Depeche-Mode-Auftritt 1988: Als die DDR kurz mal weg war

Vor 30 Jahren gab die britische Band Depeche Mode ihr erstes und einziges Konzert in der DDR. Doch nur wenige Fans hatten das Glück oder Geld, um eine Karte abzubekommen. Dabei gab es über 70 Fanclubs, die alles für ihre Lieblingsband taten. Fans aus Zwickau entwarfen zum Beispiel Briefpapier.

Berlin/Zwickau.

Berlin/Zwickau. Am 4. März 1988 war einem Moderator des Jugendradios DT 64 in Ost-Berlin ein kleiner Versprecher passiert. Eher beiläufig erzählt er, dass am Montag in drei Tagen die Band Depeche Mode in Ost-Berlin ein Konzert geben würde. Daraufhin stehen die Telefone nicht mehr still, die Leitungen brechen zusammen. Etwa 80.000 Jugendliche rufen bei dem Radiosender an und stellen alle dieselbe Frage: Wo gibt es Eintrittskarten?

Nahezu nirgendwo - denn die Tickets sind stark limitiert. 6500 Menschen passen in die Werner-Seelenbinder-Halle in Ost-Berlin. Allen ist klar, dass das viel zu wenige Plätze sind. Doch die Musiker von Depeche Mode haben nur diesen einen Tag auf ihrer Welttournee Zeit, mehr Konzerte von der britischen Synthie-Band wird es in der DDR definitiv nicht geben. Es ist sowieso eine für Fans unfassbare Sensation, dass die vier Engländer überhaupt Station in der Deutschen Demokratischen Republik machen.

Die DDR-Führung will ihren jungen Bürgern scheinbar etwas bieten, denn sie hatten lautstark gegen die Mauer und den Staat protestiert, als es zum 750. Geburtstag von Berlin im Ostteil der Stadt ein langweiliges Folkloreprogramm gab, während direkt hinter der Mauer Weltstars wie David Bowie in Hörweite spielten. Nun sollen also Depeche Mode über die Grenze kommen.

"Wir haben mit dem Konzert Miese gemacht", blickt Keyboarder Andrew Fletcher zurück. "Aber wir waren neugierig. Wir wollten da spielen, wo unsere Fans sind." Musik für die Massen. Um den vermuteten Andrang gering zu halten, werden die Karten nur an FDJler an Berliner Schulen verteilt. "Geburtstagskonzert der FDJ", steht in schlichter Schrift auf den Tickets, die den Bandnamen nicht erwähnen.

Eintrittspreis: 14,95 Ostmark plus fünf Pfennig Kulturbeitrag. Doch die meisten Fans zahlen mehr als das Zehnfache auf dem Schwarzmarkt. Gerüchte gehen um, dass einige sogar ihr Moped oder ihren Trabi zum Tausch anbieten. Sascha Lange aus Leipzig blättert 150 Ostmark hin - fast ein Schnäppchen. Eigentlich erschien es für ihn als Nicht-Berliner völlig aussichtslos zu sein, eine der Karten zu ergattern.

In der MDR-Dokumentation "Depeche Mode in der DDR", die heute Abend im Fernsehen läuft, erzählt Sascha Lange, dass alle seine Freunde auch sofort nach Berlin fahren wollten, als sie von dem geplanten Konzert hörten: "Aber da gab's natürlich Probleme", sagt er. "Man brauchte sehr liberale Eltern, die einem erlaubten, montags die Schule zu schwänzen, um nach Ost-Berlin und nachts wieder zurückzufahren. Man brauchte das Geld, um auf dem Schwarzmarkt eine Karte zu kaufen - und eine realistische Möglichkeit."

Am Ende ist er der einzige aus seiner Schule, der sich auf den Weg macht. Am Leipziger Hauptbahnhof trifft er zwei Typen, die so aussehen wie Depeche-Mode-Sänger Dave Gahan. Einer dieser Möchtegern-Daves hat in seinem Rucksack einen Kassettenrekorder, mit dem er das Konzert später mitschneiden wird, da das Personal in der Werner-Seelenbinder-Halle keine Ahnung hat, dass so etwas nicht erlaubt ist. "Furchtbar verrauscht" war die Aufnahme, erinnert sich Lange, der sie sich direkt auf dem Rückweg nach Leipzig sofort mehrmals angehört hat.

Denn verrauscht hin oder her, Kassetten waren unabdingbar. Sie waren einer der Gründe, warum Depeche Mode überhaupt so viele Fans in der DDR erreichen konnten. Nachdem die jungen Engländer 1981 mit ihrer dritten Single "Just Can't Get Enough" in die Top Ten der britischen Charts aufgestiegen waren, wurden sie auch langsam in deutschen Radiosendungen gespielt. Sofort drückten DDR-Bürger mit Westradioempfang die Aufnahmetaste ihres Kassettenrekorders.

Als Depeche Mode 1984 mit den Hits "People are People" und "Master and Servant" weltweit bekannt wurden, traten sie in westdeutschen Fernsehsendungen wie "Formel 1" auf und prangten auf Postern aus Magazinen wie der "Bravo". Wertvolles Material für Fans hinter dem Eisernen Vorhang, die es sammelten und untereinander tauschten.

Später wurde die Musik der Band auch in der DDR gespielt. Auf DT 64 gab es den Depeche-Mode-Song der Woche, das staatliche Label Amiga brachte 1987 eine Best-of-Platte heraus. Auf privaten Partys liefen die Hits schon Jahre vorher. "In der Disko hat man immer geguckt: Wer ist hier noch Depeche-Mode-Fan?", erzählt der Zwickauer Torsten Wolf. Erkennbar waren sie an den schwarzen Klamotten, den Leder-Outfits und den teils abrasierten, teils hochtoupierten Haaren.

Den Idolen wollte man möglichst ähnlich sein. Wolf traf sich mit Gleichgesinnten. Und sie gründeten den Fanclub "Great Fans". Bald reisten die Zwickauer auch in andere Städte, um dort andere Fans kennenzulernen. Über 70 Depeche-Mode-Fanclubs gab es in den Achtzigern in der DDR - von Karl-Marx-Stadt bis nach Schwerin. Fast jeden Monat machten sich Wolf und seine Freunde zu einem zentralen Fantreffen auf. 1989 veranstalteten sie dann selber eins im Zwickauer Jugendclub "Hauptstraße". "Der Laden war brechend voll", sagt der ehemalige Jugendclub-Leiter Detlef Bergmann. "Bei uns passten eigentlich nur 150 Leute rein, aber vielleicht kamen auch dreihundert." Er wundert sich noch heute, wie sie die ganzen Leute erreicht haben - ohne Telefon und Internet. "Mit Plakaten und Briefen- und Mundpropaganda", erklärt Wolf. "Wir hatten sogar eigenes Briefpapier entworfen."

Bergmann hat in seinem Club verschiedene Jugendkulturen erlebt - von den Breakdancern und "Beat Street"-Fans bis zu den vom Punk inspirierten "anderen" Bands. Was ihm an den Depeche-Mode-Fans auffiel: "Da gab es nie Stress, keinen Ärger, die waren auch nicht besoffen", sagt er. "Die Stimmung kam bei uns durch die Musik", bestätigt Torsten Wolf. "Sie war unsere Droge."

Clubleiter Bergmann selbst konnte mit der Band nicht viel anfangen, filmte das Fantreffen aber mit einer Kamera. "Ich hab gespürt, dass man das festhalten sollte." Er war begeistert von dem Enthusiasmus der Fans, davon, dass "jeder ein fünftes Bandmitglied sein wollte". Also besuchte und filmte er einige der "Great Fans" auch zu Hause in ihren mit Bildern von Depeche Mode tapezierten Zimmern.

Dieses Filmmaterial lag fast dreißig Jahre ungenutzt herum. Nun hat er es für den MDR wieder ausgegraben, der es für einen eigenen Dokumentarfilm über "Depeche Mode in der DDR" nutzte. Für den Film kamen die alten "Great Fans" noch einmal zusammen und fuhren zu einem aktuellen Konzert der Band nach Berlin - ihr erstes gemeinsames Depeche-Mode-Konzert. Denn nach Ost-Berlin hatten sie es damals nicht geschafft und nach der Wende verloren sie sich aus den Augen.

So sehr sich die "Great Fans" von früher auch heute noch über Konzerte ihrer Lieblingsband freuen, ist doch allen bewusst, dass es so einen Auftritt wie den von 1988 nie wieder geben wird. Verbunden mit dem Konzert ist für viele das Gefühl, als sei die DDR kurz mal weg gewesen - für eine Nacht. Das sieht auch Sascha Lange so, der inzwischen sein zweites Buch über die Band herausgebracht hat, in dem es um das besondere Verhältnis der Fans aus der DDR zu ihrer Lieblingsband geht: "Erst nach so vielen Jahren merkt man, was für ein Glück das war, dabei gewesen zu sein", betont er.

"Ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort", erklärt Lange, "denn keine andere coole und vor allem aktuelle britische Band war jemals in der DDR." Andere Konzertbesucher erzählen von kurzer andächtiger Stille, als die Stars leibhaftig auf die Bühne kamen, dann von lautem Kreischen, von Liebe, die durch die Körper Richtung Bühne strömte, und von Ekstase. Die "Junge Welt", das Zentralorgan der FDJ, berichtete unter der schönen Überschrift "Als die Poster von den Wänden stiegen" etwas nüchterner über den Abend: "Vier Jungs, moderne Technik, harte Arbeit, Lederkleidung und gestylte Frisuren - all das vereint sich mit dem wuchtigen und maschinell anmutenden Sound, der die menschliche Stimme einbettet."

Und wie hat die Band den Tag erlebt? Sie reiste über den Checkpoint Charlie ein, wurde auf Anweisung von oben höflich behandelt und im Grand Hotel untergebracht, das sie nach dem Konzert nicht mehr verlassen sollte. "Das alles war für uns 22-, 23-jährige Jungs aus England ziemlich seltsam", erinnert sich Sänger Dave Gahan. "Wir wussten, dass man in diesem Hotel abgehört wurde. Man hatte uns erzählt, das Grand Hotel sei das meistüberwachte Hotel der Welt", sagt Andrew Fletcher.

Und eine Sache habe ihn besonders gewundert: "Was wirklich äußerst komisch war, dass wir in Ost-Berlin nie einem unserer Fans auf der Straße begegnet sind. Selbst als wir mal spazieren waren in der Stadt. Echt schräg." Denn schließlich gab es doch mindestens 80.000 von ihnen in der DDR.

Die Dokumentation im MDR

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2Kommentare
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  • 1
    0
    Interessierte
    11.03.2018

    Die Frau Blackadder und Co. haben das doch sicherlich gesehen ?

    Dort wurde gesagt , es hätte geheißen , dort hätten nur ´auserwählte` Überzeugte gesessen , das wäre Quatsch gewesen ...
    Die hatten nur für 6500 Leute Platz in der Werner-S-halle und hatten die Karten in den Schulen an Fans verteilt ...

    Und 70 Fanclubs hätte es gegeben in der ´kleinen` DDR
    wie viele Fanclubs hatte es denn in der damalas noch ´kleinen` DBR gegeben , das waren ja 16 Mio weniger als heute ...

    Und interessant war die Äußerung des Managers von D´M
    Er meinte , Westberlin wäre mitten in der DDR eingemauert gewesen ...
    Wird das heute nicht immer anders herum gesagt ?
    Also , dass die DDR eingemauert gewesen war ???

    Und D´M hatte geäußert , Westberlin wäre sehr ´dekadent` gewesen , .....
    Also - infolge kultureller Überfeinerung entartet - und ohne Kraft oder Widerstandsfähigkeit , im Verfall begriffen

    Und irgend ein Sänger ( Bin Jovi ) hatte mal in den 70-ern in Westberlin gelebt und er meinte , das wäre eine dreckige Stadt gewesen ...na so was ...

  • 1
    2
    Freigeist14
    11.03.2018

    Ich kann mich noch genau an den Hype im Frühjahr 1988 erinnern.Schüler und Lehrlinge freuten sich einfach,daß DM der DDR ein Konzert abstattete. Abschalten vom Alltag in Schule,Elternhaus oder Betrieb. Aus heutiger Sicht ein Ausklinken aus der so tristen DDR hinein zu interpretieren hat nichts ,aber auch gar nichts mit unseren damaligen Befindlichkeiten gemein. Aber es ist wieder typisch für nachgereichte Opfermythen.



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