Heute hier, morgen fort

Der Liedermacher Hannes Wader befindet sich zurzeit auf Abschiedstour quer durch Deutschland. Manches, was er dabei singt, bekommt dabei eine andere Bedeutung als all die Jahrzehnte zuvor.

Leipzig/Dresden.

Messestadt und Elbflorenz - das muss für Sachsen reichen bei der Tournee, mit der sich der Liedermacher Hannes Wader zurzeit und noch einmal mit ein paar Terminen im Herbst von seinem Live-Publikum verabschiedet - und das sogar früher als ursprünglich geplant. Seit Anfang März ist auf seiner Internet-Homepage zu lesen, erst im April 2018 habe er eigentlich seine letzte Runde drehen wollen. Jetzt sei aber bereits kurz vor der Adventszeit Schluss. "Die gewohnte Bühnenperformance zu liefern, fordert mir zunehmend mehr Kraft ab, während ich gleichzeitig weniger Reserven zur Verfügung habe", schreibt der 74-Jährige.

Mithin hat er sein Abschiedskonzert in Chemnitz bereits vor drei Jahren gegeben - im damals ausverkauften Kleinen Saal der Stadthalle Chemnitz. Chemnitzer, die Wader jetzt noch einmal hören wollten, mussten fahren. Säle vollzukriegen, zumindest, wenn sie nicht zu dicht beieinander liegen, das ist bis heute kein großes Problem für den Grandseigneur des gitarrenbegleiteten Sangesgutes - vom Volkslied über die Ballade bis zum Protestsong. Auch das Haus Leipzig am westlichen Rand der Innenstadt meldet am Mittwochabend ein mit 750 Zuhörern ausverkauftes Haus, ebenso wie Tags darauf das 500 Mann fassende Boulevardtheater in Dresden.

Wobei sich die Frage stellt: Wie fasst man ein musikalisches Künstlerleben, das mehr als 50 Jahre auf der Bühne umfasst, in netto 90 Minuten so zusammen, dass der Mann auf der Bühne sich und seinem Publikum gerecht wird? Das ist gerade bei Wader und bei einem Auftritt in Ostdeutschland insofern eine spezielle Sache, als er als Westdeutscher nicht erst nach der Wende den Osten bereiste, sondern dank DKP-Parteibuch von Ende der 70er-Jahre bis zur Wende als dem real existierenden Sozialismus wohlgesonnener Sänger galt - mit Arbeiterliedern im Gepäck. Bis auf sein Bekenntnis, "Ich bin immer gern bei euch in Leipzig gewesen", spielt das aber an diesem Abend keine Rolle. Man kennt sich halt, woher, ist unter Freunden im Grunde nebensächlich.

Abgesehen davon, ist Wader auch nach Parteiaustritt 1991 ein Mann mit Haltung geblieben - oder es vielleicht gerade seither und dadurch: "Ich fühle mich heute freier", bekannte er im Gespräch mit der "Freien Presse" 1992, als er nach wiederholten Auftritten in Karl-Marx-Stadt erstmals in Chemnitz sang, damals im Luxor.

Viele Leipziger wiederum erinnern sich bis heute an den Wader, der 2011 bei einer Kundgebung gegen Rechts am Völkerschlachtdenkmal das "Lied der Moorsoldaten" intonierte - im Beisein von Hans Lauter, dem im Folgejahr verstorbenen und damals 97-jährigen letzten Überlebenden der KZ-Häftlinge von Börgermoor, die in Zwangsarbeit im Emsland für die Nazis das Moor trockenlegten und die als Urheber dieses Liedes gelten. Nicht nur bei diesem Lied, das sein Leipziger Publikum schon vorab mit Applaus bedenkt und das beim Hören nach wie vor Gänsehaut hervorruft, wird einem bewusst, dass Wader über die Jahrzehnte zwar etwas grauer geworden ist, sich aber künstlerisch kaum verändert hat - seit der Zeit, als der Junge aus der ostwestfälischen Unterschicht begann, Seit' an Seit' mit dem Berliner Bürgersohn Reinhard Mey in Westberliner Kneipen zur Klampfe zu singen. Seit dem legendären Chansonfestival auf Burg Waldeck 1966, dem deutschen Woodstock (vielleicht gesitteter und weniger chaotisch), seit seinem ersten Album, das 1969 in seinem Biss und seiner Sozialkritik vom Publikum aufgesogen wurde wie der Regen vom ausgedörrten Boden und sich zigtausendfach verkaufte. Sein sonorer, vibratotauglicher Bariton, sein im besten Sinne routiniertes Fingerpicking-Spiel auf der alle paar Lieder vom Assistenten gegen ein frisch gestimmtes Instrument eingetauschten Gitarre - alles noch da. Bis hin zur in jeder Hinsicht deutlichen Aussprache. Er ist nicht altmodisch. Er ist zeitlos. Wader hat sich nie, wie man neudeutsch sagt, "neu erfunden", wenn man seine Hinwendung zum Politischen um 1968 mal außer Acht lässt. Und auch die war eher eine dem Zeitgeist geschuldete Angelegenheit und fiel in seine künstlerische Findungsphase.

Und so sind einige Standards an diesem Märzabend ebenso präsent wie vor 25 Jahren, auch wenn sie freilich unter den Vorzeichen des Abschieds ganz anders klingen. "Manchmal träume ich schwer, und dann denk ich, es wär Zeit zu bleiben und nun was ganz Andres zu tun", heißt es etwa in seinem liedgewordenen Markenzeichen "Heute hier, morgen dort", und auch die Zeile "Bin auf meinem Weg ohne Wiederkehr" aus "Schon so lang" ist im Grunde ein Wadersches Mantra, das sich nun zu erfüllen scheint.

Weitere Schlaglichter setzt Wader an diesem Abend mit dem Jugendwerk "Begegnung", in dem er eben eine solche mit einem unbekannten Mädchen schildert - eine unerfüllte Romanze, mit dem Bürgerlied von Adalbert Harnisch ("Ob wir rote, gelbe Kragen ...") aus den Anfangsjahren der deutschen Demokratiebewegung, mit der 1995er-Version von "Trotz alledem", weiter mit dem schwedischen Liebes-, Sauf- und Todespoeten Carl Michael Bellman, der Irland-Ballade "Folksingers Rest" - und dann merkt man: Der Mann ist so gut sortiert, dass dafür ein Abend nicht ausreicht. Autobiografisches, Plattdeutsches, sein Ausflug zu Franz Schubert, seine Volkslieder-Interpretationen. Lieder, die man mit Wader verbindet, obwohl sie von jemand anderem stammen.

Vieles, was er gesungen hat, wurde durch ihn zum Volkslied. "Damals" etwa, von Kevin Johnson ("Rock and Roll I Gave You the Best Years of My Life"), von Wader deutsch betextet. Oder Pete Seegers' in seiner schlichten Wahrheit immer wieder berührendes "Sag mir, wo die Blumen sind", das Wader mit dem Publikum zum Abschluss des Konzerts anstimmt. Die Zuschauer bedanken sich mit stehendem Applaus. Zum vierten Mal an diesem Abend. Das ist das Mindeste.

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