"Männer sollten Courage haben"

Im neuen Kinofilm "Männertag" spielt Hannes Jaenicke einen Kotzbrocken - Ein Gespräch über Männlichkeit, Freundschaften und den Promi-Bonus

Er zählt nicht nur zu den beliebtesten deutschen Schauspielern auf Bildschirm und Leinwand, der gebürtige Frankfurter Hannes Jaenicke tritt auch als Umweltaktivist in Erscheinung, er engagiert sich für Kinder und gegen Rechtsextremismus. Seine Kindheit verbrachte Jaenicke in den USA, der Industriemaler Alexander Calvelli ist sein Bruder. In der neuen Komödie "Männertag", die am 8. September in die Kinos kommt, ist der 56-Jährige nun in einer sehr ungewöhnlichen Rolle zu erleben. André Wesche sprach mit Hannes Jaenicke in München über die Abiturtreffen des Schauspielers, über "Ich muss jetzt was tun"-Momente und darüber, was eigentlich einen echten Kerl ausmacht.

Freie Presse: Herr Jaenicke, wer ist dieser Andi Mauz, den Sie in "Männertag" spielen?

Hannes Jaenicke: Er ist ein richtiger Kotzbrocken. Die Geschichte handelt von einer Schul-Gang, die sich nach Jahren wegen des Todes eines Kumpels wiedertrifft. Letztendlich wird erzählt, ob und wie sich die Leute verändert und was sie an alten Dynamiken beibehalten haben. Ich war schon damals der Mobber und der Antagonist und bleibe das auch später. Andi Mauz hat ein schräges Hobby, er verkleidet sich jedes Wochenende als Wikinger und feiert mit seinen Freunden und selbst gebrautem Met Wikingerpartys.

Macht es Spaß, in einer solchen Komödie mal richtig aus dem Vollen schöpfen zu dürfen?

Mit Sicherheit! In Deutschland bekommt man meistens die gleichen Rollen angeboten. Wenn du einmal in einer gewissen Schublade steckst, kommst du nur sehr schwer wieder heraus. Deshalb ergreift man jedes Angebot mit Begeisterung, wenn es mal etwas völlig anderes zu spielen hergibt. Perücke, Tätowierungen, Wikinger - es macht einen Höllenspaß, so etwas zu spielen.

Haben Sie je Männertagsritualen gefrönt?

Bei uns waren es eher die Abiturfeiern. Das war immer sehr interessant. Manche Leute sind geblieben, wo sie waren. Und dann gab es die Weltenbummler, die echt abgehauen sind und sich eine ganz schräge Biografie zusammengestrickt haben. Sehr schnell haben sich auch die ersten Leute für immer verabschiedet. Diese Abiturtreffen fand ich immer unheimlich spannend. Man hat gesehen, wie man sich selbst verändert hat und was aus den Leuten geworden ist, mit denen man früher mal super eng war. Und auch aus denjenigen, mit denen man nicht super eng war. Es war oft so, dass man mit alten Schulkumpels nicht mehr so viel zu reden hatte, während man sich plötzlich mit denen austauschte, mit denen man damals nichts anfangen konnte. Herrenabende waren aber nie so richtig mein Ding. Ich vertrage nicht viel Alkohol und bin kein guter Trinker.

Sind Ihnen Männerfreundschaften trotzdem wichtig?

Absolut. Manche meiner Männerfreundschaften bestehen seit der Schulzeit.

Ist es möglich, in Ihrem Geschäft Freundschaften zu schließen oder ist die Branche in dieser Hinsicht doch eher oberflächlich?

Sie ist nicht oberflächlich, aber häufig sind es Geschäftsbeziehungen. Im Idealfall verhält es sich so wie mit Regisseur Holger Haase, der "Männertag" gedreht hat. Er ist ein Mensch, den ich sehr angenehm finde, mit dem ich sehr gern arbeite und den ich als Regisseur kompetent finde. Ich weiß nicht, ob Holger und ich eine enge Männerfreundschaft hätten, wenn wir komplett anderen Berufen nachgehen würden. Aber ich denke, meine Branche ist nicht oberflächlicher als andere. Auch in einem Krankenhaus gibt es Ärzte, Schwestern und Pfleger, die sich mehr oder minder gut verstehen. Es ist natürlich ein Luxus, mit Leuten arbeiten zu dürfen, die man mag und die eine ähnliche Humorfrequenz haben.

Was macht für Sie einen echten Kerl aus?

Die Liste ist lang. Ich finde Zivilcourage männlich, und Gelassenheit. Mut. Also das Gegenteil von dem, was unlängst Nigel Farage und Boris Johnson in England präsentiert haben. Das ist für mich die Pussy-Nation schlechthin geworden. Dass die Leute, die den Brexit vehement und lautstark vorangetrieben haben, in dem Moment den Schwanz einziehen, in dem sie Verantwortung übernehmen sollen, finde ich ausgesprochen unmännlich. Es ist unmännlich, Kinder in die Welt zu setzen und dann nicht für sie zu sorgen. Männer sollten Rückgrat und Courage haben und sich auch für Dinge einsetzen, von denen sie selbst vielleicht nichts haben.

Im Film gehören Sie zu einer Truppe, die Wikingertraditionen pflegt. Ist der Antrieb für den Beruf des Schauspielers, in fremde Lebenswelten einzutauchen?

Absolut. Gerade historisch zu drehen, macht einen unglaublichen Spaß. In andere Jahrhunderte einzutauchen, ist großartig. Privat würde ich nicht in einen Wikinger-Club eintreten, aber sich mit Historie auseinanderzusetzen, ist faszinierend. Ich habe Sandalenfilme gedreht, die zur Römerzeit spielten, und "Katharina die Große" gemacht. Ich habe "Rosa Luxemburg" gedreht und natürlich auch Filme, die in der Nazizeit spielen. Es gehört zum Spannendsten in diesem Beruf, in Epochen zu wandeln, die man selbst nur aus den Geschichtsbüchern kennt.

Sie stehen seit über 30 Jahren vor der Kamera. Wie hat sich Ihr Blick auf diesen Beruf verändert?

Total. Als ich anfing, gab es genau zwei Fernsehsender, ARD und ZDF. Man hat Theater gespielt und in den Theaterpausen im Sommer hat man gedreht. Jetzt ist das Theater kein Sprungbrett für den Film mehr, die meisten Leute kommen direkt zum Film. Damit hat sich das Geschäft verändert. Ich sage nicht, dass es schlechter geworden ist. Es ist nur anders geworden.

Waren Sie als junger Schauspieler eitler? Äußerlichkeiten waren mir nie wirklich wichtig. Ich komme noch klassisch vom Theater. Ich habe am Burgtheater in Wien angefangen, ich war am Schauspiel Bonn, in Köln und Zürich. In Berlin habe ich mit Zadek gearbeitet. Ich habe mein Handwerk am Theater gelernt. Dabei war Eitelkeit nicht hilfreich, es ging darum, Engagements zu kriegen, gute Rollen zu ergattern. Zum Film bin ich eher unfallartig gekommen. Ich wurde 1984 von einem jungen Regisseur namens Carl Schenkel von einem Tschechow-Stück am Schauspiel Bonn weg für "Abwärts" mit Götz George engagiert, meinem ersten Film.

Unabhängig davon: Sie sind vielfältig engagiert und unterstützen diverse, karitative Projekte. Gab es ursprünglich einen "Ich muss jetzt etwas tun!"-Moment oder ist diese Überzeugung gewachsen?

Was den Umweltschutz betrifft, ging das schon in meinen Teenagerjahren los, als Greenpeace die ersten spektakulären Aktionen gegen Walfang oder Atomkraft gestartet hat. Ich bin in diesen 70ern sozialisiert und politisiert worden, der Zeit von Willy Brandt, der ersten Anti-AKW-Bewegungen und der Rüstungsspirale. Ich denke mir, wenn man schon mal diesen sogenannten Promi-Bonus hat, sollte man ihn auch für sinnvolle Dinge nutzen. Ich habe ein Podium, das andere Leute nicht haben und die Möglichkeit, Dokumentationen fürs Fernsehen zu drehen. Und das nutze ich einfach. Ich denke, dass wir mit diesem Medium durchaus noch etwas bewegen können. Und das sollten wir tun.

Die Menschen in Deutschland und anderswo treiben momentan große Sorgen um. Wie erleben Sie diese Zeit?

Ich drehe viel in den Ländern, aus denen die Flüchtlinge kommen. Im arabischen Raum ist unsere Delfin-Doku entstanden, die kürzlich im ZDF zu sehen war. Nach Ägypten fährt kein Mensch mehr, die Hotels stehen alle leer, es herrscht eine gigantische Massenarbeitslosigkeit. Es ist ein komplexes Thema. Ein Hauptgrund für den Flüchtlingsstrom ist auch der Klimawandel, auch wenn man das hierzulande nicht gern hört. Momentan sind nach UN-Schätzungen etwa 30 Millionen Klimaflüchtlinge unterwegs, bis 2030 werden es 300 Millionen sein. Das, was wir gerade erleben, ist also nur ein kleiner Vorgeschmack auf das, was noch kommt. Der zweite Grund ist die politische Komponente. In Nordafrika haben die Amerikaner in ihrer Außenpolitik kapitale Fehler gemacht, vor allem Herr Bush. Wir kriegen jetzt die Rechnung dafür. Wir als Europäer, die wir seit über 300 Jahren unseren Wohlstand auf dem Rücken der sogenannten Dritten Welt erwirtschaften, müssen uns nicht wundern, dass diese sogenannte Dritte Welt irgendwann an unserer Pforte kratzt. Es spielt sehr viel Selbstgemachtes mit.

Die Männer in Ihrem aktuellen Film wollen die Asche ihres Freundes im See verstreuen. Haben Sie einen Wunsch für danach, setzen Sie sich mit dem Thema Tod auseinander?

Da mein Vater gerade gestorben ist, ist das natürlich ein Thema für mich. Auch Götz George, mit dem ich viel gedreht habe, ist gestorben. Ich kannte Roger Willemsen gut. Man wird mit dem Thema zwangsweise immer wieder konfrontiert. Ich selbst hätte nichts dagegen, in ein schönes Gewässer verstreut zu werden.

Wie werden Sie Götz George in Erinnerung behalten?

Er war mein filmischer Ziehvater. Alles, was ich über Filmschauspielerei weiß, habe ich von ihm gelernt. Ein großartiger Kollege. Ein schwieriger Kollege. Eigenwillig. Götz George hat Mittelmaß gehasst, nichts hat ihn mehr genervt. Das habe ich an ihm immer am meisten bewundert.

Zu Beginn stand die Frage, was für einen Typen Sie in "Männertag" spielen. Was für ein Typ aber ist dieser Hannes Jaenicke?

Er ist sehr anders als Andi Mauz. Ich lebe weitestgehend zurückgezogen, gern auch mal weit weg vom Geschehen. Ich treibe mich gern dort herum, wo die Zivilisation noch nicht alles glattgebügelt hat. Ansonsten bin ich in der Nähe von Wasser am glücklichsten. Am liebsten bin ich auf einem Boot oder auf dem Surfbrett, wo ich meine Ruhe habe.

Schauspieler und Naturfreund

Hannes Jaenicke wurde 1960 in Frankfurt am Main geboren. Einen Teil seiner Kindheit verbrachte er in den USA. Zum Schauspieler ausgebildet wurde er am Max-Reinhardt- Seminar in Wien. Bis 1989 führten ihn Bühnen-Hauptrollen unter anderem ans Burgtheater und Volkstheater Wien, zu Peter Zadek an die Freie Volksbühne Berlin und ans Schauspiel Köln.

Seinen Durchbruch erlebte er den Angaben seiner Homepage zufolge 1984 mit Carl Schenkels Fahrstuhl-Thriller "Abwärts". 1997 übernahm er die Titelrolle in der Krimi-Reihe "Sardsch", für die er 1998 mit dem Adolf-Grimme-Preis ausgezeichnet wurde. In der RTL-Serie "Post Mortem" spielte er als Gerichtsmediziner in zwei Staffeln die Hauptrolle.

Zahlreiche weitere Filme folgten, darunter ein neuer "Schimanski" mit Götz George, das Drama "Die Minensucherin" und der Film "Bermuda Dreieck Nordsee".

 

Auch Umweltthemen widmet sich Jaenicke. So entstanden mit ihm ZDF-Dokumentationen etwa über Eisbären, Haie und Gorillas. Sie schlossen an den Pilotfilm über Regenwaldvernichtung und vom Aussterben bedrohte Orang Utans an. Zudem schreibt er Sachbücher, darunter "Wut allein reicht nicht - Wie wir die Erde vor uns schützen können". Privat engagiert er sich für verschiedene Organisationen, unter anderem auch für Amnesty International. (kl)

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