Hippie-Vater besingt Mutter Erde

Neil Young - Gitarrengott, Godfather of Grunge und Ökoaktivist macht auf seinem Kreuzzug für eine bessere Welt am Völkerschlachtdenkmal Station.

Leipzig.

Wetter- und lebensgegerbt kommt er auf die Bühne - im T-Shirt zur aktuellen "Earth"-Tour, was eigentlich verpönt ist - aber Neil Young darf das. Auch das rosa Herz auf dem Schlagzeug nimmt man ihm nicht übel, wie auch nicht, dass er seine Meinung immer mal geändert hat. Für die Natur, die Lage der Bauern und der Ureinwohner in Nordamerika hat er sich allerdings immer eingesetzt. Und auch das Konzert am Mittwochabend vor rund 10.000 Menschen ist Teil seines Kreuzzugs für eine bessere Welt. Passende Kulisse: das Leipziger Völkerschlachtdenkmal.

In den 1980er-Jahren fand er die konservativen Wertvorstellungen des Kalten Kriegers Ronald Reagan ganz passabel; in diesem Jahr unterstützte er die Präsidentschaftskandidatur des Linksliberalen Bernie Sanders und verbot Donald Trump, "Rockin' in the Free World" auf seiner Wahlkampftour zu spielen. Diese Hymne hebt sich Young für den Schluss seines knapp dreistündigen Konzerts am Mittwochabend vor dem Leipziger Völkerschlachtdenkmal auf. Die größtenteils etwas platt-holzschnittartigen Kampflieder der "Monsanto Years" spart er sich, dafür beginnt er leise und unter anderem mit "After the Goldrush" und "Mother Earth", Songs, in denen er schon vor Jahren "Mutter Erde" besang. Die liegt ihm auch jetzt am Herzen, was etwas vordergründig dokumentiert wird, indem Farmerinnen Saatgut auf die Bühne streuen, später gefolgt von Chemielaboranten mit Schutzanzügen und Düngemittelqualm. Aber wenn es der guten Sache dient - Neil Youngs Management hat auch eigens regionale Umweltinitiativen eingeladen, sich in einem globalen Dorf auf dem Konzertgelände zu präsentieren. Annemarie Kunz und Martin Hilbrecht vom Bund für Umwelt- und Naturschutz Sachsen nutzen die Gelegenheit gern, für die Ziele ihrer Organisation zu werben und haben auch ein gewisses Interesse von Konzertbesuchern festgestellt, die sich sonst eher nicht an einen BUND-Stand wagen würden. Auch Milana Müller vom Aktionsbündnis Sachsen gentechnikfrei! erklärt geduldig, worum es den Befürwortern gentechnikfreier Landwirtschaft geht. Es sei nicht nur eine ethische Frage, wie weit man in die Schöpfung eingreifen dürfe, es gehe vor allem darum, dass man die Folgen gentechnischer Veränderungen, an Saatgut zum Beispiel, gar nicht abschätzen könne: "Die Wissenschaft hat keine Kennung, was sie da macht", sagt Müller und verweist auf Beispiele aus der Baumwoll- und Futtermittelproduktion. Youngs Engagement gegen Gentechnik und Großkonzerne findet sie gut: "Dass sich Neil Young so deutlich positioniert, hat uns schon gefallen." Und doch geht das kleine globale Dorf zwischen den umliegenden und umlagerten Ständen fast unter, an denen eher traditionell produzierte Speisen und Getränke angeboten werden.

Auch traditionell, aber sehr gut ist Neil Youngs aktuelle Band Promise Of The Real um die Willie-Nelson-Söhne Lukas und Micah. Sie haben sich perfekt auf ausgedehnte Gitarrensoli und Verzerrungsorgien eingestellt - und, anders als einst Pearl Jam, verjüngen sie die Musik des Meisters nicht, lassen sich stattdessen darauf ein, seine Songs so zu spielen, wie sie schon immer klangen. Von "Heart of Gold" über "Powderfinger", "Words" bis zu "Like a Hurricane" und eben "Rockin' in the Free World" sind viele seiner zahllosen Hits im Repertoire des Abends, dem Tausende Menschen bei Kerzenschein auf den Wiesen vor dem Konzertgelände ebenso ergriffen lauschen wie drinnen. Die ganz große Begeisterung will aber irgendwie weder auf der Bühne noch im Publikum so recht aufkommen. Auch Neil Young selbst, inzwischen in seinem 71. Jahr, ist eher der unermüdlich schuftende Farmer als der inspirierte Künstler - aber das ist es ja auch, was einen Teil seiner Faszination ausmacht. Den vom Vollmond in romantisches Licht getauchten Abend beschließt ein knappes "Thank you, Germany" - und Neil Young meint damit ganz sicher nicht die Übernahmeangebote für Monsanto aus Deutschland.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...