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"Sei immer du selbst, außer du kannst ein Einhorn sein. Dann sei ein Einhorn": Nicht wenige Menschen beherzigen diese Maxime und nehmen, wie im Bild bei einem Musikfestival in Niedersachsen, eine Auszeit von der Realität.

Foto: Imago

Individualisten, vereinhornt euch!

Es ist pink, es glitzert, alle wollen es. Einhörner sind gerade überall und halten sich schon erstaunlich lange in den Auslagen des Einzelhandels. Warum das Einhorn mehr ist als ein hohler Hype - und warum er trotzdem nervt.

Von Johanna Eisner
erschienen am 17.08.2017

Chemnitz. Einst war das Einhorn ein scheues Fabelwesen aus dem Wald: Ein edles weißes Pferd mit Horn auf der Stirn, das durch die griechische Mythologie wandelt, durch die Bibel, mittelalterliche Mystik, später durch die Fantasy-Literatur. Es tummelt sich auf Gemälden von Raffael und Hieronymus Bosch, an Hausfassaden, auf Wappen, in Trickfilmen und dazugehörigen Titelsongs. Ein Symbol für Unsterblichkeit, Anmut, Reinheit und Fruchtbarkeit. Ein Tier, das nie existiert hat. Eine Märchengestalt, mythisch und schön, aber eben auch sehr selten. Heute ist das Einhorn eine exzentrische Plüschgestalt, ein geselliger Internet- und Werbestar, und vor allem ist es überall.

Es begann mit dem Film "Ich, einfach unverbesserlich": Eine Szene mit einem flauschigen Einhorn wurde zum Youtube-Hit. Das kuschelweiße Plüschtier zog zunächst in die Kinderzimmer ein und von dort weiter auf die virtuelle Spielwiese: Im Internet tobt es schon länger durch die sozialen Netzwerke, als Emoji, als Spruch mit Bild, als pastellfarbene Regenbogen-Ästhetik auf Food- und Fashionseiten.

Im Web 2.0 war es also schon ein Massenphänomen, bevor es die Werbewelt für sich entdeckte und begann, prosaische Konsumgüter zum Kauferlebnis zu pimpen. Weil für das Einhorn-Motiv anders als für Hello Kitty & Co. keine Lizenzen fällig sind, lässt sich alles damit bedrucken. Ritter Sport war Vorreiter auf dem Lebensmittelmarkt: Mit pink verpackter Schokolade, die aussah wie Fürst-Pückler-Eis, aber nach "Joghurt-Himbeer-Cassis-Regenbogen" schmeckte, landete der Schokoladenhersteller im Herbst 2016 einen Hype. Die Tafeln waren binnen Stunden ausverkauft, werden bei Ebay für das Zehnfache gehandelt.

Andere zogen nach: Es gibt vereinhornte Drogerie-Produkte, Backwaren, Alkoholika, Bratwurst. Bautzner - sonst im mittelscharfen Senfsegment heimisch - kreierte Ketchup mit Glitzerpartikeln drin, Edeka hat das passende Klopapier dazu im Angebot. Es riecht nach Zuckerwatte. Die banalsten Produkte lassen sich so magisch überformen - sortiments- und alltagsübergreifend: Vom Malbuch bis zum Einteiler, vom Ballermann-Hit "Horny" bis zum Kondom. In einem US-Werbespot für ein Anti-Hämorrhoiden-Hilfsmittel kackt ein Einhorn regenbogenbuntes Softeis. Erste "1Horn"-Partys füllen die Veranstaltungskalender. Selbst die CSU vertreibt in ihrem Onlineshop das Fabeltier als Werbemittel - auf T-Shirts und Sneakers gedruckt, mit stilisiertem Münchner Olympiaturm als Horn.

Dabei steht das Einhorn vor allem im Internet für Einzigartigkeit, und Vielfalt, soll Individualität unterstreichen. Dort reitet es Regenbögen, pupst Glitzerwolken und ist niedlich realitätsfern. In sozialen Netzwerken werden Bilder mit Sprüchen wie "Sei immer du selbst, außer du kannst ein Einhorn sein. Dann sei ein Einhorn." oder "Auf dem Boden der Tatsachen liegt zu wenig Glitzer." geteilt und geliked. Das Fotoportal Instagram liefert unter dem Hashtag "Unicorn" - englisch für Einhorn - Bilder von allem, was sich regenbogenfarben färben lässt: bunt bestrichenes Toastbrot, Zöpfe, Smoothies. Internet-Sternchen sonnenbaden auf aufblasbaren Einhorn-Schwimmringen. So entsteht eine bonbonbunte Bildsprache, ein Kontrast zu den bedrückenden, oft brutalen Nachrichtenbildern. Wie Glitzerfolie, die man über den erschütternden Alltag klebt, nach dem Motto: Mach' ein Einhorn drauf, und die Welt ist wieder heil.

Tatsächlich ist das Einhorn jedoch mehr als ein hohler Konsum-Hype. Es gilt als Symbol der LGBT-Gemeinschaft. LGBT steht für Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, also lesbisch, schwul, bisexuell und zwischengeschlechtlich. Es lebt schließlich auf einem Regenbogen, steht für gelebte Individualität, Toleranz und Buntheit und pflegt eine schräge Ästhetik. Es ist anders als andere Pferde, steht dazu und wird genau deshalb geliebt. Der eskalierte Trend aber schmälert diese Bedeutung, denn im Supermarkt ist das Einhorn oft im Sexismus-Regal platziert. Gemäß der Werbeblätter und Auslagen sollen Frauen rosa gefärbte Würstchen grillen, Männer irgendwas mit scharf und Bier. Männer sollen Stärke zeigen, indem sie sich dem Schmerz der Schärfe stellen, Frauen einfach schön glitzern. In solchen Fällen kommt es zu einer Art Missbrauch des für Gleichberechtigung eintretenden Einhorns durch den Kommerz. Weil trotz aller gegenläufiger Bemühungen noch oft suggeriert wird, Geschlecht sei eine Farbe, ist die Zielgruppe eindeutig: Einhorn-Sachen sind für Mädchen. Und oft von einer so kitschig-pinken Glitter-Wolke umhüllt, dass dagegen selbst Barbie progressiv wirkt. Als nächster Trend steht übrigens schon der Flamingo in den Startlöchern: Auch der ist zielgruppenspezifisch rosa und gilt als Exzentriker.

Manche Trendforscher sehen den Einhorn-Hype als Konsequenz einer infantilen, narzisstischen Gesellschaft, die nicht erwachsen werden will, 40 für das neue 25 hält, zunehmend von der Vernunft abrückt, chronisch zerstreut, selbstdarstellerisch, übermäßig mitteilungsbedürftig und vor allem auf eigene Bedürfnisse fokussiert ist. Das Einhorn ist jedenfalls nicht nur bei kleinen Mädchen angesagt, sondern auch bei erwachsenen Frauen, die ihre alten Träume aus Pferderomanen für vorpubertäre Mädchen jetzt auf flauschige Fabelwesen projizieren.

Für andere ist die Allgegenwart des Einhorns symptomatisch für die Überflussgesellschaft, die sich um pinkfarbene Smoothies sorgt, während die Welt um sie herum in Flammen steht. Vielmehr ist es aber, weil die Welt um sie herum in Flammen steht. Am Ende ist das Einhorn nur Mittel zur Realitätsflucht. Der pastellfarbene Anstrich für die finster gewordene Welt. So als sähe man das Elend nicht mehr, wenn man nur genug Feenstaub drauf streut. Den Einhornhype kann man als Zeichen westlicher Ignoranz sehen - oder als Symbol demokratischer Toleranz. Der Regenbogen ist schließlich für alle da.

 
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
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Kommentare
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Kommentieren (für Digital- und Printabonnenten)
  • 19.08.2017
    15:45 Uhr

    cn3boj00: Ein wunderbarer Artikel, der zeigt, wie die Generationen von 13 bis 40 heute ticken, wie Symbole als Kult vermarktet werden und der Mensch sich vom gesellschaftlichen Wesen zum konsumierenden Egomanen entwickelt.

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