Mitropa-Geschirr: In der Form vollendet

Margarete Jahny war die wohl bedeutendste Formgestalterin der DDR. Am Sonntag ist sie im Alter von 93 Jahren gestorben. Ihr Nachlass wird in Chemnitz bewahrt.

Chemnitz.

Tassen, Teller, Kaffeekännchen von Margarete Jahny hatte so ziemlich jeder DDR-Bürger in der Hand - ohne den Namen der Formgestalterin zu kennen. Das "Mitropa-Geschirr" aus dem Porzellanwerk Colditz, das sie gemeinsam mit Erich Müller 1969/70 entwickelt hatte, wurde in vielen Tausend Exemplaren produziert und überall dort verwendet, wo eine größere Zahl von Gästen zu verköstigen war.

Die Keramikerin Margarete Jahny steuerte die Grundform mit ihren leichten Verzierungen an dem Geschirr bei, ihr kongenialer Partner bei der Gestaltung, Erich Müller, sorgte für die bis heute bestechende robuste Funktionalität. Das Geschirr war, auch in großen Mengen, stapelbar, sehr langlebig, die Kaffeekanne dank eines speziellen Deckels einhändig zu bedienen. Daher wohl auch der eigentliche Name des Geschirrs: "Rationell". Nach der Wende wurde es meist aussortiert, landete auf den Wühltischen von Flohmärkten - inzwischen wird das Porzellan mit seinem zeitlos schönen und praktischen Design wiederentdeckt. Zuvor teilte die 1923 in Mittenwalde geborene Margarete Jahny das Schicksal vieler Formgestalterinnen und Formgestalter der DDR: Sie wurden kaum beachtet, nur selten gewürdigt.

Das beginnt sich zu ändern, auch dank des Chemnitzer Formgestalters Karl Clauss Dietel, der Margarete Jahny persönlich kannte und sie für "die wichtigste Formgestalterin der DDR" hält, eine würdige Nachfolgerin der Chemnitzer Bauhaus-Künstlerin Marianne Brandt, bei der Jahny ebenso studiert hatte wie bei dem niederländischen Architekten und Designer Mart Stam, der von 1948 bis 1952 in der DDR lebte, an den Kunsthochschulen Dresden und später Berlin-Weißensee versuchte, den positiven Geist des Bauhauses wiederzubeleben, bevor er der Formalismusdebatte zum Opfer fiel und das Land wieder verließ.

Margarete Jahny war nach ihrem Studium in Dresden und Berlin von 1955 bis 1963 künstlerisch-wissenschaftliche Mitarbeiterin im Institut für angewandte Kunst Berlin, danach bis 1972 Mitarbeiterin am Zentralinstitut für Gestaltung Berlin, wo sie mit Erich Müller zusammenwirkte. Bis 1979 arbeitete sie wiederum wissenschaftlich am Amt für Industrielle Formgestaltung, Fachrichtung Glas, Keramik und Porzellan. Danach war sie an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee zunächst als Mitarbeiterin, ab 1983 mit Lehrauftrag tätig.

Zu ihren bedeutenden Gestaltungen für die Industrie gehören neben dem Hotelgeschirr "Rationell" der Pressglassatz "Luzern" und das stapelbare Pressglassortiment "Europa". Ihre metallene Isolierkanne aus den 1960er-Jahren hält der aus Zwickau stammende Designexperte Günter Höhne sogar für die "bis heute schönste Kanne der Welt", wie er in einem Interview mit der "Taz" sagte. Auch Karl Clauss Dietel würdigt Margarete Jahny: "Ich habe sie seit Jahrzehnten gekannt und geschätzt." Kennengelernt habe er die Gestalterin, als er in den 1960er-Jahren mit seinem Freund und Kollegen Lutz Rudolph am Berliner Institut für angewandte Kunst arbeitete. "Damals waren viele gute Leute dort, die sich mit den Besten Europas messen konnten", sagt Dietel. "Besonders hat mich Margarete Jahnys integre Haltung beeindruckt. Sie versuchte, ihre Dinge konsequent durchzusetzen. Sie war nicht opportunistisch." Sie sei weder der Bürokratie noch dem "paramilitärischen Wirtschaftssystem" in der DDR erlegen. Jahny habe das Erbe des Bauhäuslers Wilhelm Wagenfeld in der Glasgestaltung aufgenommen, habe "plastisch verantwortungsvoll und differenziert" gearbeitet, so Dietel - ganz seinem eigenen Credo entsprechend, dass es nicht allein um eine "Zweckform" geht, sondern die "Poesie des Funktionalen" den Wert guter industrieller Formgestaltung ausmacht. "Styling, Vermodung", eine Reduzierung aufs Dekorative sei Jahny fremd gewesen.

Die Qualitäten der DDR-Formgestalter werden inzwischen wiederentdeckt, ihre Arbeiten sind noch oder wieder anregend - auch die von Margarete Jahny. Ihr Nachlass wird im Industriemuseum Chemnitz betreut. Das Bemühen Jahnys und ihrer Kollegen um formschöne Langlebigkeit von Produkten, damals wegen ökonomischer Zwänge, heute aus ökologisch-sozialer Verantwortung im Sinne der Nachhaltigkeit nötig, bietet Inspirationen für die Zukunft. Margarete Jahny starb am Sonntag. Gestern wurde sie in Ralbitz bei Bautzen beerdigt.

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