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Vor allem riesig präsentiert sich das Kunstwerk "Museum (karpatischer Astronauten und Roboter)" des Ukrainers Sergij Grigorjan in Dresden auf der 11. Internationalen Ausstellung für zeitgenössische Kunst "Ostrale".

Foto: Jens Kalaene/dpa

Nähe und Distanz

Die Ostrale in Dresden, künftig eine Biennale, zeigt mehr als tausend Arbeiten von 165 Künstlerinnen, Künstlern und Gruppen aus 26 Ländern. Das Motto "re_form" klingt etwas halbherzig - und so wirken auch manche Arbeiten.

Von Matthias Zwarg
erschienen am 01.08.2017

Dresden. Ein "Narrenschiff", besetzt mit Tieren, maskierten Menschen, einer hundsköpfigen Frau "Freiheit" schippert über ein schmutziges Meer, in dem Totenköpfe, Müll und immerhin auch noch ein paar Fische schwimmen. Eine Fotografie des Polen Marcin Owczarek. Ein Einkaufswagen kreist leer und sinnlos in einem Käfig aus leeren Regalen - konstruiert von dem Belgier Mark Swysen. Die Deutsche Frenzy Höhne fordert "Mehr Inhalt" in einer Installation, die Werbestrategien von Supermärkten nutzt, ohne tatsächlich etwas Nützliches anzubieten. Auf dem "Floß" von Matthias Jackisch liegen gipsumhüllte Figuren - es könnten die Opfer einer missglückten Fahrt übers Mittelmeer sein. Viele der 165 Künstler und Künstlergruppen aus 26 Ländern, darunter viele Osteuropäer, auf der diesjährigen Ostrale beschäftigen sich mehr oder weniger direkt mit "aktuell-politischen", sozialen und kulturellen Problemen, die es zum Teil schon Jahrhunderte lang gibt. Dieses Engagement ist auch ein Anspruch der Ostrale. Den einzulösen jedoch schwer ist. Relativ viele Arbeiten wirken erdacht und nicht erfühlt, distanziert, ohne wirkliche Nähe zum Elend und zum Glück der Welt.

Ein Gemälde wie etwa die "Pieta" von Stephan Popella - ein blutendes Opfer einer undefinierten Gewalt, um das zig Handys nach einem Schnappschuss gieren - ist gut gemeint, aber wenig erhellend. Das Bild sagt weder über das Opfer noch die Täter noch die Beobachter etwas Neues. Das ist bei dem Gemälde "Welcome to Europe" des Ukrainers Igor Pereklita nicht anders. Da räkelt sich eine blonde Schöne offenherzig, mit gespreizten Beinen, aber gelangweilt auf einem Felsen unter den Sternen der Europäischen Union - na ja, der sexistische Kapitalismus war etwa bei Boris Lurie auch schon drastischer zu sehen. Und das "Museum (karpatischer Astronauten und Roboter)" des Ukrainers Sergij Grigorjan ist vor allem riesig.

Auf geheimnisvolle Art scheint sich die für die Ostrale ausgewählte Kunst deren Motto angepasst zu haben. "re_form" - natürlich klein geschrieben und mittels Unterstrich verfremdet - das soll laut Selbstauskunft der Ostrale-Verantwortlichen um Kuratorin Andrea Hilger und "... gemäß Definition eine planvolle und gewaltlose Umgestaltung bestehender Verhältnisse ohne Bruch mit den wesentlichen geistigen und kulturellen Grundlagen (sein). Ziel einer Reform ist die Verbesserung. Kunst kann in einem notwendigen Reform-Prozess Fragen stellen und Lösungsansätze einbringen. Das Leitthema 're_form' greift vor allem die Frage nach planvoller Umgestaltung bestehender kulturpolitischer Verhältnisse und Kultur-Systeme in Europa, Deutschland und gerade auch in unserer Stadt auf, die auf dem Weg ist, sich als 'Kulturhauptstadt 2025' zu bewerben".

Das ist bedenkenswert - aber wenn sich selbst die Kunst schon auf Reformen beschränkt, statt den Begriff "Revolution" neu zu definieren, dann beschneidet sie sich der Möglichkeiten, die einzig die Kunst hat. Sie kann radikale Fragen stellen und radikale Antworten geben - die auf eine Revolutionierung bestehender Verhältnisse hinauslaufen - was anarchische Elemente ein-, aber Gewalt durchaus ausschließt.

Umso mehr überraschen und überzeugen etwa zwei schlichte, großformatige Fotos von Nathalie Bertrams, die "Forgotten People", vergessene Menschen, zwei Frauen, fotografiert hat. In deren Gesichtern spiegelt sich mehr vom Schicksal der Welt, das ein selbstgemachtes und selbstverschuldetes ist, als in anderen aufwendigen Installationen oder multimedialen Präsentationen.

Eine Ahnung von der revolutionären, anarchistischen Kraft der Kunst vermittelt auch ein Gastauftritt der NSK, der legendären Neuen Slowenischen Kunst, die ansonsten in Ljubljana, Laibach, zu besichtigen ist. Sie strebte nicht Reformen an, sondern totalisierte den Totalitarismus - womit sie echte Empörung auslöste, weil die NSK-Artisten den Finger in die Wunde legten, die bis heute nicht geheilt ist.

Die Ostrale "re_form - Biennale zeitgenössischer Künste Dresden" (Erlwein-Ställe, Zur Messe 9) läuft bis 1. Oktober, Di.-Do. 10-19 Uhr, Fr.-So. 11-20 Uhr.

www.ostrale.de

 
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