Ein Schweben zwischen Schwarz und Weiß

Der Dichter Reiner Kunze zeigt sich fasziniert von einem Kunstwerk des Chemnitzers Frank Maibier auf der Landesgartenschau.

Oelsnitz/Erzgebirge.

Ein schlichter kleiner Raum, vier Wände, zwei Fenster, eine Tür, ein Fußboden, auf dem man auf Kohlen geht. Es sind keine glühenden Kohlen - aber es ist warm glänzende, glatte Steinkohle, die in der Sonne funkelt.

Die Kohle ist Teil eines Kunstprojekts, das der Chemnitzer Frank Maibier zur Landesgartenschau in Oelsnitz/Erzgebirge realisiert hat. Ihr tiefes Schwarz korrespondiert mit den weißen Wänden, auf denen ein Gedicht des gebürtigen Oelsnitzers Reiner Kunze steht: "Unwirklicher Maitag". Darin heißt es: "So sehr blühten die Kirsch- und Mostbirnbäume / daß sie sich verwandelten / in weißes Gewölk. / Das Dorf, eingeblüht / schwebte davon. / Mit unserem weißem Haar / täuschten wir vor dazuzugehören / und wurden schwerelos."

Schwerelos schweben auch die Worte im Raum, strahlen blühend hell - der Gartenschau angemessen - auf der weißen Wand mit dem und nicht gegen das Schwarz der Kohle.

Reiner Kunze war sichtlich berührt, als er während eines Besuchs am Dienstag in Oelsnitz sah, wie sein Gedicht Teil eines Kunstwerks geworden war, das auf besondere Weise an den Ort seiner Kindheit erinnerte. 1933 in eine Bergarbeiterfamilie geboren, wurde Kunze vor allem nach dem Prager Frühling 1968 zum sensiblen und konsequenten Kritiker der DDR, wurde von der Staatssicherheit mit infamen "Zersetzungsmaßnahmen" bedacht und mit Veröffentlichungsverboten belegt. Wegen einer drohenden Haftstrafe für ihn und seine tschechische Frau Elisabeth stellte er 1977 einen Ausreiseantrag und siedelte in die Bundesrepublik über. Und noch immer ist ihm die Freude anzusehen, dass er nun in seine Heimatstadt zurückkehren kann, ohne Verfolgungen fürchten zu müssen.

Wohl auch, weil Frank Maibier in seinem Kunstprojekt die Dichtkunst Reiner Kunzes mit der über viele Jahre von der Steinkohle geprägten Geschichte der Stadt zusammen brachte, setzte sich der Vorschlag des Chemnitzers gegen fünf andere durch. Mit Ulf Edlich und Cartsen Schmidt verlegte er den Steinkohlenfußboden; Evelyn Schilde half ihm, das auf das Achtfache vergrößerte Manuskript des Kunze-Gedichts an die Wand zu schreiben. Die Kohle - es mussten besondere, glatte Stücke sein - durfte er sich bei einem Zschopauer Kohlehändler aussuchen. So verweist das minimalistische, poetische Werk auch in seiner Entstehungsgeschichte noch einmal auf die kollektive Arbeit, mit der einst in Oelsnitz Steinkohle gefördert wurde, erinnert an diese Kohle als einen der Ursprünge des Lebens, der Wärme als ein Grundbedürfnis des Menschen. "Erstaunlich, was dieses mickrige Oelsnitz auf die Beine bringt", lobte Reiner Kunze. Und Frank Maibiers Kunstwerk hilft vielleicht dem Umstand ab, den die Oelsnitzerin Cristina Zehrfeld in ihrem frechen Stadtführer "Die Metropole Oelsnitz" beklagte: "Hier hat nicht jeder die phantastischen Perlen der Kunzeschen Poesie zitierfähig zur Hand." Zumindest für die Zeit der Landesgartenschau haben sie die Oelsnitzer nun an der Wand.

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