Werbung/Ads
Menü
Georg Baselitz schenkte sein drei mal zweieinhalb Meter großes Ölgemälde "Bandit (Remix)" aus dem Jahr 2007 den Kunstsammlungen Chemnitz, wo es jetzt zu sehen ist.

Foto: Jochen Littkemann; C Georg Baselitz

Male, Maler, male!

Die Kunstsammlungen Chemnitz zeigen erstmals ihren kompletten Bestand eines der bedeutendsten deutschen Gegenwartskünstler.

Von Matthias Zwarg
erschienen am 16.04.2018

Chemnitz. Der Künstler spricht durch seine Bilder. Ganz gleich, was er sonst noch sagt. Eines der unscheinbarsten Bilder von Georg Baselitz in der am Montag in den Kunstsammlungen Chemnitz eröffneten Ausstellung zeigt eine ausgestreckte Hand. Eine weibliche Hand, wie der Titel des Bildes erklärt: "Sylvia von Harden (nach Otto Dix)". Eine schöne Referenz an den Künstlerkollegen und an Chemnitz, wo im Museum Gunzenhauser eine der größten Dix-Sammlungen zu sehen ist. Otto Dix hatte die Journalistin Sylvia von Harden 1926 gemalt: Eine stolze, selbstbewusste, Zigarette rauchende Frau in der Weimarer Republik, mit einem Cocktail allein in einer Bar. Sinnbild einer Epoche.

Geblieben ist bei Baselitz die schnell hingekritzelte ausgestreckte Hand - sie reckt sich eher kraftlos ins Blaue hinein, im Sinne des Wortes, niemand ergreift sie, nichts ersehnt sie - anders als die berühmten Hände in Michelangelos Deckengemälde. Hier streckt sich die Hand ins Leere. So ähnlich geht es der Kunst auch manchmal, oft vielleicht sogar. Sie bleibt ein immerwährender Versuch, die Leere zu füllen, die andere Hand, den Nächsten, den Fernsten zu erreichen. Georg Baselitz versucht dies, seit er Kind ist, malt, übermalt, remixt seine Bilder.

Zu sehen ist dies nun in einer kleinen, aber repräsentativen Ausstellung in den Kunstsammlungen anlässlich der Eintragung des Künstlers ins Goldene Buch der Stadt. 51 Werke haben als Schenkung oder Dauerleihgaben in Chemnitz ihr Zuhause gefunden - drei davon ganz neu. Ein Zuhause, das der Künstler für sich selbst nicht immer hatte. Es sei denn, man nennt die Welt, die aus den Fugen ist, sein Zuhause. Baselitz stellte sie seit 1969 auch in seinen Bildern auf den Kopf. Zitiert dies unter anderem in dem Bild "Paint Painter" aus dem Jahr 2007. Es ist zweigeteilt, in der unteren Hälfte ein auf dem Kopf stehender Wald, oben ein hockender Mensch. Zweigeteilt ist auch der "Bandit (Remix)" von 2007.

"Male Maler" - das kann Baselitz am besten. Und malen ist besser, als wie ein Bandit Holocaust und Weltkrieg anzuzetteln - so kann man vielleicht die Figuren in Baselitz Bildern verstehen, die ein Hitlerbärtchen tragen. Das ist eine Provokation, die sich nicht gegen den Betrachter, sondern gegen die Welt richtet, die mehr auf dem Kopf steht, als sie Baselitz je malen könnte. Ein Künstler weiß das - malt trotzdem, deshalb. Eine Porträtreihe zeigt Erich Heckel, Ernst Ludwig Kirchner, Karl Schmidt-Rottluff und Edvard Munch - auch sie alle Chemnitz verbunden. Mit wenigen Strichen in Aquarell und Tusche zeichnet Baselitz hier ein Psychogramm der Künstler: den etwas bedächtigen, vorsichtigen Schmidt-Rottluff, den etwas hochnäsig-spitzbübischen Heckel, den eleganten, hintergründigen Kirchner. Auf dem Kopf steht nur das Bildnis Edvard Munchs, der mit seinen schreienden Kreaturen am weitesten ins unbestellte Land vordrang. Auch die Holzschnitte, "Haus", "Mantel", "Hirte", "Rute", allesamt Remixe früherer Bilder, sind Beispiele für die Expressivität von Georg Baselitz, die sich hier manchmal allerdings im fast Unerkennbaren verliert.

Eine ganze Wand nehmen die Skizzen zum Bühnenbild der Chemnitzer Inszenierung der Oper "Le Grand Macabre" von György Ligeti ein, die 2013 mit großer Resonanz uraufgeführt wurde. Das ironische, teilweise derbe Weltuntergangsdrama hat Baselitz in wunderbar leicht- händige, luftige Bilder gefasst. Auf den Inseln der Glückseligkeit, die auch die Inseln der Unbedarftheit, des Unwissens und der Unbekümmertheit sind, räkeln sich die Bewohner von Breughelland. Und so, wie in "Le Grand Macabre" der Weltuntergang dann trotz Kometeneinschlags doch nicht eintritt - weil die Protagonisten zu betrunken, zu verkatert oder zu verliebt sind, weil sie es einfach nicht wahrhaben wollen - so können weder der Künstler selbst noch der Betrachter die Kunst groß oder klein reden. Male, Maler, male - immer weiter - der Künstler spricht durch seine Bilder - und wir sprechen dann darüber, was dabei herausgekommen ist.

Die Ausstellung "Georg Baselitz" mit Arbeiten des Künstlers ist bis 8. Juli in den Kunstsammlungen Chemnitz zu sehen. Geöffnet dienstags bis sonntags 11 bis 18 Uhr. kunstsammlungen-chemnitz.de

 

 

"Ein O-Ton für alle": Georg Baselitz am Montag bei der Eröffnung einer Ausstellung seiner Werke in den Kunstsammlungen Chemnitz. Foto: Uwe Mann

Foto: Uwe Mann

Quell der Fragen

Für Kunststar Georg Baselitz ist Widerspruch eine Kernaufgabe - auch, wenn er dabei provokant wehtut.

Von Tim Hofmann

Man würde gern einiges hören von Georg Baselitz. Zeitlebens hat der Maler, verbal durchaus in der Biermann-Klasse unterwegs, mit Äußerungen polarisiert. Also stellte sich am Montag die Chemnitzer Künstlerin Dagmar Ranft-Schinke bei der Feierstunde zur Ausstellungseröffnung zwischen das Goldene Buch der Stadt und Baselitz: Er solle sich entschuldigen dafür, dass er einst ihren Lehrer Wolfgang Mattheuer und andere DDR-Maler als "Arschlöcher" bezeichnete. Ein Künstler muss widersprechen, findet Baselitz - und er scheute nicht die Gegenrede, selbst nicht bei dieser alten Geschichte, die längst Mem ist und daher auch in kaum einem Zeitungsartikel über den Maler fehlt: Mattheuer sowie Willi Sitte, Bernhard Heisig und Werner Tübke hatte er damit ihre Staatsnähe in der DDR vorgeworfen - wie er auch Westkünstlern wie Joseph Beuys oder Jörg Immendorff für ihr aus seiner Sicht prinzipiell politisches Engagement angriff: Künstler, so sein Credo, sollten Außenstehende sein. Doch wie debattiert man auf einer Feier, die vor allem den unstrittig großen Künstler ehren will? Die Chemnitzer Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig moderierte den Zwischenfall charmant ab: "Das ist nicht der richtige Ort." Baselitz mache es einem nicht immer leicht, aber genau das gehöre zu seinem Leben. Leicht macht er es auch zur knappen Pressekonferenz nicht, nachzufragen: "Ein O-Ton für alle", hieß es. In wenigen Worten erklärte der Kunststar, dass ihn seine Verehrung für Karl Schmidt-Rottluff mit Chemnitz verbinde - und lobte das Engagement der Museumschefin Ingrid Mössinger. Das klang warm, wach, aufrichtig. Und so pointiert wie seine in den letzten Wochen veröffentlichten Sätze vom "verdorrten Deutschland" und dem "vernünftigen Politiker Trump". Jeder provokante Zwischenruf kann da nur plakativ wirken. Unmöglich, etwas auszuloten in so einer künstlichen Situation - geschaffen, um Schlagzeilen und Bilder zu produzieren, die beide Seiten brauchen. Ein Künstler ist eben nicht Quell der Antworten, sondern der Fragen.

 

 
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
0
Kommentare
0
Kommentieren (für Digital- und Printabonnenten)

Lesen Sie auch

Bildergalerien
  • 26.04.2018
Hauke-Christian Dittrich
Bilder des Tages (26.04.2018)

Protest, Kunst aus Indien, Nebel, Ringsherum Dunkelheit, Auf in die Zukunft, Gegen die Flammen, Im Betrieb ... ... Galerie anschauen

 
  • 19.04.2018
Uwe Mann
Ende einer Ära: Abschied von Ingrid Mössinger

Am Freitag macht Chemnitz sie zur Ehrenbürgerin: Ingrid Mössinger. Die Museumschefin geht. Nach fast 22?Jahren. ... Galerie anschauen

 
  • 19.04.2018
Marius Becker
Bundeskunsthalle in Bonn zeigt Werk von Marina Abramovic

Bonn (dpa) - Es ist laut. Markerschütternde Schreie und heftiges Schlagen dringen aus den Ausstellungsräumen. Und ein Hacken, als würde ein Koch Karotten schnippeln. Doch die schwarz-weißen Fotos verraten: Es ist das Werk «Rhythm 10» von Marina Abramovic. zum Artikel ... Galerie anschauen

 
  • 17.04.2018
Christian Charisius
Bilder des Tages (17.04.2018)

Überflieger, Selfie, Löscheinsatz, Brauner Bär, Essensverteilung, Symmetrisch, Drehmoment ... ... Galerie anschauen


 
 
 
 
 
am meisten ...
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
|||||
mmmmm