Mit viel Trickserei

Klar, den Sandmann kennt irgendwie jeder. Aber wissen Sie noch, wer Matrose Heiner oder wer der Arbeitsschutzbeauftragte Theo waren? Und warum es im Kasperle-theater Alarm gab? Es sind Geschichten, die im Trickfilmstudio der Defa in Dresden geschrieben wurden.

Mehr als 2000 Filme, davon nach neuestem Stand 950 Defa-Eigenproduktionen fürs Kino, der Rest Auftragsarbeiten fürs DDR-Fernsehen: Das ist die beeindruckende Bilanz der Defa-Trickfilmstudios, lange bevor computeranimierte 3D-Figuren über die Kinoleinwände flimmerten. 1955 in Dresden gegründet und aus Potsdam outgesourct, wie es heute heißen würde, produzierten die Studios Kinohelden und Kinderträume am laufenden Band.

In der Anfangsphase experimentierte man vor allem mit unterschiedlichsten Animationstechniken, und konnte dabei aus dem vollen Trick-Repertoire schöpfen: Puppen- und Zeichentrick, Silhouetten- und Handpuppenfilme.

Die technische Ausstattung war zunächst mangelhaft, entsprach weder dem internationalen Niveau, noch war sie für das immense Auftragsvolumen geeignet - man kam kaum hinterher. Der 1962 vorgesehene Studioneubau sollte endlich modernere Technologien ermöglichen, fiel jedoch den Ausgaben für die Kuba-Krise zum Opfer. Erst Anfang der Siebzigerjahre erfolgte der Studio-Umbau, der dafür sorgte, dass das Defa-Trickfilmstudio kurzzeitig zum modernsten in Europa avancierte - im Bereich des Silhouettenfilms setzte man international Maßstäbe.

Die Filme waren häufig künstlerisch ansprechend, progressiv und virtuos umgesetzt, ambitioniert und frei gestaltet, dafür aber nicht frei von politischen Indoktrinationen: So war es Aufgabe gewesen, ideologisch wertvolle und moralisch einwandfreie Filme zur Erbauung der jungen Generation zu drehen. Auch hier fielen viele Filme im Nachhinein der staatlichen Zensur zum Opfer, zum Beispiel wenn ein Film die Grenzen des sozialistischen Realismus sprengte.

Nach der Wende wurde aus dem VEB, der zu Spitzenzeiten 250 Mitarbeiter zählte, schnell eine Kapitalgesellschaft, und alle Bemühungen zum Erhalt des Studios scheiterten. 1992 erfolgte die Abwicklung, das Studio wurde an den MDR verkauft und in die Drefa Filmatelier GmbH umgewandelt.

Viele Produktionen aus der Defa-Zeit aber sind heute noch ein Begriff, und wie im Fall des Sandmanns lassen sie sich auch nicht unterkriegen. Eine kurze Erinnerungsreise:

1958: Däumelinchen Die animierte Märchenadaption nach Hans-Christian Andersen klingt heute fast schon nach einer fantastischen Fluchtparabel: Däumelinchen wird in einem Blumenkelch geboren und entdeckt anschließend die abenteuerliche Welt des Ökosystems Wiese. Nachdem jedoch ein Herbststurm Däumelinchens Heimatblume zerstört hat, gewährt ihr eine Feldmaus Asyl. Däumelinchen kümmert sich in deren Höhle um eine ebenfalls vom Sturm angeschlagene Schwalbe. Doch als die Feldmaus sie mit einem Maulwurf zwangsverheiraten will, flieht das kleine Däumelinchen mit Hilfe der wieder genesenen Schwalbe in den Süden.

1959: Der Sandmann Rote Zipfelmütze und überlanger Ziegenbart: Der eifrige Einschlafgehilfe wurde zwar nicht in Dresden, sondern in Mahlsdorf produziert, ist aber eine Defa-Trickanimation und wohl die berühmteste Puppe des DDR-Fernsehens. Das nimmermüde Metaphernmännchen, animiert als Stop-Motion-Trickfigur, steht seit mehr als 50 Jahren nun schon für das - vor allem von Erwachsenen nostalgisch verklärte - Ritual des Augen-Reibens und Müdigkeit-Vortäuschens, so als hätte man die glitzernden Schlafkörner tatsächlich ins Auge bekommen. Schon 1956 lief der Abendgruß im Hörfunk, ab 1959 auch im Fernsehen. Das Sandmännchen, dem man einen umfassenden futuristischen Fuhrpark bescheinigen kann, erzählte überwiegend Alltagsgeschichten, ging aber auch gerne auf Reisen - allen voran in sozialistische Länder oder auf den neutralen Mond, es besuchte die NVA und ein Pionierlager. Und: Es bot vielen anderen Defa-Puppen ein Sprungbrett für spätere Karrieren. 1978 flog der Sandmann mit Sigmund Jähn ins Weltall und heiratete auf der Raumstation die russische Puppenkollegin Mascha.

1960: Alarm im Kasperletheater ist eigentlich ein 1958 erschienenes Kinderbuch des Autors Nils Werner, illustriert von Heinz Behling: Der kleine Kasper soll Pfannkuchen für den Geburtstag seiner Oma besorgen, wird dabei jedoch von einem Teufelchen getrollt. Verschiedene Kasperletheater-Bewohner, darunter ein Räuber, ein König, ein Gendarm und ein Krokodil, gehen auf Teufeljagd. Dieser flüchtet sich auf eine Wolke, überfrisst sich dort gnadenlos am gigantischen Gebäck-Berg und wird mit fiesen Bauchschmerzen bestraft, die seine Teilnahme an den Feierlichkeiten verhindern. 1960 verfilmte die Defa die Geschichte als Zeichentrick - die 16-minütige Version wurde nicht nur beim internationalen Filmfestival Neu-Delhi mit der Silbernen Lotusblüte ausgezeichnet, sie wurde vor allem zum Kult in der DDR.

1960: Krawall im Stall Ein tierischer Film Noir, ein künstlerisch ansprechender Puppenfilm für Erwachsene, in dem die Kuh Flora und das Schwein Jolanthe Zeuge eines Schweine-Aufstandes gegen Massentierhaltung werden. Die Schweine - die gegen ihre Unterbringung rebellieren - fordern Sauberkeit und Selbstbedienung, Geselligkeit statt Einzelbuchten. Eine Art Arbeiteraufstand im Schweinestall also, an dessen Ende das Stallsystem umgebaut und eine neue Futtermischanlage installiert wird. Ein Schweinechor singt, und alle sind glücklich.

1964 bis 1986: Spielzeugkiste In der Spielzeugkiste des Kinderzimmers stecken das Püppchen Sylvia, das Mädchen Karline, der Matrose Heiner, eine Giraffe namens Emilie und Brummi, der Teddybär. Doch sie verstauben nicht etwa vergessen in einer Ecke, sie erleben zusammen viele bunte Abenteuer und unterhalten sich dabei ausschließlich in Reimform, was vielleicht daran liegt, dass ihr Urvater der Dichter Walter Krumbach war. Ab 1964 lief die "Spielzeugkiste" als Abendgruß im Fernsehen - die Augsburger Puppenkiste des Ostens wurde mit derselben Tricktechnik animiert wie der Sandmann.

1971: Der arme Müllerbursch und das Kätzchen ist ein Märchen, niedergeschrieben in den Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm, 1971 von der Defa verfilmt. Der alte Müller hat seine Mühle demjenigen seiner drei Knechte versprochen, der ihm am schnellsten das beste Pferd bringt. Einer der drei Knechte ist Hans, und weil Hans jung ist und nicht besonders vertrauenserweckend scheint, wird er von seinen beiden Weggefährten im Wald zurückgelassen. Dort gerät er an ein buntes Kätzchen, das ihm ein Pferd verspricht, wenn er ihm sieben Jahre lang dient. Die Katze lebt in einem verwunschenen Schloss zusammen mit anderen bunten Kätzchen, die abends musizieren wie die Aristocats. Hans schmeißt den Haushalt und zimmert ein einfaches Haus - und verdient sich damit am Ende nicht nur ein Pferd, sondern auch die Gunst der Prinzessin. Die Defa machte aus diesem Stoff einen populären Trickfilm.

1973 bis 1987: Mit Jan und Tini auf Reisen Die beiden unternehmungslustigen Puppen Jan und Tini fahren mit ihrem kleinen roten, später silbernen Cabrio ("Silberhummel") durch die Lande und entdecken dabei die DDR: zum Beispiel den Dinosaurier-Park in Hoyerswerda, eine Porzellanfabrik, eine Poliklinik. Ihre Reise führt sie nach Berlin, ins Trickfilmstudio, zu den Straßenbahnen, zur Feuerwehr: ein Klassiker des DDR-Kinderfernsehens.

1981: Die fliegende Windmühle Olli schämt sich: Ihre Noten sind schlecht, und deshalb rennt sie vorsichtshalber gemeinsam mit ihrem Hund Pinkus und dem eitlen Pferd Alexander von Zuhause weg. Während eines Regenschauers suchen sie Schutz in einer alten Windmühle, in der ein kauziger Professor gemeinsam mit einem Krokodil namens Susi lebt, und an einer ominösen Maschine bastelt. Durch einen Zu- und Zwischenfall mit der Maschine hebt die Windmühle ab und schwebt ins Weltall - die eher etwas launige Olli und ihre Freunde werden zu Kosmonauten, die verschiedene Planeten entdecken. Sie geraten in einen vulkanischen Sinnes-Nebel, finden Spiegelei-Pflanzen und natürlich auch außerirdische Lebensformen. Nach dieser intensiven Bildungsreise beschließt Olli, Vulkaningenieurin zu werden. Als Stop-Motion animierter Puppentrick wurde der liebevoll schrullige Film drei Jahre lang in Dresden produziert, und ist auch heute durchaus noch beliebt.

70er- und 80er-Jahre: Theo und der Arbeitsschutz: Das Trickfilm-Studio produzierte Puppentrick-Filme mit Theo - als Lehrmaterial für achtsame Erwachsene im Arbeiterstaat. Als Leitmotiv der Filmserie diente das nicht sonderlich erquickliche Thema Arbeitsschutz. Der multitalentierte Arbeiter Theo warnte vor den Gefahren in der Arbeitswelt. Zum Beispiel in der Folge "Theo und der Flirt". Andere Folgen befassten sich mit Theos Schuhwerk, Werkzeug, Schutzbrille, Sauberkeit oder mit Theo an der Ständerbohrmaschine.

1989: Die Spur führt zum Silbersee Frei nach Karl May verfilmte Regisseur Günter Rätz die Abenteuer von Old Shatterhand als Puppentrick: Winnetou und Co. begeben sich auf die Jagd nach dem Vermächtnis des Indianerhäuptlings Großer Bär, dem Schatz im legendären Silbersee, und stellen dabei dem böswilligen Banditen Cornel Brinkley nach. Auch hier darf es natürlich kein Western-Ende ohne großen Showdown geben, bei dem die Friedenspfeife geraucht und der gerissene Gangster von den Wassermassen des Silbersees verschluckt wird. Nach drei Jahren Drehzeit kam der Film 1990 in die Kinos, ging im Trubel der Wendezeit allerdings kommerziell unter - in der BRD lief der Film als fünfteilige Serie im Kinderprogramm der ARD. Auf die eigentlich geplante Fortsetzung wurde wegen des kommerziellen Misserfolges dann doch verzichtet.

Der Film sollte eine der letzten Produktionen des Dresdner Trickfilmstudios sein.

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