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Wie finden wir in der Welt zueinander, wie leben wir in Achtsamkeit voreinander? Es sind einige jener Fragen, die den Künstler Marian Kretschmer beschäftigen. In Tansania engagiert er sich unter anderem für ein Schulprojekt. Auf dem Schulhof in Chonyonyo hat er diese Wand mit zig Figuren bemalt, davor fotografiert er zum Beispiel Mitstreiter des Schulprojekts wie diese Frauen.

Foto: Marian Kretschmer

Kunst in Afrika: Das Gute in uns

Er ist Künstler, und will Gutes tun. So etwas wird heute oft belächelt. Der gebürtige Karl-Marx-Städter Marian Kretschmer aber macht sein Ding und hat sich dazu auch einen Flecken in Tansania ausgesucht.

Von Katharina Leuoth
erschienen am 19.05.2017

Opa thronte auf einem Elefanten, irgendwo in Afrika. Das bekam der Junge nicht mehr aus dem Kopf, dieses alte Foto, auf das er damals als Kind - es waren die letzten Jahre der DDR - so ungläubig schaute. Aus dem begrenzten Blickwinkel seines Heimatlandes heraus kam es ihm so vor, als reite Opa durch unerreichbare Galaxien. Afrika war da noch ein fern flimmerndes Zauberwort.

Ungefähr 30 Jahre später sitzt der Junge nicht auf einem Elefanten, aber mit Farbtöpfen an einer kargen Wand auf einem Schulhof in Chonyonyo. Es ist ein Dorf in der Kagera-Region im Nordwesten Tansanias - eine Gegend von Gebirgsketten durchzogen, von warmem Regen durchfeuchtet, es wachsen Kaffee und Bananen.

Es gibt Menschen, die reisen zum ersten Mal nach Afrika und spüren schnell: Das passt. Das fühlt sich an wie zuhause. Das kann Urlaubsenthusiasmus sein, Spinnerei, oder eines jener Phänomene zwischen Himmel und Erde, die sich nicht erklären lassen. Marian Kretschmer hatte dieses Zu-Hause-Gefühl, ob ausgelöst durch das Opa-Elefanten-Foto weiß er nicht. Aber er weiß, dass er öfter nach Tansania fliegen will. Er arbeitet dort an Projekten mit, die eine nachhaltige Landwirtschaft sichern und Mädchen eine Schulausbildung ermöglichen sollen. Er hilft bei der Organisation und stellt auch seine Idee von Kunst vor. Dabei wird er durchaus staunend betrachtet, geradewegs so, als käme er von einer fernen Galaxie. Mit Kunst kämen die Menschen dort in der ländlichen Region kaum in Berührung.

Marian Kretschmer wurde 1983 in Karl-Marx-Stadt geboren, ließ sich zum gestaltungstechnischen Assistenten ausbilden, arbeitete in der Werbebranche, war Gaststudent an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Seit Juli 2007 ist er freischaffender Künstler. Diese Freiheit war, was er suchte. Trotz finanzieller Enge. Nicht mehr als 500 Euro habe er anfangs im Monat ausgeben können. Malte aber wie besessen an seinen Fantasiewelten und Waldwesen. Als er Kunden in der Schweiz auftat, zog er zum Malen dorthin. In eine Touri-Gegend am Zürichsee, wo die öffentlichen Toiletten dreimal am Tag gesäubert worden seien und ihm als Badezimmer dienten, so wie ein leer stehendes Haus als Schlafplatz. Seit 2015 nun lebt er in Dresden - in einer Wohnung.

Bei der Arbeit: Marian Kretschmer.

Foto: Marian Kretschmer

Marian Kretschmer ist kein Künstler, der allein malt, weil er aus einem inneren Bedürfnis heraus malen muss und dem egal ist, was andere von seinen Bildern halten. Er malt oft für Projekte. Projekte, die für das Gute stehen. Dass das Wort "gut" - das Unwort "Gutmensch" winkt schon um die Ecke - mitunter fast Schimpfwort geworden ist, ist für ihn absurd. Liebe, Vergebung, Demut, ein achtsames Leben für sich und seine Nächsten führen, sind seine Themen. Geprägt worden ist er da in der Jugend. Die Mutter sei Fan der afroamerikanischen Bürgerrechtlerin Angela Davis gewesen, und er habe sich deshalb und vielleicht unbewusst wegen des Opa-Fotos früh mit Afrika, Kolonialismus, Versklavung und den Afroamerikanern befasst. Heute stehe er vielen gesellschaftlichen Prozessen kritisch gegenüber - zügellosem Konsum, der Ausbeutung anderer Länder, dem Verlust an Solidarität. Aber er versuche für sich im Kleinen zu leben, was ihm wichtig ist: Liebe, Vergebung, Demut, Achtsamkeit.

Als er vor ein paar Jahren zum ersten Mal nach Afrika kam, war er für ein Projekt in Kenia engagiert, bei dem er die Wände einer Schule bemalte. Vom Leben dort war er gleich eingenommen - den engen Familienverbänden und großen Gemeinschaften, dem aufrichtigen Interesse Neuankömmlingen gegenüber, durchaus auch den im Vergleich zu Deutschland übersichtlichen Verkehrsregeln: Der mit dem größten Gefährt hat Recht. Eine Dolmetscherin erzählte ihm damals von der Organisation Mavuno in Tansania, und als er zuhörte, dachte er, so muss eine Gesellschaft sein.

"Mavuno" bedeutet "Ernte", und "Mavuno" nennt sich auch der Zusammenschluss von Landwirten in der Kagera-Region: Regionale Bauern begannen 1993, ihre Probleme selbst in die Hand zu nehmen - wie schaffen wir eine Landwirtschaft, die uns das Überleben sichert, weg von Monokulturen und ausgelaugten Böden? Sie entwickelten ein Permakultur-Projekt, das auf nachhaltige Kreisläufe setzt. Dabei lernten sie auch, Pflanzen zu kombinieren, die die Erde an den Hängen bei Regen festhalten und die genug Wasser speichern; sie lernten, welche Pflanzen sich zu Sonne oder Schatten verhelfen; und auch, wie aus Kuhmist Biogas wird. Der im bayerischen Freising ansässige Verein "Marafiki wa Afrika", "Freunde für Afrika", hilft dabei, und über diesen Verein kam Kretschmer schließlich zu Mavuno nach Tansania. Ein weiteres Projekt dieser Organisation ist die Mädchenschule mit Internat in Chonyonyo, unter anderem mit aufgebaut vom Verein "Ingenieure ohne Grenzen". Eröffnung war 2016, rund 90 Mädchen, so Kretschmer, lernen mittlerweile dort. In Zukunft sollen es noch viel mehr sein. Der Fokus liege auf Mädchen, weil Frauen generell schlechter gestellt seien und es schwerer haben, ein selbstständiges Leben zu führen - vor allem ohne Schulabschluss.

Pause im Schulhof: Mädchen, die die Schule in Chonyonyo in Tansania besuchen.

Foto: Marian Kretschmer

Dort an der Windschutzwand vor den Schlafräumen des Internats hat Marian Kretschmer seine Farbtöpfe ausgepackt und 100 Figuren gemalt. Kunst am Bau, wenn man so will, und das ist in der Kagera-Region nicht alltäglich. "Viele Leute kommen vorbei, um sich die Wand anzuschauen", erzählt Kretschmer. "Das spricht sich herum und ist Werbung für die Schule." Mit den Mitstreitern des Vereins aus Freising versucht er bei seinen Besuchen auch, die zurückhaltenden Mädchen in Kunstprojekte einzubeziehen. Die Neugierigsten lassen sich zum Beispiel Symbole auf die Haut malen und vor Kretschmers Wand fotografieren. Er habe aber auch Gebäude des Geländes abgelichtet und vor Ort als Kalender veröffentlicht, weil dort Architektur-Kalender "in" seien und wiederum für das Projekt werben. Erst kürzlich war Kretschmer wieder dort, um den Chemnitzer Filmemacher Tilo Koch zu begleiten, der Mavuno in einem Dokumentarfilm vorstellen will.

Und auch sonst scheint Kretschmer für seine Idee vom guten Leben und für seine Kunst ständig unterwegs zu sein. Hamburg, Halle, Leipzig, Dresden, Chemnitz zählt er auf, Freising oder Rosenheim, wo im Herbst Bilder von ihm in einer Kirche gezeigt werden sollen. Er wechselt zwischen dem Malen, dem Besuch bei Kunden, zwischen Ausstellungen und Projekten. Der Friedenslauf letztens beispielsweise. Ein Spendenmarathon von Läufern, der in Rom startete. Kretschmer war beauftragt, sich innerhalb dieses Projekts künstlerisch mit Frieden, Demokratie und Toleranz auseinanderzusetzen, unter anderem für Banner und Plakate. Entstanden ist dabei der Bilderzyklus "Alles ist gefrorenes Licht".

Aber manches geht auch schief. Ein Jahr habe er mit einer Brauerei in Hamburg daran getüftelt, wie Inhaltsstoffe für Biere von den Mavuno-Bauern aus Tansania importiert werden könnten, erzählt Kretschmer. Er hätte die Etiketten gestaltet. Doch das Projekt sei am Zoll gescheitert. Ein Jahr Arbeit für die Katz'. Ein anderes Beispiel: In eine Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Dresden wollte er Farbe bringen und mit Flüchtlingskindern Wände bemalen. "Bis ich nach fünf Monaten alle Genehmigungen hatte, waren die Flüchtlinge wieder fort." Das nervt, aber entmutigt ihn nicht. Steht eben das nächste Projekt an: die Sächsischen Entwicklungspolitischen Bildungstage im Herbst mit Veranstaltungen für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Hauptthema: Kolonialismus. Kretschmer ist als einer der Referenten im Gespräch.

Was über die Umtriebigkeit seines Enkels der Opa auf dem Elefanten gesagt hätte? Und wie kam Opa überhaupt nach Afrika? Kretschmer weiß es nicht. Die Verbindungen zu dieser Familiengeschichte seien gekappt. So bleibt diese Geschichte unerzählt, und wirkt doch irgendwie fort, wenn der Enkel wieder in Afrika ist.

 

Dieser Beitrag erschien in der Wochenendbeilage der "Freien Presse".

 
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Onkel-Max-Frage
Wie liest ein Kassenscanner Strichcodes?
Onkel Max
Tomicek

Wie funktioniert der Scanner an der Supermarktkasse? Hängt es mit den Spiegeln zusammen, die man unter der Glasplatte hinter dem Kassenfließband erkennt? (Diese Frage hat Michael Gebauer aus Eibenstock gestellt.)

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