Heimat ist, was du draus machst

Mit launiger Musik gegen rechts tingeln Feine Sahne Fischfilet seit gut zehn Jahren durch die Lande. Mittlerweile füllen sie riesige Hallen - und bleiben dennoch der Provinz treu.

Rostock.

Heimatverbundenheit, dieser seit langem von rechts vereinnahmte Begriff, mag auf den ersten Blick nicht wirklich passen zu einer linken Punk-Band. Deswegen sprechen Feine Sahne Fischfilet auch nicht von Heimat, sondern von Zuhause, von ihrer Stadt oder von Wellen und Meer, wenn sie von ihrer Heimat, der Ostseeküste, singen. Und das tun sie auf "Sturm & Dreck", ihrem am Freitag erschienenen fünften Album, ziemlich oft.

Heimatverbundenheit ist ein Leitmotiv dieses Albums. Sie ist aber auch der Motor, der Feine Sahne Fischfilet immer wieder zu Auftritten ins Nirgendwo Mecklenburg-Vorpommerns treibt. Im Vorfeld der Landtagswahl tourte die Band vor zwei Jahren ausgiebig durch die Provinznester ihres Bundeslandes.

Das unermüdliche Touren - die längste konzertfreie Zeit der zehnjährigen Bandgeschichte dauerte laut Sänger Jan "Monchi" Gorkow ein halbes Jahr - hat Früchte getragen. Seit gut zwei Jahren kann die Band von ihrer Musik leben. 2018 könnte nun das Jahr des Fischfilets werden: Ab Februar geht es für die sechs Musiker auf ihre bislang größte Tour. Die Berliner Columbiahalle ist bereits ausverkauft und ein Zusatztermin in der Bundeshauptstadt angesetzt. In ihrer Wahlheimat Rostock wird Feine Sahne Fischfilet aller Voraussicht nach vor mehr als 4000 Leuten spielen. Im Frühjahr läuft ein Dokumentarfilm über Monchi und seine Band in den Kinos an, gedreht von "Polizeiruf-Kommissar" Charly Hübner. Beim Dokumentarfilm-Festival DOK Leipzig räumte der Film mit dem Titel "Wildes Herz" vier Preise ab.

In Monchis Heimatort Jarmen veranstaltet die Band seit 2016 ein eigenes Festival. 3500 Menschen waren im vergangenen Jahr dort - mehr als in Jarmen leben. Auch die Party zur Veröffentlichung des Albums fand nicht in der Großstadt, sondern in Loitz statt, einem 4300-Seelen-Örtchen, rund 30 Kilometer von Greifswald entfernt. Im Vorfeld veranstaltete die Band einen Vortrag über die AfD in Mecklenburg-Vorpommern. "Wir sind zwar manchmal Asis und feiern gerne. Aber wir finden es auch wichtig, nicht nur zu feiern, sondern sich auch einen Kopf zu machen", so Monchi. Auf "Sturm & Dreck" ist zu hören, wie die Band das meint. Die zwölf Songs sind druckvolle Pogo-Partysongs, die allesamt verlässlich in Mitgröhl-Refrains münden. "Wir sind zurück in unserer Stadt und scheißen vor eure Burschenschaft", singen sie darauf. Aber eben auch: "Oury Jalloh verbrennt und Dessau schweigt, so war das hier und so wird es immer sein."

Feine Sahne Fischfilet scheuen sich nicht, ihre mit Ska-Elementen euphorisierten Punk-Abfahrten auch mal mit schwer verdaulichen Texten zu versehen. "Suruç" zum Beispiel handelt von einem Selbstmordattentat, das 2015 in der gleichnamigen Stadt an der türkisch-syrischen Grenze passierte und 34 Menschen das Leben kostete. Vor Ort war damals auch Monchi, um warme Kleidung und medizinische Geräte zu übergeben, die er mit der Initiative "MV für Kobane" gesammelt hatte. In dem Lied verarbeitet er die Geschehnisse. "Wir finden es viel geiler, eine Geschichte zu erzählen, die dann vielleicht auch noch hochpolitisch ist, als einfach nur Parolen rauszuhauen", sagt Monchi.

Wo Politik aufhört und Persönliches beginnt, ist bei Feine Sahne Fischfilet ohnehin nicht immer leicht zu sagen. "Angst frisst Seele auf" beispielsweise ist der thüringischen Landtagsabgeordneten Katharina König gewidmet, die dort im NSU-Untersuchungsausschuss sitzt. "Das ist eine sehr gute Freundin von uns", sagt Monchi. Vor anderthalb Jahren habe sie ihm ein Lied vorgespielt, auf dem eine Neonazi-Band droht, König "abzuschlachten". "Angst frisst Seele auf" sei zwar ein Lied, in dem es um die Bedrohung von Leuten geht, die sich gegen rechts engagieren. "Aber schlussendlich ist es auch eine persönliche Geschichte", so Monchi. "Es ist unser Versuch, damit einen Umgang zu finden und einer guten Freundin Kraft zu geben."

In stürmischen, dreckigen Zeiten komme es darauf an, stürmisch und dreckig nach vorne zu gehen, sagt er mit Bezug auf den Albumtitel. "Dass du als Band keine Wahlen oder die Welt verändern kannst, ist klar. Aber im Kleinen kann Musik die Menschen bewegen und ihnen Antrieb geben." Antreiben, Kraft geben - das ist das Ziel von Feine Sahne Fischfilet. "Es haben genügend Bands darüber gesungen, wie schlimm alles ist", sagt Monchi. "Wir finden, dass man sich auf die coolen Leute konzentrieren und versuchen muss, mit ihnen gemeinsam etwas zu reißen."

Dass man die eigene Heimat nicht einfach kampflos irgendwelchen Faschos überlassen darf, dafür steht Feine Sahne Fischfilet wie kaum eine andere Band in Deutschland. Auf "Sturm & Dreck" haben sie sich nun auch die Liebe zu ebendieser von den Rechten zurückgeholt.

 

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