau Marlene (Heike Trinker), die noch voll im Berufsleben bei der Polizei steht, quasi in der Lage des abgehalfterten Zirkuspferdes ist, das von ferne immer noch die Musik spielen hört, ohne mehr im Aufgebot für die Manege zu stehen.

Es waren schon immer die vielschichtigen Charaktere, die Stumph in seinem schauspielerischen Ehrgeiz packten. Wie seine Figur Conny Stein aus dem Film "Blindgänger" von 2015. Der ebenfalls vor der Pensionierung stehende Bombenentschärfer des Dresdner Kampfmittelräumdienstes, ein Einzelgänger, der seine Bomben mehr liebt als seine Ehefrau. Er muss sich selbst neu erfinden, als sein Versuch, einem zehnjährigen tschetschenischen Flüchtlingsmädchen, zu helfen, das einer Razzia und der Abschiebung entkommen ist sein Deutschland-Bild ins Wanken bringt.

Allein das Mitwirken an diesem Film zeugt von einer gewissen politischen Haltung. Unterdessen geht Stumph im persönlichen Gespräch nicht gern auf den Wandel ein, den das Bild Ostdeutschlands und speziell Sachsens in den vergangenen Jahren und Monaten durch das politische Verhalten seiner Landsleute erfahren hat. Ein Presseinterview, in dem es eigentlich um seine Arbeit geht, sei kein geeigneter Rahmen, um derlei in der Ausführlichkeit und Tiefe zu diskutieren, die das Thema verdiene, so Stumph, der jedoch ein Verständnis von Heimat pflegt, das jedem das Recht lässt, sich seine dort zu suchen, wo er es für richtig hält: Heimat, so das persönliche Credo des gebürtigen Niederschlesiers, müsse nicht notwendigerweise da sein, wo man geboren und aufgewachsen ist, sondern könne auch da sein, wo man Freunde und Familie hat, da, wo man seine Ideen verwirklichen kann und wo man gebraucht wird. Dem Heimatgefühl anderer spürt er, unter die Dokumentarfilmer gegangen, für den MDR nach, indem er in allen erdenklichen Ecken der Welt Menschen aufsucht, die Mitteldeutschland verlassen und sich etwa in Lappland, auf Kuba, in Vietnam oder auch "nur" in Bayern eine neue Existenz aufgebaut haben.

Wer sich indes seine neue Heimat dort sucht, wo er erwarten kann, von niemandem mehr aus seinem alten Leben behelligt zu werden, der muss dafür spezielle Gründe haben. Und wenn derjenige ein fiktiver Charakter aus dem Drehbuch eines Fernsehspiels ist, dann wird der auf jeden Fall Stumphs Interesse wecken. So verkörperte er im Herbst vergangenen Jahres bei Dreharbeiten in der ostkanadischen Provinz Nova Scotia an der Seite von Katrin Sass die Titelfigur in dem ARD-Fernsehspiel "Harrys Insel", das am 1. Dezember ausgestrahlt wird. Harry Stockowski, ein deutscher Aussteiger, versucht nach seinem Knast-Aufenthalt die lang ersehnte Ruhe auf der einsamen Insel mit Blockhütte zu finden, die er Jahre zuvor rechtmäßig erworben hat. Doch es kommt anders: Die raubeinige Susan (Katrin Sass) behauptet, das Eiland gehöre ihr, und versucht, den Neuankömmling mit der Flinte zu verjagen. Ein Kampf um die Blockhütte mit überraschenden Wendungen beginnt, bei dem der deutsche Aussteiger gewaltig einstecken muss - und bei dem am Ende beide Kontrahenten dazulernen.

"'Harrys Insel' ist für mich eine Kombination aus Drama und Komödie, und das ist für mich immer Unterhaltung mit einer Haltung, die dem Zuschauer trotz des Ernstes der Geschichte ein Lächeln durch die komischen Momente verspricht", sagt er, auch da ganz auf Glaubwürdigkeit bedacht: "Am liebsten sind mir Tränen, die durch Lachen und Weinen ausgelöst werden."

Das Programm Wolfgang Stumph tritt am Freitag, 19.30 Uhr mit dem Programm "Höchstpersönlich!" im Kulturhaus Aue auf. Resttickets sind in allen "Freie Presse"-Shops in Ihrer Nähe erhältlich. www.freiepresse.de/meinticket

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