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Fritz Bauer - ein deutscher Patriot

Ein Held wie aus einem Film: Das war Fritz Bauer, der Staatsanwalt, der Eichmann jagte und Auschwitz vor den Richter brachte. In Dresden ist ihm eine Ausstellung gewidmet. Und den Film, wer ihn noch nicht kennt, den gibt es längst.

Von Ronny Schilder
erschienen am 30.03.2017

Dresden. Einen Verdienstorden hat der berühmteste und einflussreichste Staatsanwalt der 1950er- und 1960er-Jahre nie bekommen. Vielleicht ist er zu früh gestorben. Was Bauer für das Rechtsempfinden in Deutschland getan hat, wäre höchster Ehren wert. Er hat der Kernmaxime des Grundgesetzes in der Rechtspraxis Geltung verschafft. Die Würde des einzelnen Menschen sei der höchste Wert - und nicht, wie zu Großvaters Zeiten, Gehorsam gegen den Staat. "Die Würde des Menschen ist unantastbar", diesen Satz - in Stein gehauen - ließ er am Gebäude der Staatsanwaltschaft beim Frankfurter Landgericht an die Fassade bringen.

Bauer, geboren 1903, war ein Atheist aus jüdischem Elternhaus, Sozialdemokrat und mit 27 Jahren der jüngste Amtsrichter der Weimarer Republik. Nach der Machtergreifung der Nazis ließen sie Bauer verhaften, er saß im KZ. Nach einigen Monaten wurde er entlassen, womöglich um den Preis eines "Treuebekenntnisses" zu jenem Staat, dessen Prinzipien er verachtete. Er muss früh gefühlt haben, dass er in diesem Deutschland seines Lebens nicht mehr sicher war.

1936 floh Fritz Bauer nach Dänemark - und staunte über die Dänen: "Sie essen ihre Smörrebröds, trinken ihre paar Flaschen Bier mit Schnaps, überspringen keine Gelegenheit zu Kaffee und Kuchen am Nachmittag und Abend und in der Nacht, die Ferkel ihres Landes müssen gegessen, Butter und Käse, Milch und Eier müssen konsumiert werden. Mit vollem Mund fragen sie erstaunt: ,Geht es uns wirklich gut?'"

Das Idyll, das dem Exilanten Sicherheit versprach, war nicht von Dauer. Am 9. April 1940 besetzte die deutsche Wehrmacht das Land. Bauer wurde nun zwei Mal verhaftet, tauchte ab, versteckte sich im Untergrund. Zwei Jahre lebte er ohne eigenes Einkommen, mit wechselnden Adressen, auf Überlebenshelfer angewiesen. Die dänische Fremdenpolizei verdächtigte ihn homosexueller Kontakte, die damals unter Strafe standen. Fritz Bauer selbst hat sich öffentlich zu seiner sexuellen Orientierung nie geäußert. Im Juni 1943 ging er eine Scheinehe mit der dänisch-christlichen Kindergärtnerin Anna Maria Petersen ein, von der die beiden hofften, dass sie Schutz vor rassischer und religiöser Verfolgung durch die Nazis böte.

Im Oktober 1943 ordneten die Deutschen die Deportation aller Juden aus Dänemark an. 7000 Juden erreichten mit Hilfe dänischer Widerstandsgruppen die Ostküste und setzten nach Schweden über. Auf einem Fischerboot entkamen auch Fritz Bauer, seine Eltern, seine Schwester, sein Schwager und die beiden Neffen. So blieben ihnen die Hölle von Theresienstadt und der Tod in Auschwitz erspart.

Nach dem Krieg kehrte Fritz Bauer zunächst nach Dänemark zurück, wo inzwischen fast 200.000 Flüchtlinge aus den deutschen Ostgebieten gestrandet waren. Bauer wirkte an der demokratischen "Umerziehung" in deutschen Flüchtlingslagern mit, ehe ihm die Besatzungsbehörden 1949 eine Rückkehr nach Deutschland erlaubten.

Zwei große Prozesse und eine Niederlage begründeten Fritz Bauers Ruhm als Jurist in der Bundesrepublik. Von 1949 bis 1956 war er als Landgerichtsdirektor und Generalstaatsanwalt in Braunschweig tätig, wo er den notorischen Rechtsextremisten Otto Ernst Remer vor den Kadi brachte. Remer verleumdete die Widerstandsgruppe um Claus Graf Schenck zu Stauffenberg. Bauer stellte Strafantrag wegen "übler Nachrede" - und gewann.

Der Remer-Prozess verankerte den 20. Juli 1944 im Geschichtsbewusstsein der Deutschen und begründete das Widerstandsrecht gegen den Unrechtsstaat. Über die antidemokratische Natur des Stauffenbergschen Widerstands machte Bauer sich keine Illusionen. "Es war eine klare militäre Bewegung, die seit Stalingrad an Boden gewann und über die Ermordung Hitlers zu einem Kompromissfrieden zu kommen suchte", schrieb er 1945 in einem Brief. Stauffenberg habe die Vermeidung der bedingungslosen Kapitulation gewollt, die "Garantierung des politischen, militären und geographischen Status Quo etwa 1933, auch innenpolitisch, kurz und gut, eine Art Schleicher-Regime."

Remer, der sich der Haft durch die Flucht ins Ausland entzog, sollte Bauer übrigens um 30 Jahre überleben. Er betätigte sich weiter extremistisch und tauchte nach der Wende auch in Dresden auf. 1997 ist er in Spanien gestorben.

1956 holte der hessische Ministerpräsident Georg August Zinn (SPD) Fritz Bauer als Generalstaatsanwalt nach Frankfurt. "Der weltoffene Geist, den Georg-August Zinn seinem Hessen eingegeben hat, machte das Land zu einer Freistatt unorthodoxer Geister", schrieb 1966 der "Spiegel". Zu den exemplarischen Figuren dieses Milieus zählte das Magazin den Philosophen Theodor W. Adorno, den "dauernden Protestanten" Martin Niemöller und den "Freiheitsfanatiker" Fritz Bauer.

In Frankfurt brachte Bauer die Auschwitz-Prozesse (1963 bis 1981) auf den Weg, mit denen nicht nur die juristische Aufarbeitung des NS-Unrechts voranschritt, sondern auch die öffentliche Debatte um Schuld und Mitschuld am Holocaust. Der berühmte DDR-Anwalt Friedrich Karl Kaul trat als Nebenkläger auf. Da anfangs lediglich Täter verurteilt wurden, deren unmittelbare Beteiligung an der Ermordung Unschuldiger nachgewiesen werden konnte, blieb das Strafmaß in vielen Fällen hinter den Maßgaben des Anstands zurück. "Teil der Vernichtungsmaschinerie" gewesen zu sein, wurde erst 2011 im Prozess gegen den einstigen SS-Mann John Demjanjuk vor dem Münchner Landgericht als hinreichender Beleg betrachtet, um ihn der Beihilfe zum Mord zu überführen. Demjanjuk, zum Zeitpunkt seiner Verurteilung bereits 91 Jahre alt, ist ein Jahr später verstorben.

Gerechtigkeit hat ihre Zeit, und Fritz Bauer haderte mit der seinen. Sein Bestreben, den in Argentinien ausfindig gemachten NS-Verbrecher Adolf Eichmann vor ein deutsches Gericht zu stellen, scheiterte an den damaligen Verhältnissen, unter denen Mittäter und Verharmloser ihren Einfluss behaupteten. Das war Bauers Niederlage. Der Prozess gegen Eichmann fand letztlich unter großer internationaler Anteilnahme in Jerusalem statt. Wie Bauer bei der Festsetzung Eichmanns und dessen Überstellung nach Israel half, ist wesentliches Thema des Spielfilms "Der Staat gegen Fritz Bauer", der das Vermächtnis diesen großen deutschen Juristen 2015 einer breiten Öffentlichkeit wieder nahebrachte.

Fritz Bauer starb, für die damalige Öffentlichkeit völlig überraschend, im Jahr 1968. Man fand ihn tot in seiner Badewanne. Als Generalstaatsanwalt und bedingungsloser Aufklärer war er massiven Anfeindungen ausgesetzt. Zugleich hatte er sich immer häufiger isoliert gefühlt, unverstanden und von begrenzter Wirkungsmacht. Mord oder Selbstmord? Das abschließende rechtsmedizinische Gutachten ging von einem tragischen Unglück unter Einwirkung von Medikamenten aus.

Fritz Bauer. Der Staatsanwalt. NS-Verbrechen vor Gericht. Sonderausstellung bis 27. Juni 2017 im Militärhistorischen Museum der Bundeswehr Dresden, Olbrichtplatz 2. Geöffnet täglich außer mittwochs, 10 bis 18 Uhr, montags bis 21 Uhr.

www.mhmbw.de

 
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Kommentare
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  • 30.03.2017
    15:58 Uhr

    Freigeist14: "Sein Bestreben,den in Argentinien ausfindig gemachten NS-Verbrecher Adolf Eichmann vor ein deutsches Gericht zu stellen,scheiterte an den damaligen Verhältnissen,unter denen Mittäter und Verharmloser ihren Einfluss behaupteten".
    Verharmlosend scheint eher dieser Satz,die Verstrickung von Justiz und Auswärtigem Amtes der BRD in der Vertuschung des Verstecks Adolf Eichmanns zu verschweigen.Die alten Eliten konnten ja ohne Brüche in der Karriere weitermachen wie vor 1945.Das Fritz Bauer auf die Hilfe der DDR zurück greifen konnte und auch die HVA wertvolle Hinweise gab,sind ein Verdienst des "Pankower Regimes".

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