Ein Riss aus kalter Solidarität

Das Stück "Die Lücke" hat das Theaterfestival "Fremde Nachbarn" eröffnet. Fünf Jahre nach der NSU-Enttarnung geht es dabei vor allem um ein Zurechtrücken über die Jahre verrutschter Sichtweisen.

Chemnitz/Zwickau.

Wie sehr das Motto eines Festivals an den künstlichen Haaren herbeigezogen ist, erkennt man auch daran, wie eloquent verschraubt die Eröffnungsreden ausfallen. Zum Auftakt von "Unentdeckte Nachbarn" wurden diese dagegen knapp, ehrlich und hemdsärmelig gestaltet: Das Wort bekam die Bühnenkunst, die von der Doppeldeutigkeit des Festivalmottos aus, die ja Täter wie Opfer erfasst, sogleich recht überraschend in die Tiefe glitt. Immerhin sind und waren ja Zweifel angebracht: Ein Theaterfestival, das deutschlandweite Stücke rund um das Thema "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) vereint - muss das nicht zwangsläufig eine Selbstvergewisserungsveranstaltung derer werden, die sich sowieso schon engagiert, solidarisch und kritisch auf der "guten" Seite der Zivilgesellschaft positioniert haben?

Doch das Stück "Die Lücke" von Nuran David Calis, zu Gast vom Schauspiel Köln, verteilt die Rollen erst einmal frisch und rückt bereits nach kurzer Zeit mit einem ziemlich interessanten Ansatz heraus: Nehmen wir mal an, Gewalt und Terror, egal ob nun neofaschistisch oder islamistisch, wäre gar kein Mysterium von irgend einem extremen Rand der Gesellschaft - sondern würde in einer sehr realen Lücke wuchern, die in unser aller Mitte gerissen ist. Und zwar von einer Distanz, mit der wir uns von unseren Nachbarn abgrenzen, um uns selbst zu definieren. Schlicht, weil wir nicht gelernt haben, Widersprüche auszuhalten und zu tolerieren. Ist diese Distanz mittlerweile nicht zu einem tiefen Graben aufgerissen? Ein Graben, der es beispielsweise einigen Zwickauer Zeugen ermöglichte, absolut nichts bemerkenswert Auffälliges daran zu finden, mit Beate Zschäpe und ihren beiden Terror-Uwes unter einem Hitler-Porträt Pizza zu essen. Ist ja nicht verboten, oder? Wieso steht das "U" in "NSU" eigentlich für "Untergrund", wird an einer Stelle gefragt: Das Trio musste sich nur neue Namen geben und konnte ansonsten ohne Einschränkungen leben, einkaufen, in den Urlaub fahren.

"Die Lücke" wurde im Wesentlichen aus Gesprächen von Schauspielern mit Anwohnern der Kölner Keupstraße entwickelt, wo der NSU am 9. Juni 2004 mit einer auf einem Fahrrad befestigten Nagelbombe acht Menschen verletzte. Damals ist ein rechtsterroristischer Hintergrund schnell kategorisch ausgeschlossen worden - ermittelt wurde stattdessen ausschließlich im Umfeld der Opfer, man ging von Bandenkriminalität und organisiertem Verbrechen aus. Das Stück gibt letztlich einen mit sparsamen Videosequenzen und wenigen, aber packenden theatralischen Mitteln inszenierten Argumentationsaustausch dreier Deutschtürken und dreier Deutscher wieder, wobei die titelgebende Lücke immer wieder vor allem dort aufreißt, wo man sich jeweils selbst besonders aufgeklärt, tolerant oder zivilisiert vermutet. Im Recht. Dennoch - oder deswegen - hat bisher niemand von Polizei oder Justiz den Opfern gesagt "Wir haben uns geirrt!" Es gibt, so sehen es die Deutschtürken, eine warme Solidarität. Diese helfe wirklich. Wesentlich verbreiteter sei jedoch die kalte Solidarität, die symbolisch und aktionistisch vor allem von Politikern demonstriert werde - und fast tiefere Risse erzeuge als die Bombe selbst.

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