"Ein wunderbares, reiches Erbe"

Dozentin und Schauspielerin Anna Luise Kiss sieht in Defa-Filmen mehr als manch anderer - Ein Gespräch über alte Geschichten, Scheren im Kopf und junge Filmemacher

Die Defa-Filme bezeichnet sie als kostbares Filmerbe, das noch nicht jeder als solches erkenne. Anna Luise Kiss versucht, dieses Erbe an die junge Generation weiterzugeben. Die Schauspielerin, selbst erst Jahrgang 1981, lehrt an der Filmuniversität "Konrad Wolf" in Potsdam unter anderem die Geschichte der Defa. Dabei geht es genauso um die Entwicklung der Technik wie um die Emanzipation der Frau oder die Frage, wie sich Filmemacher früher mit politischen und heute mit wirtschaftlichen Maßgaben herumschlagen mussten und müssen. Über staunende Studenten, ein rappelvolles Defa-Café, die heutige Kino-Komödien-Flut und eine bedeutende, aber kaum bekannte alte Dame hat sich Katharina Leuoth mit Anna Luise Kiss unterhalten.

Freie Presse: Können Sie sich an den ersten Defa-Film erinnern, den Sie gesehen haben?

Anna Luise Kiss: Da muss ich kurz in meinem Gedächtnis kramen. (überlegt) Ich denke, das war "Gritta von Rattenzuhausbeiuns".

Gritta was?

Der Film heißt wirklich "Gritta von Rattenzuhausbeiuns". Ein wunderbarer Kinderfilm! Als kleines Mädchen war ich hellauf begeistert von der unglaublichen Fantasie im Film und von der Liebesgeschichte zwischen dem Mädchen und dem Jungen darin. Die haben sich sogar geküsst. Das fand ich sehr romantisch.

Sie stammen aus Heidelberg, wurden 1981 geboren. Zum Ende der Defa waren sie etwa zehn Jahre alt, können - trotz manchen Kinderfilms - kaum durch die Defa geprägt sein. Heute lehren Sie an der Filmuniversität Babelsberg "Konrad Wolf" in Potsdam Filmgeschichte und widmen sich dabei auch der Defa. Wie kamen Sie dazu?

Ich habe an der Filmhochschule Babelsberg Medienwissenschaften studiert. Dort wurde mein Interesse an der Defa geweckt. Zum einen, weil sie Thema in den Seminaren war, zum anderen aber auch durch die räumliche Nähe. Mein Weg zur Uni führte immer durch das Gelände der Babelsberger Filmstudios, also dem ehemaligen Defa-Studio. Da fragt man sich schon: Was haben die früher hier gemacht?

Was hat Sie am meisten an der Defa überrascht?

Die Widersprüchlichkeit. Wenn man sich nicht mit dem Thema auskennt, glaubt man, bei der Defa sind vor allem Kinderfilme und ideologisch belastete Streifen entstanden. Befasst man sich aber näher damit, wird klar, mit welch wunderbarem, reichem und kostbarem Filmerbe wir es zu tun haben. Es gab gesellschaftskritische Filme, künstlerisch anspruchsvolle Spielfilme, innovative Produktionen im Bereich Dokumentarfilm und Animation. In den Filmen ist wahnsinnig tolles Schauspiel zu sehen, auch tolles Handwerk von den Kulissen bis zu den Kostümen. Und natürlich gibt es auch die Filme mit einem kulturpolitischen Auftrag, wo die Schere im Kopf der Regisseure, um bei staatlichen Stellen nicht anzuecken, sichtbar ist. Aber auch das sind Zeitzeugnisse.

Glauben Sie, dass dieses Erbe vielen Menschen bewusst ist?

Wahrscheinlich wird das Defa-Erbe noch nicht in der Breite wahrgenommen, wie es angemessen wäre. Das muss aber nichts mit Ignoranz zu tun haben. Wir haben es meiner Ansicht nach vielmehr mit Überlieferungsproblemen zu tun. Viele Filme der Defa werden erst jetzt digitalisiert und stehen somit auch erst jetzt in guter Qualität auf DVD und Blu-ray zur Verfügung. Das Material kann dadurch leichter zugänglich gemacht werden. Ich denke, dass uns bei den Defa-Filmen noch ein zweiter Frühling bevorsteht.

Aber nicht jeder mag alte Filme. Heute erscheinen manche Defa-Exemplare langatmig, und über einst ausgefeilte Kulissentechnik kann man nur noch schmunzeln.

Aber das hat nichts speziell mit der Defa zu tun, das haben Sie bei jedem Film, der nicht nach den heute üblichen Standards gedreht wird oder eben einfach älter ist. Da muss man sich tatsächlich konkret darauf einlassen. Und das funktioniert am besten mit einer Begleitung, also mit zusätzlichen Informationen darüber, in welcher Zeit der Film entstand, in welchem Kontext.

Woher kann so eine Begleitung kommen?

Die Defa-Stiftung bietet zum Beispiel entsprechende Filmreihen in einem Berliner Kino an. Es können aber auch andere Institutionen Filmabende mit informativem Rahmenprogramm organisieren. Im Prenzlauer Berg in Berlin zum Beispiel gibt es ein Café, in dem immer donnerstags ein Defa-Film gezeigt wird und einstige Defa-Schaffende zu Diskussionen eingeladen werden. Das Café ist immer rappelvoll, Jung und Alt quetschen sich da rein, und auch frühere Defa-Größen kommen dorthin, weil es sich rumgesprochen hat, wie gut diese Veranstaltungen ankommen. Auf diesem Weg lassen sich alte Filme ganz neu aufschließen.

Wie groß ist denn das Interesse Ihrer Studenten an der Defa?

Es ist nicht bei allen da, dort wo es fehlt, bemühen wir uns, es zu wecken. Aber natürlich ist es auch okay, wenn man sich nicht dafür interessiert. Aber ich hoffe schon immer, dass wir ein Aha-Erlebnis vermitteln können.

Was lernen Studenten über die Defa?

Wir vermitteln zum Beispiel die technische Entwicklung: Mit welcher Technik begann die Defa, auf welchem Stand war sie am Ende. Oder: Wie passte die Darstellung der Frau im Film mit der Frauenpolitik der DDR zusammen und wie war das im Vergleich zu Westdeutschland. Es gibt Studierende, die nach einem Film platt sind und sagen: Wow, das ist eine tolle Emanzipationsgeschichte - die dann aber auch überrascht sind, wenn sie dem Film Ergebnisse aus der aktuellen Forschung gegenüberstellen.

Die besagt, dass die Gleichberechtigung der Frau in der DDR doch nicht so reibungslos vonstatten ging wie propagiert?

Genau. Am Ende blieb nämlich trotzdem oft viel an der Frau hängen, neben der Arbeit im Betrieb abends die Familie, und dann sollte sie sich möglichst auch politisch engagieren und vielleicht noch gut aussehen. Gleichberechtigung ja, aber zu welchem Preis? Aber auch genau das wurde bereits in manchen Defa-Filmen thematisiert. Die Studierenden staunen über diese Bandbreite. Eine andere Frage, die wir behandeln: Welche Auswirkung hat es auf einen Filmemacher, wenn gewisse politische Maßgaben für seine Arbeit existieren, und welche Strategien kann er entwickeln, um die zu unterlaufen. Das interessiert unsere Studierenden ganz besonders.

Warum?

Heute gibt es bei uns keine expliziten politischen Vorgaben, aber dafür welche vom Markt. Die Fragen, die sich daraus ergeben: Welche Maßgaben stellt der Markt auf? Passe ich mich denen an? Gehe ich unkonventionelle Wege?

Mit welchen Maßgaben müssen sich denn Filmemacher heute umherschlagen?

Das kann man nicht verallgemeinern. In Fernsehserien scheint mittlerweile wieder mehr möglich zu sein. Sie werden experimentierfreudiger, die Geschichten komplexer, die Figuren tiefgründiger. Man traut dem Zuschauer wieder mehr zu. Konzepte für Kinofilme hingegen müssen meist viele Förderstellen durchlaufen, bis sie realisiert werden können. Und was da immer noch gut ankommt ist, wenn es sich um Komödien handelt, Stars mitspielen und ein Publikum von der 14-Jährigen bis zur Oma bedient wird. Da haben es andere Filmideen, Dramen zum Beispiel, in dem die Hauptrolle kein Star sondern ein guter, aber noch unbekannter Theaterschauspieler spielt, oft schwerer. Aber wie gesagt: Es lässt sich nicht verallgemeinern. Der Film "Love Steaks", der an unserer Hochschule entstand, erzählt eine kleine Liebesgeschichte, verfolgt einen dokumentarischen Ansatz, indem beispielsweise teils mit Laien gearbeitet wurde - und der Film war ein totaler Erfolg.

Worin bestehen die Hauptunterschiede, wenn man die Arbeit heutiger Filmemacher mit der der Defa vergleicht?

Ein großer Unterschied ist die Arbeitsorganisation. In der Defa waren viele fest angestellt. Selbst wenn man gerade nicht aktuell an einem Film gearbeitet hat, bekam man Geld. So konnte man sich der Entwicklung von Filmstoffen widmen, ohne dabei zu verarmen. Festanstellungen gibt es heute nicht mehr. Es finden sich nur noch projektbezogene Teams, die für einen Film zusammenarbeiten. Und Drehbuchautoren müssen ihre Filmstoffe entwickeln, ohne zu wissen, ob sie jemals Abnehmer dafür finden. Da braucht man schon eine große innere Motivation. Allerdings gibt es da auch eine zweite Seite der Medaille. Die Defa war ein großer Tanker, auf dem gab es ebenfalls Teams, aber es war offenbar nicht immer einfach, alle von derselben Idee zu überzeugen. Wenn sich heute in der unterfinanzierten Filmbranche Teams zusammenfinden, die einen Film machen wollen, dann wollen die das auch wirklich, haben Lust drauf und ziehen an einem Strang. Anders ginge es gar nicht.

Sie selbst widmen sich einem ganz speziellen Defa-Thema. Sie untersuchen gemeinsam mit einem Kollegen das Werk der Defa-Standfotografin Waltraut Pathenheimer. Warum?

Bei vielen Fotos zu Defa-Filmen finden Sie den Urheberverweis "Defa-Pathenheimer". Viele dieser Fotos sind von außergewöhnlicher Qualität, doch nur wenigen ist bekannt, dass es sich bei Pathenheimer um die erste Frau handelt, die bei der Defa als Standfotografin gearbeitet hat. Standfotografen machen Fotos für die Filmplakate, Filmhefte, die Werbung. Das fanden wir spannend: Wie hat eine damals 22-Jährige - so alt war sie, als sie 1954 begann - in diesem neuen Bereich mit vorwiegend Männern gearbeitet? Da bisher nichts über ihre Arbeit veröffentlicht wurde, wollten wir das machen.

Was planen Sie genau?

Im Dezember dieses Jahres soll eine Ausstellung zu diesem Thema eröffnet werden, auch anlässlich des 85. Geburtstages, den Waltraut Pathenheimer im nächsten Jahr feiern wird. Dazu wird ein Fotoband mit erläuternden Texten erscheinen. Auch wollen wir das Thema in die Lehre einbeziehen.

Wie würden Sie Waltraut Pathenheimer charakterisieren?

Das wäre anmaßend, aber ich habe sie als eine beeindruckende Dame kennengelernt, mit einer natürlichen Autorität. Aus ihren Bildern spricht eine hohe Einfühlungsgabe in die kreativen Ideen von Schauspielern, Regisseuren und Kameraleuten. Sie hat die Dreharbeiten immer intensiv verfolgt, um dann in einem Bild die Essenz einer ganzen Filmszene festzuhalten. Das hat sie meisterhaft beherrscht.

Gibt es den Beruf des Standfotografen noch?

Ja, aber er ist heute ganz anders. Ein Standfotograf wird nur für wenige Tage gebucht und kann selten den kompletten Dreh des Films verfolgen, wie das noch zu Zeiten von Frau Pathenheimer der Fall war.

Sie selbst sind beruflich vielgleisig aufgestellt. Sie sind Schauspielerin - haben in mehreren Serien gespielt, zum Beispiel in "Um Himmels Willen"-, sind aber auch Synchronsprecherin und Moderatorin. Sie haben Kulturwissenschaften studiert, dann in Babelsberg Medienwissenschaften und lehren nun dort. Hilft das beim Überleben in der Branche?

Der Beruf des Schauspielers ist ein hartes Brot. Er ist nicht geschützt, jeder kann sich so nennen, und der Markt ist überfüllt mit Leuten, die spielen wollen. Kaum einer kann allein davon leben. Und für Frauen ist es noch schwieriger.

Wieso?

Weil es tatsächlich mehr Männerrollen gibt, aber auch schon immer gab. Über die Gründe könnte man ganze Bücher schreiben, und das wird auch gemacht! Aber davon abgesehen, haben sich mein Spiel- und Standbein parallel entwickelt. Als Wissenschaftlerin finde ich es toll, praktische Erfahrung zu haben und sie den Studierenden weitergeben zu können. Ich weiß, wie der Drehalltag aussieht, wie Finanzierungen gestemmt werden und welche Kompromisse mitunter nötig sind. Und auch, dass nicht jeder Film ein geniales Kunstwerk werden kann.

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