"Er wollte eine Haltung wahren"

Filmemacher Marcus Vetter rollt einen Mord auf, der vor 30 Jahren in den USA für Wirbel sorgte und einen jungen Deutschen bis heute hinter Gitter brachte - Zu Recht?

USA, 1985: Das Ehepaar Nancy und Derek Haysom wird ermordet. In Verdacht gerät ihre Tochter, Cambridge-Studentin Elizabeth Roxanne Haysom. Jens Söring, 18, Sohn eines deutschen Diplomaten, ist mit ihr zusammen. Sie flüchten nach Asien und Europa, werden aber gefasst. Söring nimmt, wie er später sagt, aus Liebe die Tat auf sich, wird in die USA ausgeliefert und zu zweimal lebenslänglich verurteilt. Seit 1990 sitzt er ein. Auch Elizabeth Haysom hatte den Mord an ihren Eltern gestanden, dann widerrufen, und sitzt nun wegen Anstiftung zum Mord im Gefängnis. Auch Jens Söring widerrief. Beweise gegen ihn gibt es nicht, der Richter war mit den Mordopfern befreundet, ein entlastendes Gutachten ist verschwunden. Filmemacher Marcus Vetter zeichnet den Fall mit der Journalistin Karin Steinberger in der Dokumentation "Das Versprechen", die gestern ins Kino gekommen ist, nach. André Wesche sprach mit ihm über die Faszination von Mord, den Sinn von Strafen wie "mehrmals lebenslänglich" und Schwachstellen der Justiz.

Freie Presse: Warum sind Menschen so fasziniert von Geschichten über Mord und Totschlag?

Marcus Vetter: Das frage ich mich auch. Interessanterweise hat mich diese Tatsache zunächst von diesem Fall abgeschreckt. Aber das Projekt kam anders zustande. Ich habe mit Karin Steinberger bereits den Film "Hunger" gemacht. Bei diesem Dreh 2009 erzählte sie mir von Jens Söring. Sie hat ihn dann kurz vor seiner geplanten Überführung nach Deutschland getroffen. Der scheidende Gouverneur von Virginia hatte Jens am 12. Januar 2010 begnadigt, der neue, republikanische Gouverneur aber nahm diese Begnadigung am 19. Januar wieder zurück. Man muss sich das mal vorstellen. Jens war nach so vielen Jahren im Gefängnis gedanklich schon in der Freiheit. Und dann wird ihm diese Freiheit wieder genommen.

Wie ging es dann weiter?

Als wir vor drei Jahren gemeinsam "The Forecaster" gedreht haben, erzählte mir Karin wieder von Jens und fragte, ob wir ihn nicht mal im Gefängnis besuchen sollten. Ich habe mich darauf eingelassen. Es ist ein viereinhalbstündiges Interview entstanden und nach diesem Gespräch war mir klar, dass wir die Geschichte unbedingt machen müssen. Wir hatten ein kleines, sehr junges Team dabei. Und die waren alle geflashed von der Geschichte - weil es auch eine Liebesgeschichte ist. Ich habe erkannt, dass man hier endlich mal Protagonisten hat, mit denen sich auch ein junges Publikum identifizieren kann. Nach solchen Zuschauern sind wir Dokumentarfilmer auf der Suche. Jens war damals 18 und erlebte die erste Liebe.

War es schwierig, an Jens Söring heranzukommen?

Für Karin war das erste Interview gar kein Problem. Sie kennt das Procedere und sie hatte ihn schon mehrmals besucht. Es hat immer funktioniert. Komischerweise war unser Interview das letzte, das wir mit der Kamera machen konnten. Jens sitzt in einem Level-3-Gefängnis wie seine einstige Freundin Elizabeth Roxanne Haysom auch. Unser Interview war das letzte, für das ein Kamerateam in einem solchen Gefängnis zugelassen wurde. Das ist auch der Grund, warum wir Elizabeth nicht interviewen konnten.

Sie wäre zu einem Gespräch bereit gewesen?

Sie wäre an einem bestimmten Punkt dazu bereit gewesen, mit einem Lügendetektor mit uns zu sprechen. Dann hat sie es aber wieder zurückgenommen. Wir haben nicht weiter darum gekämpft, weil wir wussten, dass es keine Möglichkeit mehr gab, offiziell mit ihr zu sprechen. Sie hat sich bisher zweimal öffentlich geäußert. Einmal, kurz bevor Jens überführt werden sollte. Und ein zweites Mal vor wenigen Wochen. Sie hat zum ersten Mal zugegeben, dass sie von ihrer Mutter acht Jahre lang sexuell missbraucht wurde und damit auch, dass sie vor Gericht gelogen hatte. Meines Erachtens war der Deal, dass der sexuelle Missbrauch unter den Tisch gekehrt wird, um den Namen der Mutter reinzuwaschen. Der Richter war mit der Mutter befreundet.

Hat Jens Söring Ihnen jede Frage beantwortet?

Ja, er beantwortet alles und zwar ganz kleinteilig. Das wirkt manchmal fast panisch, weil er so viel erzählen will und weiß, dass die Zeit begrenzt ist. Zum Schluss sagte er: "Ich weiß, dass man mir nicht glaubt. Schaut Euch die Fakten an!"

Jeder Zuschauer wird sich ein anderes Bild von Söring schaffen. Wie sieht Ihr persönliches aus?

Ich habe ihn nur dieses eine Mal getroffen und mich distanziert. Nachdem der Rohschnitt des Filmes fertig war, habe ich mir noch einmal das komplette Interview am Stück angeschaut. Und das war sehr erhellend. Man hat als Filmemacher seine Interviews und Szenen und man baut und stückelt und macht. Irgendwann schafft man so auch seine eigene Welt aus Versatzstücken. Ich wollte überprüfen, ob ich Jens Söring überhaupt gerecht geworden bin. Als ich mir das Interview noch einmal anschaute, ist er mir sehr ans Herz gewachsen.

Inwiefern?

Ich habe viele Dinge komplett anders gesehen und viel besser verstanden. Es hat mir unendlich leid getan, wie sehr er um sein Leben geredet hat. Das fand ich zutiefst ehrlich. Er wollte jeden Punkt setzen und ganz genau sein. Dieses Gespräch und sein Newsletter sind ja die einzigen Chancen, ihn kennenzulernen. Er hat diesen völlig verworrenen Fall, den man wohl nur verstehen kann, wenn man sich in einen Jugendlichen hineinversetzt. Ein Jugendlicher, der zum ersten Mal in der großen, weiten Welt ist, der sich zum ersten Mal verliebt und dann noch eine Frau bekommt, die ihn an der Nase herum führt. Er ist mit ihr geflohen und hat die Tat zunächst auf sich genommen, weil er ihr imponieren wollte. Er wollte einmal ein starker Mann sein. Jens und Elizabeth haben zusammen Shakespeare gelesen und sich Vorbilder genommen. So, wie man als Jugendlicher eben ist, wenn man sich von seinen Eltern distanziert. Es ging Jens darum, eine Haltung zu wahren.

War es nicht diese Haltung, die ihm dann im Prozess das Genick gebrochen hat?

Ja. Sie wurde ihm als arrogant ausgelegt. Der Staatsanwalt hatte sein Problem mit Jens, weil er keine Miene verzogen hat. Ich glaube, Jens wollte nur gerecht sein. Er wollte nicht alles kommentieren, was Elizabeth sagte. Er hat es unkommentiert gelassen, was ich eigentlich als Größe empfinde. Er hat auch nicht auf die Tränendrüse gedrückt, während Elizabeth jedes Mittel recht war, um Wirkung zu erzielen. Ja, er hat einen riesigen Fehler gemacht, als er mit ihr floh und die Tat zunächst einräumte, und den Fehler kann man auch nicht ignorieren. Er hätte zur Polizei gehen müssen, aber er hat es nicht gemacht und dafür sitzt er jetzt schon seit 30 Jahren. Es gibt keine DNA von Jens am Tatort. Aber es gibt eine andere DNA-Spur, die weder ihm noch Elizabeth gehört. Schon deshalb kann die Geschichte des Staatsanwalts einfach nicht stimmen.

Wo sehen Sie die größten Schwachstellen im amerikanischen Rechtssystem?

Es fängt damit an, dass man jemanden zu 150 Jahren verurteilt. Damit verlässt man die Realität. Es muss eine unbändige Wut in jemandem stecken, der einem gleich das Dreifache an Lebenszeit nehmen will. Aber mit dieser Wut wird verurteilt. Dann ist da der Rache-Gedanke. Meines Erachtens bildet Rache keine vernünftige Grundlage für Justiz. Aber bestimmte Staaten in den USA sind nicht davon abzubringen. Und schließlich sind da diese Deals, die geschlossen werden. Die Justiz schließt Deals auf Teufel komm raus, um einen Fall zu gewinnen und die Karriere eines Staatsanwaltes voranzutreiben. Die Verurteilungsrate ist in Amerika sehr hoch. Das heißt, dass der Staatsanwalt immer gewinnt. Man will zumindest ein Teilgeständnis provozieren. Alles das sind massive Fehler. Ich glaube, dass das Vertrauen der Bevölkerung verloren geht, wenn ein Rechtssystem nicht mehr funktioniert. Deshalb ist der Film sehr zeitgemäß geworden.

Bereits Ihr Film "The Forecaster" setzte sich sehr kritisch mit der US-Justiz auseinander. Sind Sie noch ein gern gesehener Gast in den Staaten?

Es zieht mich jetzt nicht so sehr dorthin. Ob ich noch ein gern gesehener Gast wäre, weiß ich nicht. Ich musste noch ein paar Mal in die USA reisen und dabei ist nichts passiert. Es war ja auch Zufall, dass wir zwei Geschichten hatten, die justizmäßig "zum Himmel schreien".

Man merkt in jeder Sekunde, dass Jens Söring größte Hoffnungen in das Interview setzt. Wäre es persönlich schlimm für Sie, ihn enttäuschen zu müssen?

Ja, das wäre sehr schlimm. Ganz unabhängig von seiner Schuld oder Unschuld, unabhängig von allem kenne ich seine Geschichte jetzt viel besser. Er war immer ein Unglücksrabe. Trotzdem ist er so tapfer und kämpft weiter. Auch nach 30 Jahren im Gefängnis noch, wo viele aufgegeben haben. Er hat hart trainiert, um hinter Gittern zu überleben, und sich nichts zuschulden kommen lassen. Er ist ein Bilderbuch-Gefangener. Irgendwann denkt man: Bitte, bitte, lasst diesen Menschen jetzt raus! Eigentlich würde ich dasselbe auch über Elizabeth sagen.

Warum?

Man kann sich gar nicht vorstellen, was es bedeutet, von der eigenen Mutter sexuell missbraucht zu werden. Vieles spricht dafür, dass es so war. Dass man dann kein gesunder Mensch sein kann, ist auch klar. Ein brutaler Mord ist natürlich durch nichts zu rechtfertigen. Aber in diesem Prozess passt rein gar nichts zusammen. Amerika ist ein Land, das sich verpflichtet hat, Rechtsprinzipien wie "Im Zweifelsfall für den Angeklagten" anzuerkennen. Wenn man sich die Prozessakten durchlesen würde oder wenn man sich einfach nur den Film anschaut, dann merkt man, dass so viele Fragen offen sind, das begründete Zweifel niemals ausgeräumt werden konnten.

Haben Sie manchmal Albträume, hinter Gittern zu sitzen?

Nein, das nicht. Aber ich hatte ein unangenehmes Gefühl. Als Filmemacher ist man kaum geschützt. Es gibt Geschütze, die aufgefahren werden könnten. Und man hofft immer, dass die andere Seite nicht unfair spielt. Ich habe auch nicht das Gefühl, dass wir mit diesen Filmen unfair gegenüber den USA gespielt haben. Es kommen Amerikaner zu Wort, die sich für ihr eigenes System einsetzen. Meine Albträume sind, mit Klagen überzogen zu werden. Man lehnt sich mit solchen Filmen ja schon immer sehr weit raus. Der einzige Schutz ist, achtsam mit der Kritik umzugehen, sie nicht zu schroff zu formulieren, sondern eher zwischen den Zeilen. Aber sie muss formuliert werden, denn das braucht ein Film. Er muss die Dinge aufdecken, die so nicht stimmen.

Der Dokumentarfilmer und Grimme-Preisträger

Marcus Attila Vetter wurde 1967 in Stuttgart geboren, seine Mutter ist Deutsche, sein Vater Türke. Er studierte zunächst "European Business Management" und im Anschluss "Medienwissenschaft/-praxis". Als Volontär bei der Münchener Bavaria Film hatte Vetter zwischenzeitlich bereits Erfahrungen im Kinogeschäft gesammelt. Er ging vielfältigen Beschäftigungen beim SDR und beim SWR nach, bevor er sich 1997 auch eigenen Filmprojekten widmete.

Für seine Dokumentationen "Der Tunnel" (1999), "Wo das Geld wächst" (2000) und "Broadway Bruchsal" (2001) wurde Marcus Vetter jeweils mit dem renommierten Grimme-Preis ausgezeichnet. Internationale Aufmerksamkeit erregte der Regisseur mit der bewegenden Dokumentation "Das Herz von Jenin" (Deutscher Filmpreis 2010), die er gemeinsam mit dem israelischen Filmemacher Leon Geller realisierte. Erzählt wird die Geschichte eines Palästinensers, dessen Kind von israelischen Soldaten getötet wurde. Der Vater erlaubte, dass israelischen Kindern mit den Organen seines Sohnes das Leben gerettet wurde. Zuletzt berichtete Vetter gemeinsam mit Karin Steinberger in "The Forecaster" vom Schicksal des amerikanischen "Börsenpropheten" Martin A. Armstrong. (awe)

 

Dieser Beitrag erschien in der Wochenendbeilage der "Freien Presse".

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...