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Foto: Uwe Mann

Nicht ohne mein Rad!

Manche transportieren ganze Umzüge damit, andere flüchten auf ihm vor der Zivilisation, wieder andere jagen bergauf und bergab, um Grenzen zu testen: Das Fahrrad gibt es seit 200 Jahren, aber nie schien es populärer zu sein als in der heutigen Zeit. Und wie sieht das vor unserer Haustür aus? Was fasziniert Menschen in der Region am Radfahren, warum steigen sie in die Pedale, was erleben sie? Eine Spurensuche zwischen Niederwiesa und Plauen.

Von Katharina Leuoth
erschienen am 30.06.2017

Jan Bartsch und sein Rennrad Bei dem 35-jährigen Glaser und Fensterbauer, der jetzt in einem Chemnitzer Fahrradladen arbeitet, geht die Post ab, oder besser gesagt - das Rad. Marathonfahrten, 24-Stunden-Rennen, Mehrtagesrennen - hat er alles gemacht. War zum Beispiel beim Jedermannrennen der Cyclassics in Hamburg mit über 20.000 Startern (!) dabei. Oder bei der einstigen Transgermany, einem Etappenrennen über sehr, sehr viele Höhenmeter. Verrückt? Ja! Trotzdem cool, meint Bartsch. Die Transgermany über fünf Tage hat er mit seinem Mountainbike, das er neben seinem Rennrad besitzt, absolviert: über 283 Kilometer und 8484 Höhenmeter. Wenig später war er beim 24-Stunden-Rennen in Chemnitz um den Stausee Oberrabenstein am Start, um in der Staffel so viele Runden wie möglich zu fahren. Warum nur? "Um die eigenen Grenzen zu erfahren, um sich mit sich selbst und mit anderen zu messen." Aber: Diverse Knochenbrüche lehrten, dass Gesundheit wichtiger ist. "Ich bin heute weniger auf Biegen und Brechen unterwegs."



Foto: Uwe Mann

Ulrich Skaruppe und sein Damenrad Der Mann mit dem Damenrad - klingt lustig, hat aber einen Hintergrund. Der 61-jährige Zwickauer, in der Stadtverwaltung für Verkehrsplanung zuständig, kann aufgrund einer körperlichen Behinderung besser auf einem Damenrad ohne Mittelstange fahren. Er hat den Zwickauer Zweig des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs gegründet, organisiert Tagestouren für Jedermann, ist aber auch gern mal allein unterwegs - zum Beispiel wie vor einigen Jahren in der Ukraine. Radwege habe es keine gegeben, er musste deshalb zunächst auf die Straßen, versuchte aber, zumindest Transitstrecken zu meiden, weil dort wie der Teufel gefahren werde. Dann ging es weiter auf Waldwegen hinauf durch die ukrainischen Karpaten. "Großartig!", sagt Skaruppe, "wilde Berglandschaft, vieles noch unerschlossen." Dafür endeten bisweilen die Waldwege abrupt, und unerschlossen hieß auch, dass noch keiner Wegweiser an Bäume gepinselt hatte. Was dem Zwickauer half? "Mein gutes Orientierungsvermögen."



Foto: Uwe Mann

Ralf Junghänel und sein Mountainbike Stimmt gar nicht, der 44-jährige Schneeberger, der in Neumark im Vogtland wohnt und als Lokomotivführer arbeitet, hat nicht nur ein, sondern gleich drei Mountainbikes. Und eine genaue Vorstellung von einem perfekten Tag: gutes Wetter, Mountainbike bei der Hand, bergaufwärtsführende Pfade (egal, ob in Europa oder am Ende der Welt im südamerikanischen Patagonien, wohin ihn seine Touren schon führten), schöne Aussichten ins Tal und eine Wirtschaft unterwegs, in der es gutes Essen und ein kühles Bier gibt. Klingt gemütlich, ist es nicht immer. Manchmal kommt der Ehrgeiz, dann fährt er den Stoneman. Stonemans sind vorgegebene Mountainbike-Strecken, die in vorgegebenen Zeiten absolviert werden müssen - wenn man ein Stoneman, ein Kerl wie aus Stein sein will. Ralf Junghänel ist einer: schaffte die Runde im Erzgebirge über neun Gipfel auf 144 Kilometern und 4400 Höhenmetern an einem Tag. "Danach hatte ich das Rad mal satt", sagt er und lacht. Dieser Zustand hielt eine Woche.



Foto: Uwe Mann

Monika und Manfred Ermisch und ihre E-Bikes Ein E-Bike kommt uns nicht ins Haus! Davon war das Ehepaar aus Thum, beide 71, überzeugt. Kein Wunder: Ermischs waren Sportlehrer, da zählt nur die eigene Leistung! Und kein Hilfsmittelchen wie ein Elektromotor am Fahrrad. Das ist doch Schummelei! Aber es kam anders. "Im Erzgebirge gibt es ja immer irgendwo einen Berg, das war für uns in jungen Jahren auch kein Problem. Aber dann sind wir auf einem Anstieg überholt worden, und die hatten noch so viel Puste, dass sie sich dabei unterhalten konnten. Ich dachte, das gibt's doch nicht", erzählt Monika Ermisch. Gibt's doch, wenn man ein E-Bike unter'm Hintern hat. Und ja, die Kraft
lasse im Alter etwas nach, sagt Monika Ermisch und gönnte sich zum 70. Geburtstag doch ein E-Bike. Ihr Mann nicht. Sodass sie ihn lächelnd überholte und ihm fröhlich zurief: "Kommst du, junger Mann?" Jetzt hat er auch
eines. Als Schummelei sehen sie es nicht mehr: "Wir lassen den Motor
bei allen Strecken aus, die wir selbst schaffen."



Foto: Uwe Mann

Johann Mittelbach und sein Kinderrad Der Patenonkel war's: Er begeisterte vor zwei Jahren den heute zehnjährigen Johann aus Dorfchemnitz fürs Downhillfahren. Da geht es mit dem Rad schnell bergab über Stock, Stein, diverse Hügel und andere Hindernisse, auch spezielle Sprünge werden trainiert. Sah halt toll aus, wie der Patenonkel das machte, deshalb wollte Johann das auch probieren. Bis heute ist er dabei geblieben, trainiert jetzt einmal wöchentlich im Verein MSC Thalheim. Vorsichtig sei er, wenn sie neue Sprünge trainieren. "Die können ja knappe zwei Meter hoch sein, die springen wir am Anfang etwas flacher, um auszuprobieren, wie sich das anfühlt", erzählt er. Seine Schwester, die achtjährige Lene, findet es cool, was ihr Bruder da macht. "Aber selbst getraue ich mir das nicht", sagt sie. Sie fährt lieber ganz normal mit ihrem Rad, zum Beispiel zur Schule. Was ihr beim Radfahren am meisten gefällt? Sie überlegt. Vielleicht, dass sie mit Rad schneller ist, als wenn sie laufen würde? "Ja", sagt sie und lacht, "das ist es."



Foto: Claudia Dohle

Matthias Schmidt und sein Liegerad Manche Kinder, erzählt der 49-Jährige, schauten sich nach ihm um und riefen zu ihren Eltern: Guck' mal, was für ein komisches Rad der hat! Von wegen komisches Rad! Liegeräder mögen relativ selten sein, aber der Niederwiesaer schwört drauf: "Auf dem normalen Sitzfahrrad habe ich früher immer Nackenschmerzen bekommen. Die habe ich jetzt nicht mehr." Vor 18 Jahren stieg er aufs Liegerad um. Das Radeln im mit Schaumgummi gepolsterten Carbon-Schalensitz fühle sich so bequem wie das Fernsehgucken auf der Couch an. "Am Anfang musste ich nur lernen, Balance zu halten, weil sich der Lenker unter dem Sitz befindet", erklärt Schmidt. Wichtig seien zudem gut gefederte Achsen, weil sich der Fahrer bei welligen Böden nicht mal schnell aus dem Sattel heben könne, um Stöße für den Rücken abzufedern. Ein- bis zweimal wöchentlich fährt Schmidt mit seinem Rad von Niederwiesa nach Chemnitz zur Arbeit, hinzu kommen Ausflüge mit der Familie - die allerdings Sitzräder bevorzuge.



Foto: Uwe Mann

Nicole Reger und ihr Fitnessrad Das ist nur die halbe Wahrheit, sie hat auch noch ein Rennrad und ein Mountainbike. Die 32-jährige Chemnitzerin kam durch einen Jobwechsel aufs Rad. Zehn Jahre arbeitete sie in einem Handy-Geschäft, wechselte dann in einen Rad-Laden. Ein Fitnessrad, so erklärt sie, ähnle einem Rennrad, allerdings sei der Lenker nicht gebogen, sondern gerade, und man sitze komfortabler. Nun fährt sie damit zur Arbeit, eine Strecke über 11 Kilometer quer durch den Chemnitzer Stadtpark. Das Mountainbike hingegen nutze sie lieber, wenn es bei Sonntags-Radtouren mit Freunden querfeldein geht. Sie hat auch schon mal bei einem 24-Stunden-Rennen mitgemacht, was im Übrigen auch bedeutet, ungefähr 30 Stunden am Stück (man muss sich ja erst mal fertigmachen und hin- und herkommen) wach zu sein. "Mir ging es bei diesem Rennen nicht um die eigene Schnelligkeit, sondern um den Grundsatz: Dabei sein ist alles", sagt Nicole Reger. "Die Begeisterung der Radfans ist klasse, wir hatten eine Super-Stimmung."



Foto: Uwe Mann

Stephan Hönig und sein Lastenfahrrad Seit über 23 Jahren fährt der 50-jährige Chemnitzer einen Long John. Einen was? Tja, wir reden hier nicht von einem 0-8-15-Rad, sondern von einem Vorderlader, also einem Rad mit tief liegender Ladefläche vor dem Fahrer - der Long John ist eine Spielart des Lastenfahrrads. "Mein Rad ist 44 Kilogramm schwer und sehr robust", sagt der Opernchorsänger. Sollte es auch sein, bei all dem Krempel, den er auflädt: Am Anfang waren es noch Kohlen für den Ofen, immer schon die Einkäufe und auch Umzüge mit Kartons voll Bücher und Geschirr (!). "Geht alles", sagt Hönig. Auch schön: Pflanzen mit dem Lastenfahrrad zu transportieren. Während ihnen eingeknickt auf der Hinterbank eines Autos zum Heulen zumute sein dürfte, können sie auf Hönigs Rad die Stängel ausstrecken und kriegen auch noch frische Luft ab. "Die Leute gucken immer noch. Sieht halt lustig aus." Rad zu fahren hat für Hönig aber noch einen tieferen Sinn: Der Umwelt zuliebe setze er sich generell lieber aufs Rad statt ins Auto.



Foto: Uwe Mann

Birgit und Waldemar Borris und ihre Tourenräder Zuhause sind sie in Zwickau, er, 54, arbeitet in der Stadtverwaltung, sie, 49, pendelt, weil sie Richterin am Bundesgerichtshof in Karlsruhe ist - und radelt dort - kein Witz! - jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit über die Draisstraße. Der Erfinder des Fahrrads, von Drais, wurde in Karlsruhe geboren. Birgit Borris und ihr Mann lieben das Radfahren. Sie düsen auf dem Sattel nicht nur gern zur Arbeit, sondern auch in den Urlaub. Anders als beim Wandern, so sagen sie, kommt man mit Rad weiter und sieht mehr. "Unseren ersten Radurlaub haben wir zusammen im Studium gemacht", erinnert sich Birgit Borris, "in Jeans, ohne Handy und ohne Buchungen." Heute geht's mit Plan und in Fahrradklamotten auf Reisen. Mittlerweile seien Radfahrer auch beliebter als vor 25 Jahren, weil sie durch die vielen Radreiseangebote vermehrt Geld in Hotels, auf Märkten und in Kneipen ließen. "Und wer Rad fährt, kann gefahrlos essen", sagt Birgit Borris und lacht. Die Pfündchen werden ja gleich wieder verradelt.



Foto: Uwe Mann

Maximilian Rother und sein Mountainbike Der 29-Jährige aus Plauen ist einer, der sagt: Mit dem Rad lässt sich vieles erledigen. Er weiß, wovon er spricht, denn einen Autoführerschein hat er nicht. "Ich hatte zwar als 18-Jähriger mit der Fahrprüfung angefangen, war aber dann von allem so genervt, dass ich es aufgegeben habe." Mit dem Rad fährt der Koch zur Arbeit. Erledigt er den Wocheneinkauf, schnallt er sich große Gepäcktaschen ans Rad, dann allerdings eher an sein Tourenrad, das er auch hat. Mit dem Mountainbike düst er gern raus zum Entspannen in die Natur. "Das ist ja das schöne bei uns im Vogtland: Von Plauen aus fährt man fünf Minuten, schon ist man im Wald und hat seine Ruhe." Er kenne viele Leute, die zwar einen Autoführerschein haben, aber dennoch lieber Rad fahren - der Gesundheit zuliebe, weil die Bewegung an der frischen Luft Spaß mache und die Parkplatzsuche entfällt. Seine Frau teile seine Leidenschaft zwar nicht hundertprozentig, fahre aber ein E-Bike - das er sich selbst auch manchmal leihe.

 
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