Klassik für Kinder

Entgegen dem Trend ist Barbara Kindermann mit einem Verlag für Kinderbücher auf Erfolgskurs. Ihr Rezept.

Berlin.

Im September ist Anna, die Tochter der Verlagschefin Barbara, ins Geschäft des Kindermann Verlages eingestiegen. Sie verantwortet die Bereiche Marketing und Auslandsrechte. Doch eigentlich beeinflusste sie den Weg des Berliner Verlages bereits vor 21 Jahren, als sie noch Schulanfängerin war.

Ihre Mutter erinnert sich, wie sie ihrer Tochter Märchen vorlas. "Dabei wurde mir bewusst, dass uns die Figuren und Stoffe der Kindheit ein Leben lang begleiten. Ich fragte mich, warum sollte das nicht auch mit ,großer Literatur' funktionieren." So kam sie 1994 auf die Idee, klassische Weltliteratur für die Jüngsten anzubieten. "Ich wollte Kindern, wenn sie dem sogenannten Kanon noch unvoreingenommen gegenüberstehen, den Zugang zu den Klassikern eröffnen."

Dabei geht es ihr nicht um Bildungseifer, sondern sie will Kinder sensibilisieren und langfristig Lust aufs Original machen. "Die Bücher können die Lektüre des Originals nicht ersetzen. Aber ich möchte das Déjà-vu-Erlebnis nutzen, das sich einstellt, wenn man später einmal ein Original zur Hand bekommt."

"Faust" als Dauerseller

Barbara Kindermann empfand die Verlagsgründung als Sprung ins kalte Wasser. "Mit Herstellung, Grafik, Vertriebsorganisation und Buchhaltung war ich bisher nicht konfrontiert." Sie arbeitete bis dahin als Lektorin in einem Göttinger Verlag. Die ersten drei Titel ihres Verlages waren 1995 "Faust", "Romeo und Julia" und "Kleider machen Leute". Ein Verleger müsse mindestens zwei Titel publizieren, da er sonst nicht Mitglied im Börsenverein des Deutschen Buchhandels werden kann und keine ISBN-Nummer erhält, erläutert Kindermann.

Inzwischen verlegt sie rund 50 Titel. Dabei gehört etwa "Faust" zu den Dauersellern; die jährliche Verkaufszahl gibt sie für den "Faust" mit etwa 2500 und für "Ein Sommernachtstraum" mit 2000 Exemplaren an. "Wir verkaufen nicht nur Novitäten, sondern auch unsere Backlist läuft sehr gut", sagt Kindermann. Neben der "Weltliteratur für Kinder" sind inzwischen "Poesie für Kinder" und "Kinder entdecken Kunst" mit ins Portfolio gekommnen. In der letzteren Reihe erklärt die Kunstpädagogin Britta Benke Kindern leicht verständlich Leben und Werk, Farben und Materialen, Stile und Bildthemen von Kandinsky, Matisse, Picasso und Miró. In der "Poesie-Reihe" sind bisher 15 Titel erschienen - Klassiker wie "Der Zauberlehrling", "Der Erlkönig", "Die Kraniche des Ibykus" und "Die Bürgschaft".

Die Texte für die Weltliteraturreihe schreibt Kindermann übrigens selbst. Dabei nimmt sie Originale zur Grundlage. Sie liest den Text einmal. Ein zweites Mal. Beginnt dabei, den Handlungsstrang zu teilen, sodass er illustriert werden kann. Am Ende benötigt sie 14 Sequenzen. Für jede Teilhandlung hat sie zwei Seiten vorgesehen. Macht 28 Seiten - für Schiller, für Shakespeare, für Goethe. Egal, wie lang das Werk ist - Kindermann bringt es kindgerecht auf die vorgegebene Seitenzahl. Sie schreibt, verdichtet. Legt den Text beiseite. Schaut ihn aufs Neue an. Kürzt ihn wieder. Am Ende erzählt sie spannend die Klassiker, 17 sind es bisher. Da sie zahlreiche Originalzitate einstreut, die kursiv gesetzt kenntlich gemacht werden, vermittelt sie den kleinen Lesern einen möglichst authentischen Eindruck der klassischen Vorlage.

Parallel nehmen ihre Bücher Gestalt an. Während Kindermann bei ihren ersten Titeln noch Illustratoren per Annonce gesucht hatte, bewerben sich inzwischen Künstler bei ihr. Ihr war von Anfang an wichtig, ausgezeichnete Künstler zu gewinnen. Für den "Zauberlehrling" und den "Erlkönig" zeichnete Sabine Wilharm, eine der erfolgreichsten deutschen Kinderbuchillustratorinnen. Sie wurde bekannt durch die Bucheinbandgestaltung der deutschen Harry-Potter-Ausgaben. Zudem fertigt sie Karikaturen für Magazine wie "Spiegel" und "Stern".

Für den jüngsten Titel hat die Verlagschefin wieder Klaus Ensikat gewonnen - und sie wollte es nur realisieren, wenn er, wie schon bei anderen Büchern, zusagt. Diesmal steht nicht "Weltliteratur" an, sondern der Titel fällt aus der Reihe. Es geht um das Leben und Werk des Reformators Martin Luther.

Bekannte Titel und Namen

Die Autorin und Religionspädagogin Meike Roth-Beck hatte Kindermann überzeugt, dass das Thema Reformation ein verlegerischer Erfolg werden kann, nicht zuletzt dank des 2017 anstehenden 500. Jubiläums der Reformation. Deshalb widmet sich der Verlag Martin Luthers Leben. Im Buch werden der Thesenanschlag und einige der wichtigsten Thesen vorgestellt und kindgerecht von Meike Roth-Beck erklärt. Ensikats Illustrationen lassen die Zeit des ausklingenden, düsteren Mittelalters lebendig werden.

Kindermann, die Germanistik, Philosophie und Sprache studiert hat, erklärt sich ihren Erfolg unter anderem auch dadurch, dass sie vor allem bekannte Titel und Namen wählt. Ein weiteres Plus sei, dass sie viele ihrer Titel nicht nur über herkömmliche Wege vertreibt, sondern - wo es sich anbietet - über Museen und touristische Einrichtungen. In Weimar findet man etwa ihre Klassiker. Und bei "Luther" ist Kindermann guter Dinge, dass sich der Titel - wie schon einige andere - weltweit verkaufen wird.

Nicht zuletzt sind Lesungen Teil des Erfolges. Kindermann, die vor Jahren selbst einen Kindergarten gegründet hat, lässt es sich nicht nehmen, selbst Kindereinrichtungen, Bibliotheken und Schulen zu besuchen. Nicht nur, um ihre Bücher vorzustellen, sondern auch, um zu erklären, wie sie Bücher macht.

Buchtipp Meike Roth-Beck: "Von Martin Luthers Wittenberger Thesen".Bilder von Klaus Ensikat. Kindermann Verlag. 19,90 Euro. ISBN 978-3-934029-62-0.

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