"Mein Film ist ein Liebesbrief"

"Lady Bird" wurde für mehrere Oscars nominiert, nun kommt der Film in die deutschen Kinos - Regisseurin Greta Gerwig über Erfolg, Regeln und ihre Zuckerseiten

Sie ist Autorin, Schauspielerin und Regisseurin: Greta Gerwig. Schon während ihres Studiums schrieb sie Theaterstücke; auf der Leinwand war sie zunächst in Untergrund-Produktionen zu erleben, bevor sie mit Filmen wie "Greenberg" und "Jahrhundertfrauen" zur gefragten Charakter-Schauspielerin avancierte. Für den Film "Lady Bird", der jetzt in den Kinos anläuft, zeichnet die 34-Jährige als Autorin und Regisseurin verantwortlich - der Film erhielt mehrere Oscar-Nominierungen. Erzählt wird die Geschichte einer komplizierten, aber liebevollen Mutter-Tochter-Beziehung. Im Mittelpunkt steht die 17-jährige, rebellische Christine (Saoirse Ronan), die sich selbst "Lady Bird" nennt. André Wesche hat sich mit Greta Gerwig über ihre eigene Jugend, den überraschenden Erfolg ihres Films und Smartphones am Filmset unterhalten.

Freie Presse: Sind Sie Lady Bird, Greta Gerwig?

Greta Gerwig: Lady Bird ist das genaue Gegenteil von mir in Teenagerzeiten. Ich wollte nie mit einem anderen Namen angesprochen werden und ich habe mir nie die Haare rot gefärbt. Ich bin den Regeln gefolgt und wollte meinen Mitmenschen gefallen. Als ich das Drehbuch schrieb, wollte ich ein Mädchen zeigen, das erstaunlich viele Fehler hat, aber auch sehr mutig und bewundernswert ist. Vielleicht war das mein Weg, ein Leben zu erforschen, das ich mit 17 selbst nie führen konnte. Ich hätte mir gewünscht, wie Lady Bird zu sein. Saoirse und ich haben häufig darüber gesprochen. Sie war mit 17 auch ganz anders, sie hatte nicht dieses unerschütterliche Selbstvertrauen. Lady Bird hat ein Selbstvertrauen, das geradezu berauschend ist. Die Figur schrieb sich von selbst. Sicherlich gibt es auch Parallelen. Auch ich stamme aus Sacramento und habe katholische Mädchenschulen besucht. Lady Birds Umfeld ist also sehr real. Sie selbst ist die Erfüllung eines Traums.

Trägt die Mutter-Tochter-Beziehung autobiografische Züge?

Die Filmmutter unterscheidet sich doch deutlich von meiner eigenen. Die Beziehung ist weniger autobiografisch, aber sie fühlte sich für mich sehr echt an. Ich sage immer, dass sie sich auf die Wahrheit reimt. In meinem familiären und freundschaftlichen Umfeld mangelt es nicht an inspirierenden Mutter-Tochter-Beziehungen. Wenn man eine beliebige Frau auf der Straße nach ihrem Verhältnis zu ihrer Mutter fragen würde, würde sich die Antwort wohl selten auf einen Satz beschränken. Niemand würde einfach nur sagen, es sei großartig. So etwas existiert nicht. So eine Beziehung ist komplex und nuancenreich und wunderschön. Mir ging es darum, eine Dualität herauszuarbeiten. Im Kino sind Mütter entweder Monster oder Engel. Es ist schwer, einfach ein menschliches Wesen zu zeigen, das sein Bestes tut. Ich wollte eine Mutter, die Fehler macht, von der man aber immer weiß, wie sehr sie ihre Tochter liebt.

Was für ein Gefühl war es, für den Oscar nominiert zu werden?

Es war absolut außergewöhnlich. Es hat mich sehr bewegt, als Autorin und Regisseurin berücksichtigt worden zu sein. Ich hoffe, dass diese Tatsache andere Frauen dazu ermutigt, ihre eigenen Filme zu machen. Ihre Stimme wird gehört. Ich erinnere mich daran, wie Kathryn Bigelow als erste Frau den Oscar für die Beste Regie überreicht bekam. Das hat mir persönlich sehr viel bedeutet. Es ist wichtig, dass solche Signale gesetzt werden. Ich freue mich auch, in einem Jahr nominiert zu sein, in dem auch die erste Kamerafrau für den Oscar vorgeschlagen ist. Rachel Morrison hat es dermaßen verdient.

Wie haben Sie den Siegeszug Ihres Filmes erlebt?

Wie "Lady Bird" aufgenommen und gefeiert wird, übersteigt meine eigenen wildesten Träume und auch die der Schauspieler und der Crew. Natürlich hofft man immer das Beste, aber so etwas kann niemand vorausahnen. Es ist sehr bewegend für mich, den Film nun auf verschiedenen Festivals zu begleiten und mit vielen verschiedenen Menschen reden zu dürfen. Obwohl diese Geschichte eine sehr spezifische ist, scheinen sich doch viele Leute damit zu identifizieren. Sie sagen mir, dass sie noch nie von Sacramento in Kalifornien gehört haben, aber von einem sehr ähnlichen Platz stammen und die Dynamik der Geschichte deshalb gut nachvollziehen können. Ja, wir alle sind hin und weg vor Freude.

Wie haben Sie Ihre Hauptdarstellerin Saoirse Ronan gefunden?

Ich habe meine "Lady Bird" lange nicht gefunden. Saoirse bekam das Drehbuch und ließ mich wissen, dass sie es liebt. 2015 haben wir uns beim Toronto-Filmfestival getroffen. Wir haben das Drehbuch laut vorgelesen, sie die Dialogzeilen von Lady Bird und ich alle anderen. Mich beschlich das ausgeprägte, aufregende Gefühl, plötzlich dieser jungen Frau gegenüberzustehen, die bislang nur in meiner Vorstellung existierte. Saoirse ist eine hochbegabte Schauspielerin und ihr junges Alter überrascht mich nach wie vor. Etwas an ihr vermittelt den Eindruck, dass sie schon viele Leben gelebt hat. Sie ist schonungslos ehrlich, alles, was von ihr kommt, entspringt einer völligen Offenheit. Auch wenn es witzig oder komisch wird, spürt man dahinter immer diese Wahrhaftigkeit.

Um ein Thema des Films aufzugreifen: Sind Sie jetzt die allerbeste Version Ihrer selbst?

(lacht) In dieser Minute vielleicht nicht. Ich leide unter dem Jetlag. Ich würde sagen, ich bin die beste Version von mir, wenn ich Regie führe. Wenn ich mit den Schauspielern und der Crew am Drehort bin, werde ich irgendwie größer als die Summe meiner Teile. Ich weiß nicht, ob es an dieser Umgebung liegt oder an der kooperativen Natur des Filmemachens. Aber plötzlich habe ich Zugriff auf meine besten Seiten.

Was für eine Art Regisseurin sind Sie?

Ich bin wohl sehr konkret. Ich weiß genau, was ich erreichen möchte. Ich habe dieses Drehbuch geschrieben. Aus der Zusammenarbeit mit Noah Baumbach (Gerwigs Lebensgefährte, Anm. d. Red.) habe ich gelernt, sehr nah am geschriebenen Wort zu bleiben. Das habe ich auch bei "Lady Bird" beibehalten. Ich mag es, wenn Dialogzeilen so ausgesprochen werden, wie ich sie geschrieben habe. Andererseits möchte ich von meinen Schauspielern auch überrascht werden. Ich möchte, dass sie sich zu 100 Prozent in ihrer Rolle fühlen, aber ich habe auch keine Geheimformel, die das garantiert. Ich möchte, dass sie eine rundum stimmige Person erschaffen. Proben sind mir sehr wichtig. Die Schauspieler sollen miteinander warm werden können und sich auch trauen, in meiner Gegenwart etwas auszuprobieren. Ich bereite mich sehr gründlich mit dem kreativen Team vor: mit dem Produktionsdesigner, dem Kameramann, dem Kostümdesigner. Ich verwende so viel Zeit wie nur möglich darauf, dass alle am Ende eine gemeinsame Sprache sprechen. Beim Dreh ist die Zeit der Diskussionen aber vorüber.

Können Sie beim Dreh auch zum Diktator werden?

Ich war schon an vielen Drehorten und ich weiß schon weit im Voraus, wenn mich etwas zornig machen könnte. Deshalb umgebe ich mich von vornherein nur mit Menschen, bei denen ich weiß, dass ich 14 Stunden am Tag mit ihnen verbringen möchte. Ich stelle ein paar Grundregeln auf, um für eine gute Arbeitsatmosphäre zu sorgen. Smartphones am Set sind tabu. Sie sind eine gewaltige Quelle der Zerstörung. Besonders für einen Schauspieler, der bei der Arbeit sieht, wie sich jemand mit Instagram oder was weiß ich beschäftigt. Das reißt dich völlig heraus. Solche Dinge regle ich im Voraus, damit ich nicht plötzlich zu einer Person mutieren muss, die alle anschreit.

Wie reagiert man in Sacramento auf den Film?

Wir haben dort eine Vorpremiere gefeiert. Sie war erstaunlich emotional. Meine ganze Familie war dort, der Bürgermeister, mein ehemaliger Lehrer und Leute, mit denen ich aufgewachsen bin. Sie haben den Film geliebt, das hat mich glücklich gemacht. Schließlich ist mein Film als Liebesbrief gemeint, auch wenn Lady Bird darum kämpft, die Stadt zu verlassen. Aber der Platz, den sie hinter sich lassen möchte, ist eigentlich wunderschön.

Zwischen Schreiben, Spielen und am-Set-Dirigieren - die vielen Talente der US-Amerikanerin

Greta Celeste Gerwig kam am 4. August 1983 in der kalifornischen Hauptstadt Sacramento zur Welt. Sie ist die Tochter einer Krankenschwester und eines Finanzexperten und hat eine Schwester. Gerwig besuchte eine katholische Schule und entdeckte rasch ihre Liebe für das Theater. Zunächst aber schrieb sie sich nach ihrem Umzug nach New York an der Universität in den Fächern Philosophie und Englisch ein.

Parallel zum Studium versuchte sich die Schauspielerin in spe erfolgreich als Theaterautorin, auch stand sie mit einer Comedy-Truppe auf der Bühne. 2006 erhielt sie ein Schriftsteller-Stipendium. Zur selben Zeit wagte sie in Eigenregie erste Schritte in Richtung Film. Dabei kam ihr das Erstarken der "Mumblecore"-Bewegung entgegen, die es erlaubte, Filme für wenig Geld mit Handkameras und einem hohen Maß an Spontaneität zu drehen. 2008 trat Gerwig mit "Nights and Weekends" erstmals als Autorin und Co-Regisseurin in Erscheinung.

International bekannt wurde sie aber zunächst als Darstellerin. In erfolgreichen Independent-Produktionen wie "Greenberg", "To Rome With Love" oder "Frances Ha" etablierte sich Gerwig als eines der interessantesten neuen Gesichter der Branche. Bei den Arbeiten zu letzterem Film lernte sie Regisseur Noah Baumbach kennen, mit dem sie seither privat und beruflich ein Team bildet.

Derzeit feiert Greta Gerwig als Filmemacherin ihren größten Erfolg. Ihre Tragikomödie "Lady Bird" erzählt die Geschichte von Christine, genannt "Lady Bird". Die 17-Jährige wächst in einer halbwegs funktionierenden Familie auf und besucht eine katholische Schule. "Lady Bird" hat ein unerschütterliches Selbstbewusstsein und traut sich Dinge zu, die mit ihren wahren Fähigkeiten nicht immer vereinbar sind. Mutter Marion versucht ihre Tochter streng, aber liebevoll auf den richtigen Weg zu führen, beißt damit aber häufig auf Granit. Der Film wurde in den Kategorien Bestes Originaldrehbuch, Beste Regie, Bester Film, Beste Hauptdarstellerin und Beste Nebendarstellerin für den Oscar nominiert.

Dieser Beitrag erschien in der Wochenend-Beilage der Freien Presse.

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