Meister aus dem Vogtland hat freie Bahn

Beim Festkonzert aus Anlass des 400. Geburtstags von Johann Rosenmüller ziehen Spezialisten aus Leipzig und qualifizierte einheimische Mitstreiter an einem Strang.

Oelsnitz/Reichenbach.

Unvermittelt hervorsprudelnde Figurationen, jähe Umschwünge in der Stimmung, reichlich kurvige Gänge der Harmonien, unverdrossen aneinandergereihte immer neue Motive, überraschend knappe Schlüsse - es war keine leichte Kost, die da am Donnerstag über anderthalb Stunden in der Oelsnitzer St.-Jakobi-Kirche und am Freitag in der Reichenbacher Trinitatiskirche geboten wurde. Der ungeteilte Beifall war nicht allein darin begründet, dass es sich bei dem gewürdigten Komponisten um einen Einheimischen handelte. Jener Johann Rosenmüller wurde vermutlich im August 1617 im vogtländischen Oelsnitz geboren, wirkte später in Leipzig, Hamburg, Venedig und Wolfenbüttel und starb in der niedersächsischen Residenz im September 1684.

Der in diesem Jahr anstehende 400. Geburtstag des Barockmeisters veranlasste das Leipziger Ensemble 1684, das sich vorrangig der Rosenmüller-Pflege widmet, im Vogtland Partner für ein Festkonzert zu suchen. Man wurde fündig, und so waren in den genannten Kirchen der Oelsnitzer Kantatenchor, das Oelsnitzer Julius-Mosen-Gymnasium sowie die Musikschulen Oelsnitz und Reichenbach in jeweils unterschiedlichen Konstellationen mit von der Partie. Insgesamt dürften über 100 Akteure zusammengekommen sein, Lokalmatadore, denen Zustimmung und Anerkennung der Zuhörer sicher waren. Aber mit den lokalen Beiträgen war auch ein Erkenntnisgewinn verbunden. Ob das "Ich hielte mich nicht dafür", interpretiert vom heimischen Kantatenchor, das "Die Gnade unsers Herren Jesu Christi", das der Chor des Gymnasiums sang, oder die vom Musikernachwuchs gespielte Suite aus Rosenmüllers Studenten-Music - all das klang öfter eine Spur kompakter, heutiger als die Interpretationen der Gäste. Zum einen lag das an der zahlenmäßig stärkeren Besetzung der einzelnen Stimmen, zum anderen an der letztlich doch mehr dem Hier und Heute verpflichteten Musizierweise der Ausführenden.

Andererseits war es so, dass das von Gewandhauschorleiter Gregor Meyer umsichtig und enthusiastisch zugleich geführte, vier Sängerinnen, vier Sänger und sieben Instrumentalisten starke Ensemble 1684 auch die schwierigeren Kompositionen zu bewältigen hatte. Dazu zählte das in Italien entstandene "Ich lobe und grüße dich, Jesus", bei dem man den Eindruck gewinnen konnte, dass Sopran, Alt, Tenor und Bass einen Wettstreit auf Biegen und Brechen austragen. Auch das leichtfüßig beginnende, an Spannung und Dynamik stetig zulegende "Fürchte dich nicht" hatte es in sich. Eine bewundernswerte gemeinschaftliche Leistung war bei "Christus ist mein Leben" zu erleben. Hier kam der Kantatenchor dazu, der vor allem dem Schlusschoral zusätzlich Kraft und Ausdruck verlieh.

Johann Rosenmüller gilt in der Fachwelt und unter den unbedingten Anhängern der Barock-Musik als gewichtige Größe, wird als unentbehrliches Bindeglied zwischen Heinrich Schütz und Johann Sebastian Bach betrachtet. Das in Oelsnitz und Reichenbach auf die Beine gestellte Festkonzert war - es gab vor Jahren schon einmal ein Kerll-Rosenmüller-Fest - ein weiterer begrüßenswerter Versuch, das Werk des Vogtländers breiteren Kreisen zugänglich zu machen. Die an beiden Abenden eindrucksvoll aufgeführten Werke standen für das Farbige, teils herrlich Ungeregelte, nicht konsequent Zielgerichtete, was der Kirchenmusik vor Bach von Teilen der Zuhörerschaft zugutegehalten wird. In punkto künstlerischer Substanz legt das jüngste Hörerlebnis nahe, Rosenmüller als einen Musiker neben anderen zu sehen. Ob er in punkto Erfindungskraft an einen Schütz heranreicht, ob er in Sachen Klangzauber seinen vogtländischen Landsmann Sebastian Knüpfer übertreffen kann, das sind einige der Fragen, die zu untersuchen wären.

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