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Der dunkle Schatten der Deutschen? Sänger Xavier Naidoo im Bühnengegenlicht.

Foto: Malte Christians/dpa

Kennen Sie diesen Mann? - Xavier Naidoo

Xavier Naidoo hat es mit den Söhnen Mannheims wieder in die Schlagzeilen geschafft - mit einem antidemokratischen Songtext, der nun von Politikern und Medien breit diskutiert wird und dem Künstler große Aufmerksamkeit beschert. Doch wo steht der Sänger wirklich?

Von Tim Hofmann und Ronny Schilder
erschienen am 10.05.2017

Mannheim. Geschäftlich gesehen, geht es den Söhnen Mannheims nicht gut. An den Erfolg Mitte der Nuller, das zweite Album "Noiz" hatte Dreifach-Platin für fast 700.000 verkaufte Platten eingefahren, kommt die Band seit vielen Jahren nicht mehr heran: Die 2014 veröffentlichte Platte "ElyZion" rangierte für die vermeintliche Liga der Gruppe bestenfalls unter "ferner liefen". Schuld war das Ausscheiden Xavier Naidoos, mit Abstand populärstes Mitglied des Viel-Sänger-Kollektivs und als Solist erfolgreicher als die "Söhne" - jedes seiner Alben von 1998 bis 2013 kassierte mindestens Platin. Entsprechend froh dürfte die Band gewesen sein, als Naidoo am neuen Werk "MannHeim" wieder mittat - und entsprechend unproblematisch brachte der den Text "Marionetten" auf der Platte unter.

Nun ist Xavier Naidoo durchaus umstritten: Er hat Texte gegen Schwule verfasst, von denen er sich später distanzierte. Er hat auf einer Demo der "Reichsbürger"-Bewegung gesprochen - ohne sich mit diesen gemein machen zu wollen. Er hat die Bundesrepublik als "unfrei" und "GmbH" bezeichnet - um sich kurz darauf als Verfechter der Menschenrechte und der Freiheit zu erklären. Und er hat antisemitische Textzeilen verfasst - um sich kurz darauf gegen den Vorwurf der Judenfeindlichkeit zu verwahren. In "Marionetten" hat er es nun wieder getan: Das Lied äußert sich teilweise recht drastisch über die aktuelle politische Klasse, die darin als "Volksverräter" bezeichnet wird, die Menschen manipuliert und sich, übertragen gesprochen, nicht wundern müsste, wenn sie in deren Zorn von Mistgabeln zerfetzt würde. Als "MannHeim" Ende April erschien, bemerkte diese Steilvorlage nicht einmal die AfD - wie gesagt, es ist nicht zum Allerbesten bestellt um die Popularität der Söhne Mannheims. Aber Jan Böhmermann war zur Stelle - stellte letzten Donnerstag ein Parodie-Video ins Netz, in dem er Naidoo alles um die Ohren haut, was man diesem durchaus vorwerfen kann: seine antisemitischen Nebensätze. Seine Ablehnung der deutschen Demokratie. Seine Widersprüchlichkeit. Das Kuscheln mit den Reichsbürgern.

Das hatte, wie so oft bei Böhmermann, mediale Wirkung: Plötzlich war der Naidoo-Mannheim-Song, über dessen eigene künstlerische Wirkmacht man streiten kann, Thema. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung zerpflückte "Marionetten" in ihrem Feuilleton wie ein Grass- Gedicht. Einige Veranstalter sagten Konzerte ab, und wenn nicht, strichen mitunter Sponsoren Geld, und am Montagabend diskutierte die Rathausspitze der Stadt Mannheim tatsächlich die Möglichkeit, die "Söhne" vom diesjährigen Stadtfest auszuladen. Und natürlich befanden allerorts Politiker, dass so eine Provokation nicht gehe, wobei in einigen Forderungen nach einer bitte grundsätzlich demokratiekonformen Kunst nun wieder die grundgesetzlich garantierte Kunstfreiheit etwas aus dem Fokus geriet.

Gestern dann äußerte sich Musiker Xavier Naidoo zu dem Skandal, und zwar mit der für so einen Fall popkulturell üblichen Floskel: "Marionetten" sei "möglicherweise missverständlich", es handele sich "um eine zugespitzte Zustandsbeschreibung gesellschaftlicher Strömungen, also um die Beobachtung bestimmter Stimmungen, Auffassungen und Entwicklungen", schrieb er auf Facebook. Aber: Die Söhne Mannheims stünden "für eine offene, freiheitliche, liberale und demokratische Gesellschaft, in der viele Kulturen gemeinsam zusammenleben und in der es allen Menschen möglichst gut geht".

Und wieder steckt Debatten-Deutschland fest in der Frage, ob Xavier Naidoo nun gut sei oder böse. Die Textzeilen ("Volksverräter") sind so deutlich wie in der jüngeren Vergangenheit seine Andeutungen einer jüdischen Weltverschwörung ("Baron Todschild"). Stutzig aber macht bei der fluxen Einordnung Naidoos als eine Art AfD-Barde immerhin, wie heftig der Sänger von Künstlern, die ihn im Gegensatz zu den allermeisten seiner Kritiker persönlich gut kennen, verteidigt wird: Würden sich Menschen wie Wolfgang Niedecken, Herbert Grönemeyer oder Michael Mittermeier wirklich für einen Fremden- und Freiheitsfeind einsetzen, sich mit ihm auf eine Bühne stellen?

Naidoo, der immerhin kein Trottel zu sein scheint, folgt offenbar Denkmustern, die bisher von den gängigen medialen Sortierfunktionen noch nicht recht ausgelotet sind, allerdings wohl immer mehr Anhänger finden. Unterbelichtet scheint dabei Naidoos Hang zum Libertarismus - einer politischen Philosophie, die auf einem starken Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen beruht. Freiheit wird dabei in erster Linie als das Freisein von äußeren Einflüssen und Zwängen verstanden - und nicht als die Freiheit, aus diesen heraus selbstständig entscheiden und handeln zu können.

Das bedeutet: Libertäre sind aus prinzipiellen Erwägungen gegen jede staatliche Einflussnahme. Der Gedanke funktioniert "rechts" wie "links", er findet sich bei der amerikanischen "Tea-Party" wie bei Anarchisten. Der libertäre Gedanke liefert meist keine Vorbehalte gegen Rasse, Herkunft, Geschlecht oder sexuelle Neigung, ist aber dem Sozialdarwinismus zugeneigt: Alle bekommen die gleiche Chance, sind aber auf sich allein gestellt. Gut ist dabei, was sich aus eigener Kraft durchsetzt. Der, der "es" schafft. Wer oder was auf der Strecke bleibt, hat das dagegen prinzipiell auch verdient. Eine Sicht, die vor allem Menschen einnehmen, die selbst sehr erfolgreich sind und dabei Widerstände überwinden mussten.

 
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Kommentare
18
Kommentieren (für Digital- und Printabonnenten)
  • 12.05.2017
    22:56 Uhr

    cn3boj00: Ist schon interessant welch seltsame Diskussionen die Heulboje bewirken kann. Mir geht XN einfach nur auf die Nerven, nicht wegen der Texte sondern der Musik. Seine Weltanschauung ist seltsam, aber das ist ja kein Verbrechen. Für mich ist dieser Mensch vor allem eins: unwichtig.

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  • 12.05.2017
    13:16 Uhr

    voigtsberger: Blacky, keiner tut doch mehr von den Themen in den Berichten abweichen und sucht immer nur das "Haar in der Suppe" in den Kommentaren der Kritiker dieser Zustände und die Probleme sind doch durch die unkontrollierte Einwanderung 2015 verstärkt entstanden, weil nicht nur Schutzsuchende Flüchtlinge kamen, sonder auch das Klientel, was keinen Grund auf Asyl und Schutz hatte und hat und nun nur geduldet ist oder sich der Abschiebung entzieht, weil man genau wusste, ohne Papiere keine Abschiebung und das sind die Ursachen, wo sich auch Politiker nicht offen zu Konsequenzen bekennen und als "Marionetten" der politischen Korrektheit der FdG sich geben.
    Da kann man den Text von X. Naidoo nur beipflichten und da kann man auch abschweifend erklären, warum sich ein Künstler zu solchen Zeilen veranlasst sieht und immer noch "Hut ab" für X. Naidoo!

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  • 12.05.2017
    08:45 Uhr

    saxon1965: @ Blackadder: Ich möchte ihre Frage noch abschließend beantworten, denn wir driften ja vom eigentlichen Thema ab.
    Leider wird die Deutsche Mitte, bei der ersten Teilnahme an einer BTW, nicht über 50 Prozent holen. Rom ist aber auch nicht an einem Tag erbaut worden! Am aller wichtigsten ist es, dass die Menschen erfahren, welche wirklichen Alternativen es für die Probleme in unserer Gesellschaft gibt.

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  • 12.05.2017
    08:35 Uhr

    Blackadder: @voigtsberger: Wenn man Ihnen nachweist, dass die Zahlen, die Sie schreiben Quatsch sind, wechseln Sie schnell mal das Thema. Glückwunsch!

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  • 11.05.2017
    20:43 Uhr

    voigtsberger: Blacky, was meinen sie für Fakenews, die von der Mär: .. es kommen lauter Facharbeiter, Ärzte und Ingenieure, es ist eine Kulturbereicherung usw. oder die News von den Drogendialer in den Innenstädte, den Gewalttaten und Raub gegenüber den Busfahren, den Versuch immer mehr öffentliche Plätze mit Video zu überwachen wegen der steigenden Kriminalität, der Versuch von sexuellen Übergriffe, selbst in Ämtern und Behörden uvm. und dies alles in Sachsen und in der Freien Presse der letzten Tage zu lesen! Aber bei ihnen und den FdG alles nur Einzelfälle, nur das die Einzelfälle so viele sind, das die meisten Bürger nur noch angewidert sind und auch von Denen die diese Zustände und Probleme immer nur bagatellisieren und schönreden, mit der Option jede Kritik und jeden Kritiker zu verunglimpfen!

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