Harrys Klebezettelchen

Diese Briefmarke ist eine Besonderheit. Warum? Weil es sie gar nicht gibt! Die Marke feiert in diesen Tagen ein skurriles Jubiläum. Und ihr Gestalter kann von "echten" und andere Marken ein Lied singen.

Es gibt Briefmarken, hinter denen steckt eine außerordentliche Geschichte. Diese hier ist - die kleine Übertreibung sei erlaubt - in die Historie der Philatelie eingegangen. Aber nicht etwa wegen ihrer eindrucksvollen Gestaltung oder weil sie namhafte Preise erhalten hat, sondern weil sie ...

Ist es beim Betrachten der Marke schon aufgefallen? Weihnachten, 1990, DDR? Richtig, drei Begriffe, die gemeinsam keinen Sinn ergeben: Denn Weihnachten 1990 gab es die DDR nicht mehr. Und somit ist das Besondere dieser Briefmarke, dass sie nie erschienen ist. Diese Weihnachtsmarke sollte die letzte Ausgabe der DDR-Post werden, doch die Wiedervereinigung war schneller. So feiert diese nie erschienene Briefmarke in diesem Jahr ihr skurriles 25-jähriges Jubiläum.

"Ich wurde vom DDR-Postministerium im Frühjahr 1990 beauftragt, wegen der vorhersehbaren politischen Veränderungen mir Gedanken um eine 'echte' Weihnachtsmarke zu machen", erinnert sich Harry Scheuner. Der Chemnitzer Briefmarkengestalter hatte Erfahrungen mit weihnachtlichen Marken, stammten aus seinem Atelier doch die DDR-Weihnachtsbriefmarken 1986, 1987, 1988 und 1989. Philatelisten erinnern sich vielleicht: Die Serien bestanden jeweils aus sechs verschiedenen Motiven: erzgebirgische Schwibbogen (1986), Weihnachtspyramiden (1987), Klöppelspitzen (1988) und erzgebirgische Leuchterspinnen (1989). Nun also eine "echte" Weihnachtsmarke.

"Mir war schon klar, was das heißen sollte: Es ging um ein religiöses Thema. Meine ersten Skizzen bezogen sich wieder auf die erzgebirgische Volkskunst: Weihnachtskrippe, Seiffener Kurrendesänger, Engel, Bornkinnel. Abgelehnt - man wollte sich nun an den Weihnachtsmarken der Deutschen Bundespost orientieren, die meist christliche Kunstwerke berühmter Künstler zeigten." Und weil Scheuner unbedingt ein regionales Kunstwerk nehmen wollte, kam ihm der Emporenfries der St. Annenkirche in Annaberg-Buchholz in den Sinn, den er während der Restaurierung dort schon bewundern konnte. Er wählte das Motiv "Flucht nach Ägypten" aus. Sein Entwurf wurde in Berlin sofort bestätigt und lag schon als Reinzeichnung in der Leipziger Wertpapierdruckerei vor. Bis ein Druckstopp verhängt wurde, die DDR gab es nicht mehr.

Ganz so reibungslos wie diese Briefmarke seien frühere Arbeiten nicht durchgewinkt worden, erzählt der heute 80-Jährige. Den Entwurf mit den erzgebirgischen Schwibbogen aus Johanngeorgenstadt beispielsweise bekam er vom Ministerium mit der Bemerkung zurück, er solle den Schriftzug entfernen. "Standen auf einem der alten, traditionellen Lichterbogen doch tatsächlich die Worte ,Ehre sei Gott in der Höhe'. Das hatte auf einer DDR-Briefmarke nichts zu suchen."

Sei's drum, die Serie "Historische Erzgebirgische Volkskunst" fand bei den Sammlern großen Anklang und wurde für den Briefmarkengestalter zum Erfolg. Die Themen hatte er in Zusammenarbeit mit dem Ministerium schon bis zum Jahr 2000 konzipiert. Räuchermänner, Nussknacker, Engel und Bergmann, bei der Fülle der erzgebirgischen Motive hätte dies eine unendliche (Briefmarken- ) Geschichte werden können, wenn die Welt-Geschichte nicht dazwischen gekommen wäre. Der fünfte Bogen der Serie mit vogtländischen Moosmännern, der im November 1990 erscheinen sollte, lag übrigens ebenfalls schon als Reinzeichnung vor. "So gehören die Moosmänner auch zu meinen ganz persönlichen Wendeopfern", sagt Scheuner und schmunzelt.

Harry Scheuner kann heute darüber lachen, denn er fasste auch nach der Wende auf dem bundesdeutschen Briefmarkenmarkt Fuß. Schon die erste Einladung der Bundespost, an der Ausschreibung zur Gestaltung einer Marke für Adam Ries teilzunehmen, war von Erfolg gekrönt. "Obwohl, als ich die Namen der sieben Mitbewerber sah, durchweg bekannte Grafiker, darunter drei Professoren, war meine Befangenheit schon sehr groß. Aber umso größer waren Freude und Stolz, dass meine Gestaltungsidee, entstanden nach Recherchen in Ost und West, mir den Zuschlag eingebracht hatte. Das gab mir ungeheuren Auftrieb und Zuversicht für meine weitere Arbeit. Es sicherte meine berufliche Existenz in den schweren Umbruchjahren nach 1990."

Adam Ries, dessen 500. Geburtstag 1992 mit Scheuners Briefmarke gewürdigt wurde, war keine Eintagsfliege. Es folgten Marken zum Gedenken an den Geigenbaumeister Mathias Klotz, an Kaiser Friedrich II., den Baumeister Johann Conrad Schlaun, an 200 Jahre Homöopathie, 1200 Jahre Ingolstadt oder, was den Sachsen Scheuner besonders freute, zum 175. Jahrestag des Kölner Karnevals und zum Thema 175 Jahre Dampflokomotive Saxonia. Seine jüngste Marke, erschienen am 2. Januar 2014, ist dem Kloster Lorsch, Unesco-Weltkulturerbe, gewidmet.

"Hier", Scheuner kramt in seinen Unterlagen und hält schließlich ein vergilbtes Schwarz-Weiß-Foto in der Hand, "der kleine Junge auf dem Bild bin ich, mit meinem Teddy unter dem Arm. Diesen Teddy, ein Weihnachtsgeschenk von 1937, habe ich als Vorlage genommen für eine Marke der Serie ,Für die Jugend'." Und so prangt der Scheunersche Teddybär neben anderem traditionellen Spielzeug auf einer Briefmarke. Was für ein liebenswertes Denkmal!

Deutschlandweit, sagt Harry Scheuner, gibt es derzeit etwa 100 Grafiker, die zu Wettbewerben um die Gestaltung einer neuen Briefmarke eingeladen werden. Er gehört dazu, das ist für ihn ein "gutes Gefühl". Es sei schwer, den Zuschlag für eine Marke zu bekommen bei dieser Konkurrenz, zumal ja auch jeder seiner Kollegen eine ganz eigene, anerkannte Bildsprache habe. Doch wenn es gelingt, sei das für ihn ein unbeschreibliches Glücksgefühl.

Was ist eigentlich das besondere an seinen Briefmarken, an seiner Gestaltung? "Ich bin früher bei der Dewag schon immer ,Harry, der Genaue' genannt worden. Ich glaube, Genauigkeit ist mein Markenzeichen."

"Früher bei der Dewag" ist eine Station auf Harry Scheuners Berufsweg, der von Anfang an mit Zeichnen und Gestalten zu tun hatte. Gelernt und die ersten Jahre auch gearbeitet hat er in einer Klischeefabrik, ehe er sich 1956 als Gebrauchsgrafiker weiterbilden konnte und zur Dewag-Werbung, dem DDR-Werbe-Unternehmen, in Karl-Marx-Stadt wechselte. 1970 machte er sich als Grafiker selbstständig, sein Arbeitsgebiet war die Industriewerbung. Scheuner gestaltete Prospekte und Verpackungen, Anzeigen, Signets, Messen und Ausstellungen, aus seiner Feder stammen Glückwunschkarten, Museums- Illustrationen, Touristikbroschüren. Aber noch keine Briefmarken. "Dabei hätte ich auch so gern mal einen Briefmarkenauftrag auf meinem Schreibtisch gehabt. Ich glaube, das wünscht sich jeder Grafiker. Es ist doch etwas Großartiges zu wissen, dass die eigene Arbeit millionenfach durch die Welt reist."

Ein Kollege hat ihm geholfen, seinen Wunsch zu erfüllen. Auf dessen Empfehlung wurde der Karl-Marx-Städter Ende der 1970er-Jahre nach Berlin zu einer Auftrags-Besprechung eingeladen. Mit Erfolg: 1979 kam die erste Scheuner-Marke "Leipziger Frühjahrsmesse 1979" in die Postfilialen, prangte auf Briefen, Karten, Paketen und fand Eingang natürlich auch in unzählige Briefmarken-Sammelalben.

Zu seinen größten Erfolgen im folgenden Jahrzehnt gehörten neben einer Serie zu sorbischen Volksbräuchen 1982 die erwähnten Kleinbogen der Serie "Historische erzgebirgische Volkskunst". Für die Schwibbogen und die Pyramiden wurde er mit der Auszeichnung "Goldene Briefmarke" geehrt. Ein Grund dafür war sicher auch der, dass "Harry, der Genaue" seinem Spitznamen wieder alle Ehre gemacht hat. Auf der Suche nach dem richtigen Motiv ist er durch Museen gezogen, hat Besitzer solcher Kostbarkeiten ausfindig gemacht und ist bei ihnen vorstellig geworden, ausgerüstet mit Fotoapparat und Zeichenutensilien. Es war immer ein langer Weg von der Auswahl des Motivs bis zur briefmarkengerechten Gestaltung.

Und warum so oft ausgerechnet erzgebirgische Volkskunst? "Die Wurzeln stammen wohl aus meiner Kindheit. Ich bin mit erzgebirgischer Volkskunst groß geworden. Die Weihnachtszeit ohne Engel und Bergmänner oder die vierstöckige Pyramide wäre für mich undenkbar gewesen. Auch waren meine Großeltern und meine Eltern aktive Mitglieder im Erzgebirgsverein. Das hat mich geprägt."

Harry Scheuner ist heute der älteste der Chemnitzer Briefmarkengestalter. Wer sich in dem Metier ein wenig auskennt weiß, dass Chemnitz, nein Karl-Marx-Stadt über Jahrzehnte eine Hochburg der Briefmarkengestaltung war. Manfred Gottschall, Joachim Rieß, Hans Detlefsen, das sind Namen, die in der internationalen Philatelistenwelt einen guten Klang hatten, unter Sammlern noch heute haben. Unzählige Marken sind seit Mitte der 60er-Jahre bis zur Wende in dem gemeinsamen Atelier der drei Grafiker entstanden, die zum Teil nationale und internationale Auszeichnungen erhielten. Wobei, wie Scheuner erzählt, die Berliner Kollegen recht scheel auf die Grafiker aus der "Provinz" schauten und das auch bei Verteidigungen im Postministerium spüren ließen. Aber das ist Schnee von gestern.

Hans Detlefsen starb bereits 1992, doch Gottschall, der im Sommer dieses Jahres starb, und Rieß machten auch in den Jahren nach der Wende mit Marken von sich reden. "Denen kann ich das Wasser nicht reichen", schätzt Scheuner bescheiden ein. Seine Kollegen sehen das wohl anders, schließlich haben Gottschall und Rieß gemeinsam mit Scheuner ihre Arbeiten in der Ausstellung "Postgrafik aus Chemnitz" vorgestellt, die nach Chemnitz 2001 auch in Düsseldorf zu sehen war.

Es ist arbeitsmäßig etwas ruhiger geworden im Leben des 80-jährigen Harry Scheuner, auch wenn er noch viele Ideen hat und voller Ungeduld auf eine neue Einladung wartet, an der Ausschreibung zur Gestaltung einer Briefmarke teilzunehmen. Denn den Miniatur-Kunstwerken gehört seine ganze Leidenschaft. "Wenn ich nicht mehr auf dieser Erde wandele, werden Fußspuren in Gestalt dieser kleinen Klebezettel von mir bleiben. Das zu wissen, ist für mich eine große innere Befriedigung."

Dieser Text ist erschienen im Wochenendmagazin der Freien Presse.

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