Schauspiel "German History" in Plauen: Durch die Geisterbahn deutscher Geschichte

Das Schauspiel "German History" nach Heiner Müller in Plauen lässt den Atem stocken: Gedanken können schmerzen wie Wunden im Gehirn.

Plauen.

Theater und Leben auf der Straße gehen selten so Hand in Hand wie am Premierentag von "German History" im Vogtland-Theater in Plauen: Draußen, keine hundert Meter weiter, marschierte die rechtsextreme Splitterpartei "Der III. Weg" auf. Eine Initiative für Demokratie und Toleranz stemmte sich dagegen. Drinnen, auf der ausverkauften Kleinen Bühne gerät die Rückschau auf die Katastrophen des 20. Jahrhunderts, auf braunen Terror, Krieg und Diktatur zum bitteren Ernst.

Es gelang mit Heiner Müllers suggestiven Texten und der temporeichen Inszenierung von Roland May Theater von ungeheurer Intensität, hochaktuell und mit Relevanz. Das hallte noch lange nach, als drinnen der Applaus verklungen und draußen das Gebrüll der Lautsprecher längst verstummt war.

May als Regisseur des "Deutschland-Abends" ließ die jungen Spieler des Theaterjugendclubs 15 plus von der Leine: "Die braune Scheiße muss weg ...", skandierten die jungen Frauen mit Leidenschaft und Wucht. Sie trugen dabei die blauen Blusen der Freien Deutschen Jugend, des DDR-Jugendverbands, klaubten aus einer Kloschüssel frikadellenförmige und -farbige Klumpen. Die schleuderten sie über eine Pissrinne hinweg an die Wand. Die Masse blieb kleben als bildgewordener Gedanke.

Das Schlimmste im Stück, vorgesehen für Zuschauer ab 14, war vorausgegangen: eine Reise ins Herz der Finsternis, in die Nazi-Zeit. Texte aus Müllers "Die Schlacht" und "Germania 3 Gespenster am toten Mann" gaben den Kurs vor: Erzählungen aus Folterkellern, schonungslose Szenen über Hass, Verblendung, Raserei, Verrat und Totschlag bis in die Familien nahmen den Atem. Die Verrohung bis zum Verlust aller menschlichen Züge wurde gezeigt von vier überaus präzise, klar und markant agierenden Profi-Schauspielern: Else Hennig, Anna Striesow, Björn-Ole Blunck und Theo Plakoudakis, großartig! Auf den Tag 75 Jahre nach dem Untergang der sechsten Armee der Wehrmacht in Stalingrad standen sie beispielsweise im Schützengraben, Waffen im Anschlag. Ein Schuss in den Rücken des Schwächsten. Ein Schenkel, weiß und rosig wie Tiefkühlhühnchen, ernährte die anderen.

May rückte den Zuschauern mit seiner 90-minütigen Fahrt durch die Geisterbahn deutscher Geschichte, die bis ins Heute wies, auf die Pelle. Die Spielraum reichte bis in den Fußraum des Publikums. Er zeichnete auch für Bühnenbild und Kostüme verantwortlich. Ein Klosett, eine Pinkelwand, Tisch und Stühle reichten. Die Kleidung illustrierte die Zeit, Braunhemden, Uniformen, Ziviles. Bei Philipp Wiechert lag die musikalische Leitung. Maxi Ratzkowski steuerte Videosequenzen bei. Textschnipsel, knackige Dialoge, Erörterungen und Konfrontationen aus Müllers Stücken sowie weiteres Material hatte May zur chronologischen Folge zusammengeschnitten. Aus "Die Hamletmaschine" war etwas dabei. Dort heißt es: "Fernsehen Der tägliche Ekel Ekel / Am präparierten Geschwätz Am verordneten Frohsinn Wie schreibt man Gemütlichkeit / Unsern Täglichen Mord gib uns heute ..." Auch: "Ich nehme Platz in meiner Scheiße, meinem Blut. Irgendwo werden Leiber zerbrochen, damit ich wohnen kann in meiner Scheiße." Bis zur Groteske verzerrte Satire wechselte zur schlichten Innigkeit und zum stark Körperlichen.

Der Blick zurück schmerzte und erhellte zugleich. In "Die Hamletmaschine" ließ Müller sagen: "Meine Gedanken sind Wunden in meinem Gehirn."

Die nächsten Vorstellungen von "German History" am 3. März, 26. April, 11. und 12. Mai, jeweils ab 19.30 Uhr in Plauen. Premiere im Theater in der Mühle in Zwickau am 8. März, 19.30 Uhr. Tickettelefon: 03741 28134847/-48, 0375 274114647/-48. www.theater-plauen-zwickau.de

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