Romeo und Julia im Lager

Mit "Sieben Sommersprossen" schuf Herrmann Zschoche einen Defa-Klassiker. Der Regisseur war in den 1980er-Jahren der wohl erfolgreichste Filmemacher der zum Sterben verurteilten DDR.

Die 15-jährige Karoline mag sich nicht so recht auf das bevorstehende Ferienlager freuen. Sie lebt mit zwei Schwestern - eine davon hat selbst ein Baby - und ihrer Mutter in völlig beengten Verhältnissen in einem Altbau. Ihre alleinstehende Mutter zeigt sich völlig überfordert und neigt dem Alkohol zu. Der gelangweilte Robbi dagegen wird mit dem großen Wolga zum Bahnhof gefahren. Das Verhältnis zu seinem Vater ist ganz offensichtlich nicht gut. Der Direktor einer Spirituosenfabrik hat sonst kaum Zeit für seinen Sohn.

Gleich in den ersten Momenten des Defa-Films "Sieben Sommersprossen" wird klar, dass der Regisseur kein Angepasster ist, dass er nicht willens ist, den DDR-Alltag aufzuhübschen. Wer wissen will, wie in der DDR gelebt wurde, wird bei allen Gegenwartsfilmen Herrmann Zschoches fündig. Er gehörte in der Geschichte des staatlichen Filmunternehmens Defa, das am 17. Mai vor 70 Jahren gegründet wurde, zu den produktivsten, erfolgreichsten und dennoch kritischsten Regisseuren.

"Sieben Sommersprossen", der 1978 in die Kinos kam, war einer der letzten wirklich großen Publikumserfolge der Defa. Vor einigen Kinos bildeten sich Schlangen wie sonst nur bei Blockbustern aus den USA oder Frankreich. Allein im ersten Jahr zählte der Film mehr als 1,5 Millionen Zuschauer. Danach schaffte es kein einziger Defa-Film mehr an die Spitze der ostdeutschen Kinocharts.

"Sieben Sommersprossen" wurde von Zschoche ohne jeden Pathos mit leichter Hand inszeniert. Die jugendlichen Hauptrollen besetzte er mit den Berliner Schülern Kareen Schröter (Karoline) und Harald Rathmann (Robbi). "Laiendarsteller haben etwas Authentisches. Sie sind wie ein Haus, das noch nicht fertig ist. Sie sind noch formbar", so Herrmann Zschoche.

Karoline und Robbi kennen sich aus Kindertagen, doch dann zog Robbi weg. Die beiden verloren sich aus den Augen und treffen sich nun wieder. Zwischen den beiden Teenagern entwickelt sich eine zarte Liebe. Das Leben im "Sieben Sommersprossen"-Ferienlager wird von Lagerleiterin Frau Kränkel organisiert. Disziplin und Selbstbeherrschung stehen bei ihr ganz oben auf der Agenda. Höhepunkte sind Sportfeste und der Besuch in einem Reifenwerk ... Nur widerwillig stimmt sie zunächst einem Projekt von Lehrerstudent Benedikt zu, der mit den jungen Leuten Shakespeares "Romeo & Julia" zur Aufführung bringen will. Doch als Karoline und Robbi von einem Ausflug viel zu spät ins Lager zurückkehren und dazu bei Karoline eine Schachtel mit Antibabypillen gefunden wird, verbietet die Lagerchefin weitere Proben zum Theaterstück. Karoline, der die Pillen gar nicht gehören, soll das Lager verlassen. Verbotenerweise führt Benedikt die Proben außerhalb des Lagers fort, und mit Fürsprache der LPG ("Ein bisschen Kultur auf dem Dorf kann ja nicht schaden") kommt es doch noch zur Aufführung - mit Karoline als Julia und Robbi als Romeo in den Hauptrollen.

Herrmann Zschoche hätte 13 Jahre zuvor auch Fürsprache benötigt. Nach dem Mauerbau setzte politisches Tauwetter ein. Die Wirtschaft sollte reformiert werden, an einigen Universitäten gab es erstmals einen echten Diskurs über den richtigen Weg zum Sozialismus, Amiga legte die Beatles auf, die Jugendradiosendung DT 64 spielte Beat, und beim Deutschlandtreffen der Jugend wurde sichtbar dem Twist gehuldigt. Und die Defa? Gestandene und junge Regisseure wagten den kritischen Blick. Kaum ein gesellschaftlicher Bereich wurde ausgelassen: Kurt Maetzig knüpfte sich die politische Strafjustiz in "Das Kaninchen bin ich" vor, wirtschaftliche Missstände wurden Thema in "Der Frühling braucht Zeit" von Gunter Stahnke und in "Spur der Steine" von Frank Beyer.

Einen der eindrücklichsten Filme jenes Tauwetters schuf der damals gerade 30-jährige Herrmann Zschoche mit "Karla". Jutta Hoffmann spielt darin eine junge Lehrerin, die ihre fast erwachsenen Schüler zu unangepasstem und kritischem Denken auffordert. Doch damit gerät sie mit der sozialistischen Schulbürokratie aneinander und scheitert. Zschoche musste den Film entschärfen, in die Kinos gelangte er trotzdem nicht. "Karla" war der erste große zeitgenössische Film des Regisseurs. Doch das Tauwetter war mit dem berüchtigten 11. Plenum des Zentralkomitees der SED im Dezember 1965 vorbei - fast eine gesamte Jahresproduktion der Defa wurde verboten. Darunter auch der Film "Karla". Zschoche war erschüttert: "Da gab es auch den ersten Riss. Ich dachte, da sind Leute am Werk, die sind tot. Wie kann man denn so einen Film sehen und ihn dann verbieten, dachte ich. Da ist doch bei denen etwas nicht in Ordnung im Kopf, die sind doch völlig emotionslos. Die sind kunstfremd, dachte ich. Die sind amusisch, durch und durch amusisch."

Vom Kahlschlag-Plenum erholte sich die Defa nie wieder. Fortan gab es nur noch selten Verbote - die Kontrolle und auch die Schere im Kopf funktionierten. Dennoch entstanden auch nach 1965 interessante Werke. Und Zschoche gab nicht auf. Mit dem Erfolg der "Sieben Sommersprossen" erkämpfte er sich mehr Freiraum und wurde zu einem der produktivsten und erfolgreichsten Filmemacher des dem Untergang geweihten Landes. Unvergessen beispielsweise der heitere Film "Und nächstes Jahr am Balaton". Darin lernt der junge Jonas auf der Reise nach Bulgarien eine junge Holländerin kennen. Jonas geht mit Shireen bis zur griechischen Grenze, wo sie Richtung Indien weiterzieht. Jonas' Welt ist da zu Ende. In "Glück im Hinterhaus" thematisiert Zschoche die Lebenskrise eines gestandenen Familienvaters, der sich zudem in eine junge Kollegin verliebt. Das Drama spielt in den 60er-Jahren und zeigt die Agonie, in die die Gesellschaft nach dem Kahlschlag-Plenum fiel. Ein unbequemer Film war "Bürgschaft für ein Jahr" (1981). In ihm zeichnete Zschoche das Porträt einer Gestrauchelten, die ihr Leben einfach nicht in den Griff bekommen will.

Kritisch wurde es für Herrmann Zschoche noch einmal mit dem Jugendfilm "Insel der Schwäne" aus dem Jahr 1983. Darin muss der 14-jährige Stefan seine Großeltern und sein geliebtes Dorf verlassen und nach Berlin zu seinen Eltern ziehen. Das Plattenbaugebiet Marzahn empfindet der Junge als Zumutung, zudem wird er von einer Gang terrorisiert. Zschoche konnte nur durch einige Schnitte den Film vor dem Verbot retten. Die Kritik in den Staatsmedien fiel dennoch bedrohlich aus: Die DDR-Realität werde verzerrt, Errungenschaften des DDR-Sozialismus, der Wohnungsneubau in der DDR, werde zu einer "Beton-Welt" herabgewürdigt.

Doch Zschoche konnte weiter drehen, auch nach der Wende blieb er gut im Geschäft und arbeitete für das Fernsehen. Ab Ende der 1990er-Jahre zog sich der Regisseur aus dem Filmgeschäft zurück. Der 81-Jährige, der in Dresden geboren wurde und heute in Brandenburg auf dem Land lebt, publizierte mehrfach über die Landschaftsmaler Caspar David Friedrich und Georg Heinrich Crola.

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