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Eine Dekormaske, die derzeit im Staatlichen Museum für Archäologie in Chemnitz zu sehen ist. Sie stammt aus My Son, der spektakulären Tempelstadt der Cham-Kultur in Mittelvietnam. Gemeinsam mit den nördlich lebenden Viet vertrieben die Cham die anstürmenden Chinesen unter Kublai Khan. Später wurde ihr Reich von den früheren Verbündeten unterworfen. Reichlich 100.000 Cham leben heute in Vietnam.

Foto: Nguyen Quóc Bình/Nationalmuseum Hanoi/SMAC

Erben des Drachenkönigs

Das Sächsische Archäologiemuseum Chemnitz lädt zur Entdeckungsreise ins Reich der Tempelstädte und der Wasserdrachen ein - in die Vergangenheit Vietnams.

Von Ronny Schilder
erschienen am 13.04.2017

Chemnitz. Der Legende nach sind ethnische Vietnamesen, die sich Kinh nennen, die Frucht einer gescheiterten Beziehung. Die Berggöttin Au Co und der Drachenkönig Lac Long Quan hatten 100 Söhne. Als die Eltern auseinandergingen, zerstreuten sie sich über das Land. Die Hälfte der Söhne kehrte mit Au Co in die Berge zurück, wo sie zu Ahnherren der vietnamesischen Bergvölker wurden. Die anderen folgten dem Vater hinab in die Ebenen am Roten Fluss. Dorthin, wo später die Kaiser des Landes residierten.

Die Kinh oder Viet machen heute fünf Sechstel der Bevölkerung Vietnams aus, die offiziell 93 Millionen Menschen in 54 Ethnien zählt, darunter einige hunderttausend Chinesen. Ganze 1000 Jahre lang, etwa im ersten Jahrtausend unserer Zeitrechnung, kämpfte Vietnam um die Unabhängigkeit von China. Als die Abkömmlinge des Drachenkönigs im Laufe der Geschichte südwärts zogen, begegneten sie Völkern wie den Cham und den Khmer, mit denen sie in einen kulturellen Austausch traten. Über Jahrhunderte blieb das Land in Nord und Süd geteilt, politisch und kulturell. Als die Nguyen-Dynastie 1802 die Spaltung überwand und Vietnam einte, dauerte es nur einen historischen Wimpernschlag, und französische Kolonisatoren übernahmen die Macht.

Der Befreiung des Landes von den Pariser Kolonialherren im Indochinakrieg (1954) folgte der Vietnamkrieg, in dem die USA zugunsten des Südens intervenierten: Saigons Marionettenregime gegen die Kommunisten Ho Chi Minhs. Ein Bastkorb des bescheidenen Revolutionärs und Präsidenten Ho, um den sich ein Personenkult entwickelte, hat es in die Chemnitzer Ausstellung geschafft. Wer sich fernen Zeiten und fremden Kulturen nähern will, dem helfen solche Anknüpfungspunkte, von denen es in der Ausstellung reichlich gibt.

Zu erleben ist der kulturelle Reichtum eines Landes, das zwar zu den beliebtesten Fernreisezielen der Deutschen zählt - jährlich 150.000 Buchungen, Tendenz steigend - das den Deutschen historisch aber weitgehend unbekannt geblieben ist.

Das älteste Objekt der Ausstellung, ein Faustkeil, wird auf 400.000 Jahre geschätzt. Zu den Kernexponaten gehören Funde aus einem 2000 Jahre alten Bootsgrab, das 100 Einzelobjekte barg, wie Bronzekellen und Schlangenhaken. Die Seele des Betrachters mag sich versenken in die Betrachtung dreiflügliger Pfeile, bildreicher Trommeln und jahrtausendealten Jadeschmucks. Klingende Steine, die aus einem Fluss geborgen wurden, lassen Töne der Vorzeit hören. Man kann den Nachbau eines Lithophons selbst ausprobieren.

Die verzierte Trommel von Ngoc Lu, ein Zeugnis der Dong-Son-Kultur der Bronzezeit, ist 2012 zum ersten nationalen Kulturschatz Vietnams deklariert worden: das Bilderbuch einer schriftlosen Kultur. Musikanten und Krieger, Vögel und Häuser, über die sich ein Kranz aus Strahlen und Pfauenschwanzfedern wölbt. In Chemnitz ist eine Replik davon zu sehen - und im Original die größte je gefundene Bronzetrommel. Dong Son war 1924 der erste archäologische Fundplatz von Weltruf in Südostasien. 250 Bronzezeit-Trommeln sind heute aus Vietnam bekannt. Verbreitung fanden sie bis nach Westthailand und Osttimor.

Von den Chinesen wurden die Dong-Son-Leute "Lac Viet" genannt und zu den "Hundert Barbarenstämmen im Süden" gezählt, wie man in der Ausstellung erfährt. Ab 100 vor Christus verleibten sich die Herrscher vom Gelben Fluss das Gebiet am Roten Fluss ein und besiedelten die aufsässigen Ebenen mit eigenen Soldatenbauern.

Weiter im Süden machte der indische Hinduismus seinen Einfluss geltend. Der Hindutempel von My Son war das größte Tempelzentrum der Cham, eines Volkes, dessen Geschichte zum großen Teil im Dunkeln liegt. Im 14. Jahrhundert, der Zeit ihrer größten Ausdehnung, umfasste die Anlage von My Son 70 Gebäude in acht Tempelgruppen. Das meiste wurde von US-Bombern 1969 in Schutt und Asche gelegt. Was übrig blieb, wurde 1999 zum Unesco-Weltkulturerbe erklärt.

Den Weg zu einem unabhängigen Reich "Dai Viet" ebnete 1010 der General Ngo Quyen mit seinem Sieg über die chinesische Flotte in der Entscheidungsschlacht am Fluss Bach Dank. Ngo hatte Pfähle im Fluss versenkt. Zur Hauptstadt des neuen Reichs bestimmte der Kaiser einen Ort am Anfang des Mündungsdeltas vom Roten Fluss, den er Thang Long nannte, "Aufsteigener Drachen". Die Dai-Viet-Kultur beendet die vietnamesische Frühzeit.

Glaubt man der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", ist in keinem Land Südostasiens seit den 1960er-Jahren so systematisch archäologisch geforscht worden wie in Vietnam. Dabei spielten auch Wissenschaftler aus der DDR eine Rolle. 1964 planten die Nordvietnamesen die Errichtung eines Staudamms am Roten Fluss. Eine Forschergruppe aus Weimar um Hans-Dietrich Kahlke barg archäologische Funde im Baufeld, unter anderem die Knochen eiszeitlicher Tiere und früher Homo sapiens. Kahlkes Tropenhelm und seine Kamera, Admira Electric, liegen jetzt in der Vitrine.

Rosemarie Zell, eine Vietnam-Spezialistin des Dresdner Museums für Völkerkunde, und Heinz-Joachim Vogt, späterer Direktor des Landesmuseums für Vorgeschichte Dresden, bereisten Vietnam im Jahre 1971. Im C-14-Labor in Berlin, das von Hans Quitta geleitet wurde, gaben 215 Radiokohlenstoffproben ihre Verortung in Vietnams Vor- und Frühgeschichte preis.

Die überregionale Presse hat der Schau einhellige Lobeshymnen gesungen, als sie noch in Herne im Ruhrgebiet zu sehen war. Chemnitz ist die zweite Station der Deutschlandtour, die dritte und letzte wird Mannheim sein. Der Großteil der Funde hatte Vietnam zuvor noch nie verlassen. Für die Ausstellung wurde ein ungewöhnlicher Aufwand betrieben: sechs Jahre aktive Vorbereitungszeit, Genehmigungsketten bis zum vietnamesischen Premierminister hinauf, ein Versicherungswert von mehreren Millionen Euro. Den Aufbau in Chemnitz hat eigens eine Historikerin des Nationalmuseums aus Hanoi überwacht, berichtete der MDR. Das Ergebnis hat die Mühen gelohnt.

Die Ausstellung "Schätze der Archäologie Vietnams", bis 20. August 2017 im Staatlichen Museum für Archäologie Chemnitz. Geöffnet Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr, Donnerstag bis 20 Uhr. Karfreitag geschlossen. Am Ostermontag, Tag der Arbeit (1. Mai) und Pfingstmontag geöffnet.

 
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