Ritter der Vernunft

Bei seinem Gastspiel in Chemnitz gibt sich Kabarettist Dieter Nuhr abermals als nüchterner Weltbetrachter. Und erreicht in der Stadthalle, was dort nur den wenigsten gelingt.

Chemnitz.

Nie gab es so wenig Krieg, so wenig Hunger, so wenig Armut auf der Erde wie heute. Warum sind dann so viele Leute unzufrieden und glauben, die Welt könne jeden Moment untergehen? Diese Frage treibt nicht nur Anthropologen, Glücksforscher und Psychotherapeuten um, sondern auch den Kabarett-Philosophen, der sich den Kampf gegen "real existierenden Alarmismus" auf die Fahnen geschrieben hat. Terroristen, Despoten und Feinstaub überall: Es war noch nie so schlimm wie heute! Oder?

"Quatsch!", meint Dieter Nuhr, intellektueller Breiten-Comedian und heimlicher Kabarett-König des deutschen Fernsehens. Denn "selbst, wenn die Leute den Arsch gepudert bekommen, regen sie sich über die Farbe des Puders auf!" Die Empörung, die Echauffage, der egoistische Wunsch nach Kompromisslosigkeit sei dem Menschen eben angeboren. Schade, denn "Zivilisation besteht nun mal darin, dass da neben mir auch noch andere sind": Dieser Plot bietet dem Mann mit über 30 Jahren Bühnenerfahrung Stoff für über 120 Minuten Zeitgeist-Comedy.

So watscht sein aktuelles Programm "Nuhr hier, nur heute" die üblichen Verdächtigen ab: Petry, Erdogan, Trump. Auch ist er nicht der Erste, der chinesische Schriftzeichen-Tattoos verballhornt ("37a süß-sauer") oder auch so mancher konfessionslosen Frau das Tragen eines Burkinis empfehlen würde. Die wirklich großen Momente sind es, wenn er als einer der wenigen Kabarettisten - bei allem nötigen Respekt- auch den Islam kritisiert. Genau wie ultrarechtes oder linkes Gedankengut und alle anderen Extreme, die Gewalt legitimieren. Diese differenzierte Denke macht Nuhr zum erfrischend ehrlichen Ritter der Vernunft: Idioten gibt es eben überall. Zumal Dummschwätzer früher einfach die Klappe hielten, während sie sich heute in Kommentarspalten des Internets produzieren: Längst habe dort die "Emanzipation der Spacken und Trottel" stattgefunden. Wenn das Smartphone uns vorgaukelt, alle unsere Freunde stünden bei Sonnenuntergang am Strand, während der Terror direkt vor unserer Haustür wüte, sei Wutbürgertum letztlich auch kein Wunder.

Für seine Sprachgewandtheit kassierte Nuhr den Jacob-Grimm-Preis: "Der wohl leiseste Kabarettist des Landes" spricht wie gewohnt mit unaufgeregter Stimme und zusammengepressten Lippen; der Stil im weißen Hemd und Lederstiefeln ist schlicht. Keine Requisiten, keine albernen Brillen oder Mützchen: Nuhr wirkt am besten pur. Nur ein Tablet dient als Spickzettel für Daten und Fakten. Kleine Kostprobe gefällig? - In Deutschland kommen auf einen Terrortoten zehn Badetote. Trotzdem sendet die ARD keinen "Brennpunkt", wenn im Sommer morgens das Freibad öffnet!

Genau diese nüchterne Weltbeobachtung, die clevere Gelassenheit des 57-Jährigen macht ihn zum perfekten Botschafter seiner ganz eigenen Beruhigungs-Mentalität. Das gut gelaunte Publikum feiert die Pointen, beklatscht auch witzlos einfache Wahrheiten. Und honoriert den Gast mit beachtlicher Präsenz: Dass den großen Saal der Chemnitzer Stadthalle wochentags 2000 Besucher füllen, schaffen im Bereich des mehr oder weniger politischen Kabaretts sonst nur Bodo Wartke oder Urban Priol. Und auch, wenn er mit kindlicher Freude ein paar Urologen-Witze vom anderen Ende der Niveau-Skala platziert: Nuhr scheint dem Publikum besonders viel Inhalt mitgeben zu wollen: "Wo ich am liebsten leben will? Nur hier, und nur heute!"

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6Kommentare
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  • 3
    0
    BlackSheep
    14.11.2017

    @Zeitungss, Freigeist14 grüne Daumen, sehr richtig.

  • 4
    3
    Freigeist14
    11.11.2017

    Die FP versteigt sich sogar,D.Nuhr als heimlichen Kabarett-König des deutschen Fernsehens zu betiteln. Vielleicht auch kein Kunststück ,wenn Georg Schramm und Volker Pispers im TV kaum noch zu sehen sind (sein dürfen).
    Das Zeitungss@ und ich nicht ganz falsch liegen sieht man auch an den Äußerungen von Jan Böhmermann,Birte Schneider und Wilfried Schmickler über den Comedian vom Niederrhein.

  • 6
    3
    Zeitungss
    11.11.2017

    @hkremss: ... macht er vieles richtig. Macht er eben nicht. Wer die angeornete Meinung im Land noch verstärkt um nicht anzuecken, hat das eigentliche Ziel verfehlt. Freigeist 14 hat es in seinem letzten Satz nicht besser zum Ausdruck bringen können.
    Kabarett sollte etwas zum Ausdruck bringen, was schräg im Land läuft und nicht die Huldigung der gegenwärtigen Zustände betreiben. Wir haben in D. Spitzenkräfte in Punkto Kabarett, die schaffen es allerdings nicht in die ERSTE Reihe (ARD/ZDF), allenfalls in die Dritten. Warum ist das wohl so ??????? Wer möchte schon in der Öffentlichkeit aufmerksam gemacht werden, wenn etwas nicht rund läuft. Von D. Nuhr ist in diese Richtung nun wirklich NICHTS (mehr) zu erwarten, deshalb auch regelMÄSSIG im Ersten.

  • 6
    6
    hkremss
    11.11.2017

    Wenn ein Unterhaltungskünstler gleichermaßen vom rechten und linken Rand kritisiert und von beiden Seiten unisono zum Hofberichterstatter einer demokratisch legitimierten Regierung erklärt wird, macht er vieles richtig. Man muss nicht alle seiner Thesen und Pointen gut finden. Aber als Korrektiv zum humorbefreiten und überproportional lauten Wut-, Angst-, und N/Ostalgiebürgertum ist er immer wieder erfrischend.

  • 6
    4
    Zeitungss
    11.11.2017

    Ich war (die Betonung liegt auf war) immer ein Fan von Dieter Nuhr. Wer seine Werke über längere Zeit verfolgt, wird feststellen, er hat sich zum Hofkabarettisten gemausert, was man in diesen Reihen eigentlich nicht erwartet und auch nicht üblich ist. Wer seine Auftritte bewußt verfolgt, wird wissen was ich meine.

  • 7
    6
    Freigeist14
    10.11.2017

    Der nüchterne Weltbetrachter Nuhr behauptet einfach ,es gab nie so wenig Krieg und Armut in der Welt-eigentlich wird viel zu viel gejammert und die "Weltverbesserer" sollen sich mal nicht so haben-und geht´s doch gut. Der Mario Barth für Besserverdienende hat es nicht so mit Fakten und behauptet einfach,der Hunger und die Armut der Welt sinke beständig. Nichts davon ist wahr. Für den Wellness-Comedian,der sich aus gutem Grund nie im politischen Kabarett sehen lassen würde ,verhöhnt bei seinen Büttenreden progressive Ideen und kultiviert dabei nur den konservativen ZEITGEIST.Man könnte denken,er wird aus dem Kanzleramt geführt.



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