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Bleibt gelassen, wenn sich alle aufregen: Dieter Nuhr.

Foto: Sebastian Steger

Ritter der Vernunft

Bei seinem Gastspiel in Chemnitz gibt sich Kabarettist Dieter Nuhr abermals als nüchterner Weltbetrachter. Und erreicht in der Stadthalle, was dort nur den wenigsten gelingt.

Von Sebastian Steger
erschienen am 10.11.2017

Chemnitz. Nie gab es so wenig Krieg, so wenig Hunger, so wenig Armut auf der Erde wie heute. Warum sind dann so viele Leute unzufrieden und glauben, die Welt könne jeden Moment untergehen? Diese Frage treibt nicht nur Anthropologen, Glücksforscher und Psychotherapeuten um, sondern auch den Kabarett-Philosophen, der sich den Kampf gegen "real existierenden Alarmismus" auf die Fahnen geschrieben hat. Terroristen, Despoten und Feinstaub überall: Es war noch nie so schlimm wie heute! Oder?

"Quatsch!", meint Dieter Nuhr, intellektueller Breiten-Comedian und heimlicher Kabarett-König des deutschen Fernsehens. Denn "selbst, wenn die Leute den Arsch gepudert bekommen, regen sie sich über die Farbe des Puders auf!" Die Empörung, die Echauffage, der egoistische Wunsch nach Kompromisslosigkeit sei dem Menschen eben angeboren. Schade, denn "Zivilisation besteht nun mal darin, dass da neben mir auch noch andere sind": Dieser Plot bietet dem Mann mit über 30 Jahren Bühnenerfahrung Stoff für über 120 Minuten Zeitgeist-Comedy.

So watscht sein aktuelles Programm "Nuhr hier, nur heute" die üblichen Verdächtigen ab: Petry, Erdogan, Trump. Auch ist er nicht der Erste, der chinesische Schriftzeichen-Tattoos verballhornt ("37a süß-sauer") oder auch so mancher konfessionslosen Frau das Tragen eines Burkinis empfehlen würde. Die wirklich großen Momente sind es, wenn er als einer der wenigen Kabarettisten - bei allem nötigen Respekt- auch den Islam kritisiert. Genau wie ultrarechtes oder linkes Gedankengut und alle anderen Extreme, die Gewalt legitimieren. Diese differenzierte Denke macht Nuhr zum erfrischend ehrlichen Ritter der Vernunft: Idioten gibt es eben überall. Zumal Dummschwätzer früher einfach die Klappe hielten, während sie sich heute in Kommentarspalten des Internets produzieren: Längst habe dort die "Emanzipation der Spacken und Trottel" stattgefunden. Wenn das Smartphone uns vorgaukelt, alle unsere Freunde stünden bei Sonnenuntergang am Strand, während der Terror direkt vor unserer Haustür wüte, sei Wutbürgertum letztlich auch kein Wunder.

Für seine Sprachgewandtheit kassierte Nuhr den Jacob-Grimm-Preis: "Der wohl leiseste Kabarettist des Landes" spricht wie gewohnt mit unaufgeregter Stimme und zusammengepressten Lippen; der Stil im weißen Hemd und Lederstiefeln ist schlicht. Keine Requisiten, keine albernen Brillen oder Mützchen: Nuhr wirkt am besten pur. Nur ein Tablet dient als Spickzettel für Daten und Fakten. Kleine Kostprobe gefällig? - In Deutschland kommen auf einen Terrortoten zehn Badetote. Trotzdem sendet die ARD keinen "Brennpunkt", wenn im Sommer morgens das Freibad öffnet!

Genau diese nüchterne Weltbeobachtung, die clevere Gelassenheit des 57-Jährigen macht ihn zum perfekten Botschafter seiner ganz eigenen Beruhigungs-Mentalität. Das gut gelaunte Publikum feiert die Pointen, beklatscht auch witzlos einfache Wahrheiten. Und honoriert den Gast mit beachtlicher Präsenz: Dass den großen Saal der Chemnitzer Stadthalle wochentags 2000 Besucher füllen, schaffen im Bereich des mehr oder weniger politischen Kabaretts sonst nur Bodo Wartke oder Urban Priol. Und auch, wenn er mit kindlicher Freude ein paar Urologen-Witze vom anderen Ende der Niveau-Skala platziert: Nuhr scheint dem Publikum besonders viel Inhalt mitgeben zu wollen: "Wo ich am liebsten leben will? Nur hier, und nur heute!"

 
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
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Kommentare
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Kommentieren (für Digital- und Printabonnenten)
  • 14.11.2017
    17:18 Uhr

    BlackSheep: @Zeitungss, Freigeist14 grüne Daumen, sehr richtig.

    0 3
     
  • 11.11.2017
    16:45 Uhr

    Freigeist14: Die FP versteigt sich sogar,D.Nuhr als heimlichen Kabarett-König des deutschen Fernsehens zu betiteln. Vielleicht auch kein Kunststück ,wenn Georg Schramm und Volker Pispers im TV kaum noch zu sehen sind (sein dürfen).
    Das Zeitungss@ und ich nicht ganz falsch liegen sieht man auch an den Äußerungen von Jan Böhmermann,Birte Schneider und Wilfried Schmickler über den Comedian vom Niederrhein.

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  • 11.11.2017
    15:43 Uhr

    Zeitungss: @hkremss: ... macht er vieles richtig. Macht er eben nicht. Wer die angeornete Meinung im Land noch verstärkt um nicht anzuecken, hat das eigentliche Ziel verfehlt. Freigeist 14 hat es in seinem letzten Satz nicht besser zum Ausdruck bringen können.
    Kabarett sollte etwas zum Ausdruck bringen, was schräg im Land läuft und nicht die Huldigung der gegenwärtigen Zustände betreiben. Wir haben in D. Spitzenkräfte in Punkto Kabarett, die schaffen es allerdings nicht in die ERSTE Reihe (ARD/ZDF), allenfalls in die Dritten. Warum ist das wohl so ??????? Wer möchte schon in der Öffentlichkeit aufmerksam gemacht werden, wenn etwas nicht rund läuft. Von D. Nuhr ist in diese Richtung nun wirklich NICHTS (mehr) zu erwarten, deshalb auch regelMÄSSIG im Ersten.

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  • 11.11.2017
    10:59 Uhr

    hkremss: Wenn ein Unterhaltungskünstler gleichermaßen vom rechten und linken Rand kritisiert und von beiden Seiten unisono zum Hofberichterstatter einer demokratisch legitimierten Regierung erklärt wird, macht er vieles richtig. Man muss nicht alle seiner Thesen und Pointen gut finden. Aber als Korrektiv zum humorbefreiten und überproportional lauten Wut-, Angst-, und N/Ostalgiebürgertum ist er immer wieder erfrischend.

    6 6
     
  • 11.11.2017
    04:15 Uhr

    Zeitungss: Ich war (die Betonung liegt auf war) immer ein Fan von Dieter Nuhr. Wer seine Werke über längere Zeit verfolgt, wird feststellen, er hat sich zum Hofkabarettisten gemausert, was man in diesen Reihen eigentlich nicht erwartet und auch nicht üblich ist. Wer seine Auftritte bewußt verfolgt, wird wissen was ich meine.

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