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Ein Labyrinth aus Holzregalen mit tausenden Büchern verschiedenster Genres hat das Gastland Frankreich auf der Frankfurter Buchmesse als Rahmen für seine Präsentation gewählt. Unter den 270 französischen Schriftstellern und Künstlern, die bis Sonntag in Frankfurt zu erleben sind, war auch Starautor Michel Houellebecq.

Foto: Matthies Zwarg

Frankfurter Buchmesse: Auf der Suche nach dem Sinn des Lesens

Die Frankfurter Buchmesse ist auch ein Spiegel der Welt - auf bedrucktem Papier. Mehr als 7000 Aussteller, etwa 400.000 Bücher - ein Ozean an Lesestoff, für den man einen Kompass und ein offenes Herz mitbringen muss.

Von Matthias Zwarg
erschienen am 13.10.2017

Frankfurt (Main). "Was soll man heute lesen?" fragt ein Flyer in der Bücherschau Frankreichs, des diesjährigen Gastlandes der Frankfurter Buchmesse. Eine Frage, die jeder der etwa 7300 Aussteller auf der Messe anders beantworten würde. Eine Frage, die sich jeder der Besucher anders beantworten wird.

Am Gemeinschaftsstand des Freistaates Sachsen wird das "Basiswissen Grundgesetz" empfohlen. In einer fünf Jahre alten Broschüre wirbt die sächsische Tourismus Marketing Gesellschaft für "Sachsens größte Schätze" in "Sachsen. Land von Welt". Darin finden sich auch das Horch-Museum in Zwickau, die Villa Esche in Chemnitz und erzgebirgisches Spielzeug. Doch öfter müssen die Standbetreuerinnen Fragen nach dem Wahlergebnis der AfD in Sachsen beantworten als nach Büchern aus sächsischen Verlagen.

Obwohl die durchaus einiges zu bieten haben. Der kleine Mironde-Verlag aus Niederfrohna zum Beispiel. Die Inhaber Birgit und Andreas Eichler setzen auf "Skepsis und Hoffnung", so der Titel eines ihrer neuesten Bücher. Darin setzt sich Autor Johannes Eichenthal mit Johann Gottfried Herder, mit dem "Unbehagen in der westlichen Kultur" und der Suche nach einem "urbanen Weltbürgertum" auseinander. Neue Denkansätze verfolgt der Verlag mit seinem Konzept selbst. Er bringt Poesie und Technik zusammen, Lyrikbände stehen neben Büchern über Kläranlagen, den Stirling-Motor und Computerprogramme für Architekten. Was das Verlagsprogramm zusammenhält, erklärt Eichler, ist der Naturkreislauf selbst. In dem spielen Nachhaltigkeit der Technik und der Wirtschaft eine ebenso große Rolle wie die Möglichkeiten der Sprache. Die vermag im scheinbar "unendlichen digitalen Kosmos" Orientierungshilfen zu geben, so Eichler, und damit auf komplexe Fragen verständliche, einfache Antworten zu geben. Und das, so Eichler, hat eben gerade nichts mit Populismus zu tun, sondern mit der Suche nach tatsächlichen Lösungen, die den Menschen ein "reiches Leben" ermöglichen. Dazu gehören die "Vielseitigkeit, Vielfalt unserer Beziehungen zu anderen Menschen und zur Natur".

Als Botschafter Frankreichs und des Eigensinns seiner Bewohner auf der Messe präsent: der Gallier Asterix.

Foto: Matthies Zwarg

Einen ähnlichen Ansatz verfolgt der kleine Thalheimer Verlag von Welf Schröter und Irene Scherer. Sie geben unter anderem die Zeitschrift "Latenz" heraus, ein "Journal für Philosophie und Gesellschaft, Arbeit und Technik, Kunst und Kultur". Damit brechen sie eine Lanze für "plurales Debattieren, Argumentieren und freundliches Widerstreiten".

Debattieren und mehr oder weniger freundliches Widerstreiten geschieht unablässig auf der Buchmesse. Die Zahl von Verlagen, die in den Messehallen Islam oder Christentum erklären, hat erheblich zugenommen. Oft verschenken sie Bücher, manchmal mit dem ehrlichen Willen, ins Gespräch zu kommen, eine Diskussion in Gang zu setzen, ohne die Verständigung und Zusammenleben nicht möglich sind.

Geübt in derlei sind Franzosen und Deutsche. Die französische Schriftstellerin und Journalistin Pascale Hugues erklärt bei der Vorstellung ihres Buches "Deutschland á la francaise", was ihr an Allemagne gefällt: dass Mode und Aussehen in Deutschland nicht so wichtig seien. Auch dass das Land nicht so autoritär sei wie Frankreich, findet sie gut. In Frankreich sei der Chef "unantastbarer", das sei auch gefährlich. In gewisser Weise sei man in Frankreich froh gewesen, dass Deutschland mit der AfD nun "endlich auch eine populistische, rechte Partei" habe - das sei "normal", und "ihr hattet nur 13 Prozent, wir hatten 24 Prozent" Wähler dieser Parteien.

Rechte Verlage sind auch auf der Buchmesse vertreten. Der Börsenverein des deutschen Buchhandels als Veranstalter der Messe hat sich ausdrücklich für diese nicht unumstrittene Form praktizierter Meinungsfreiheit entschieden und treten - zum Beispiel gegen den Protest des Frankfurter OB - offen dafür ein. Vor allem aber versteht sich der Börsenverein als Dienstleister für Bücher und Buchhandlungen. Und die haben durchaus auch im digitalen Zeitalter ihre Chancen, ist Andreas Dieterle überzeugt. Er hat vor drei Jahren eine Buchhandlung neu gegründet und inzwischen erlebt, dass bei der Kundschaft "ein Umdenken eingesetzt" habe. "Sie wollen die Buchhandlung erhalten", als einen "schönen Ort". Zumal stationäre Buchhandlungen von digitalen Angeboten durchaus profitieren können, so Stefan Könnemann vom Börsenverein, wenn sie einen Online-Shop betrieben und E-Books anbieten.Auch Johanna Hahn vom Börsenverein hält Neugründungen für aussichtsreich, wenn sie etwa "ein Kiez erobern", sich als eine Einrichtung der "klassischen Nahversorgung" verstünden oder auf "absolute Spezialisierung" setzen. Vor allem aber, so Dieterle, müsse man an der Buchhandlung "mit dem Herz dran hängen - dann wächst das auch".

Um das Buch selbst macht sich auf der Buchmesse jedenfalls kaum einer Sorgen. Vielleicht, weil wahr ist, was Eichler bei Johann Gottfried Herder gefunden hat. Der schrieb vor über 200 Jahren: "Das Einzige, was uns die Zeit von Denkmalen des Geistes überliefert, sind Bücher."

 
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