Musik für die Massen

Der Dresdner Kreuzchor will sich als Marke entwickeln und verlässt dazu immer öfter seine Kirchenmauern. Zum Freiluft- Adventskonzert vor Heiligabend kamen 24.000 Zuhörer - in ein Fußballstadion. Doch das Konzept ist umstritten.

Dresden.

Dresden - "Stille Nacht! Heilige Nacht! Alles schläft. Einsam wacht nur das traute hoch heilige Paar." Dieser Klassiker gehört zur Weihnachtszeit wie Stollen und Glühwein. Er bewegt und emotionalisiert. Von knapp 24.000 Menschen gesungen, wurde er beim Weihnachtskonzert des Dresdner Kreuzchores im Dresdner DDV-Stadion zur Gänsehauthymne. Zu ihrem dritten Adventskonzert hatten sich die Sängerknaben im Alter von 9 bis 19 Jahren prominente Unterstützung eingeladen: Die vielfach preisgekrönte Jazzdiva Jocelyn B. Smith, die österreichische Sopranistin Elisabeth Breuer, Schauspieler Samuel Koch las die Weihnachtsgeschichte. Schauspielerin Franziska Trögner führte durch den Abend und stimmte gemeinsam mit den Künstlern das Publikum in der ausverkauften Arena auf das Weihnachtsfest ein. Nur Stargeiger David Garrett hatte krankheitsbedingt kurzfristig absagen müssen.

Das Konzept kommt an, und zwar immer besser: 2016 hatte der Kreuzchor 20.000 Menschen zum Konzert gelockt. Für Organisatoren und Künstler war das Open-Air-Konzert eine logistische Herausforderung. Für die Licht- und Tontechnik wurden mehr als 350 laufende Meter Traversen sowie 440 Scheinwerfer und 120 Lautsprecher montiert. Mehr als 120 Techniker, Kameraleute und Helfer machten das Konzert zu einem emotionalen Fest. Doch solche Auftritte der über einhundert Kruzianer sind umstritten. Erst im Sommer dieses Jahres musste sich Chormanager Uwe Grüner gegen heftige Vorwürfe wehren. In einem offenen Brief beklagten Eltern von jetzigen Sängern sowie 96 ehemalige Kruzianer die zunehmende "Verweltlichung des Liedgutes" sowie die Anbindung an Kommerz und Sponsoren. Das heißt nichts anderes als: Der Chor mit seiner 800-jährigen Tradition soll "Vom Himmel hoch, da komm ich her" singen und nicht "Schneeflöckchen Weißröckchen". Er soll in der Kreuzkirche entsprechend seiner Gründungshistorie auftreten und nicht in Stadien, beim Semperopernball oder bei der Gala eines Hochglanzmagazins für Herrenmode.

Doch die Zeiten haben sich geändert. Der Kreuzchor ist kein rein kirchlicher Chor mehr. Seine künstlerische Heimstatt ist zwar nach wie vor die Kreuzkirche. Und die Gestaltung der Musica sacra für Vespern und Gottesdienste entspricht seiner ursprünglichen Verpflichtung und bildet auch Basis der künstlerischen Arbeit. Träger ist aber die Stadt Dresden.

Hinzu kommt, dass die jungen Sänger mit ihrer Professionalität und Brillanz weitaus mehr Menschen erfreuen können und wollen, als die Gottesdienstbesucher der Kreuzkirche. Doch eine höhere Bekanntheit kostet Geld. Die dafür notwendigen Sponsoren investieren in Marken. Deshalb soll sich der Kreuzchor zu einer solchen entwickeln und sich - auf dem eng begrenzten Markt der Chormusik - abheben von Konkurrenten wie den Leipziger Thomanern, den Wiener Sängerknaben oder den Regensburger Domspatzen. Mit dem Markenslogan "Eine bewegende Erfahrung" soll er künftig auch Menschen jenseits der Gottesdienste und Vespern erreichen und begeistern. "Es ist uns gelungen, die Attraktivität des Chores für seine Partner zu erhöhen", meinte Chormanager Uwe Grüner. "Wer sich heute nicht auf den Weg macht, der wird wahrscheinlich in ein paar Jahren noch größere Finanzierungsprobleme haben." Eine größere Bekanntheit könnte zudem dafür sorgen, dass sich Kantor Roderich Kreile keine Sorgen um den Nachwuchs bei den sächsischen Sängern machen muss.

Mit dem diesjährigen Adventskonzert und einem Zuschauerrekord geht der Chor seinen Weg konsequent weiter. Chorsprecher Christian Schmidt sieht das pragmatisch: "Die Gegner unseres Marketingkonzepts müssten eigentlich dankbar sein, dass christliche Lieder vor so vielen Leuten gesungen werden."

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