Schon gehört, ...?

Das Projekt der Leipzigerin Karolin Schwarz sorgt weltweit für Aufsehen. Sie nimmt Gerüchte über Flüchtlinge auseinander - pragmatisch und sachlich. Ihre sogenannte Hoax-Map hat Aussicht auf eine renommierte deutsche Auszeichnung.

Wir sind ein Land aus lauter Blubberblasen. Sieht zumindest auf der Deutschlandkarte so aus, die Karolin Schwarz ins Internet gestellt hat. Orangefarbene Blasen wabern über dem Land, Heißluftballons ähnlich, dicht an dicht. Diesem Bild zufolge blubbern wir uns zu, sabbeln uns die Ohren voll mit Sätzen wie: "Die essen Schwäne", "Die essen Ziegen aus dem Streichelzoo", "Die pinkeln in die Supermarktregale", "Die setzen sich in dein Auto". Die Blubberblasen stehen für Gerüchte über Asylsuchende. Gerüchte, die ein Teil der Deutschen felsenfest glaubt. Während sich ein anderer Teil die Haare rauft und sagt: Stimmt doch gar nicht, seht doch mal auf die Fakten! Aber der eine Teil denkt gar nicht daran, dem anderen Teil diesen Gefallen zu tun. Und dazwischen stehen Menschen, die über das Gezeter die Köpfe schütteln. Manche von denen sagen: Wir machen jetzt was. Zum Beispiel: Wir bringen die mit den Gerüchten und die mit den Fakten zusammen. Das hat sich Karolin Schwarz gedacht und ihre Blubberblasenkarte entworfen. Die heißt natürlich anders: Hoax-Map. Hoax ist englisch und bedeutet "Falschmeldung". Die Hoax-Map ist für den Grimme-Online-Award nominiert. "Unglaublich", sagt Karolin Schwarz und nippt am Milchkaffee.

Sie ist 30 Jahre alt und in Sachsen-Anhalt, in einem winzigen Nest, wie sie sagt, aufgewachsen. 2005 ging sie nach Leipzig, studierte Ethnologie und Afrikanistik. Sie wollte in einer der NGO, den Nicht-Regierungs-Organisationen, arbeiten, die sich mit Entwicklungsländern befassen. Aber weil es nicht leicht ist, so einen Job zu bekommen, hat sie sich erst mal andere gesucht: Sie betreut Social-Media-Auftritte und Digitalisierungsprojekte bei Zeitungs- und Buchverlagen.

Eine der Kolleginnen half in ihrer Freizeit in einer Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge. Karolin Schwarz wollte einen Tag bei der Spendenausgabe mitmachen. Und kam öfters. Baute nachts, wenn Flüchtlinge eintrafen, 30 bis 40 Feldbetten auf, und erledigte tagsüber mit Muskelkater in den Armen und Flüchtlingen an ihrer Seite Wege in der Stadt. War zum Beispiel mit einem Mann unterwegs, der in Damaskus ein Hotel geleitet hatte und mitten in der Nacht in Leipzig angekommen war, humpelnd, mit Diabetes und einem kranken Herzen. Als sie in der Stadt Insulin für ihn besorgten und sich zufällig über Haustiere unterhielten, erwähnte er, wie aggressiv die Hunde in Damaskus geworden seien, seitdem dort die Leichen in den Straßen liegen. Sie erinnert sich auch an einen Mann Anfang 20, der seine kleinen Geschwister im Boot über das Mittelmeer brachte, "und wenn Legida hier montags demonstrierte und die Polizeihubschrauber über der Stadt kreisten, waren die Kinder erst mal unterm Tisch, weil in ihrer Heimat aus Hubschraubern geschossen wird". Sie hat diese Bilder im Kopf, aber kein Bild über Flüchtlinge. "Das gibt es nicht. Man muss jeden Einzelnen sehen." Aber wer macht das?

Im letzten Sommer hat sie gemerkt, dass die Stimmung im Land schlechter wurde, immer mehr Gerüchte über Flüchtlinge die Runde machten. Es wäre schön, dachte sie, wenn man ein Werkzeug an der Hand hätte, mit dem man prüfen könnte, ob an Gerüchten was dran ist. Sie hat mit einem Freund so ein Werkzeug entwickelt. Seit 8. Februar ist die Hoax-Map online.

Und das funktioniert so: Sie haben Gerüchte gesammelt und dazu Widerlegungen gesucht, also Polizeimeldungen, Zeitungsberichte, Mitteilungen von Ämtern und ähnliche Informationen, die zeigen, dass die Gerüchte unwahr sind. Fanden sie solche Widerlegungen, verzeichneten sie die mit dem jeweiligen Gerücht an dem Ort in der Deutschlandkarte, wo das Gerücht im Umlauf war - und markierten alles mit einer orangefarbenen Blase. Klickt man die an, öffnen sich die Informationen.

Mit 177 Gerüchten haben sie begonnen, etwa 200 kamen hinzu. Zum Beispiel: Wenn man an der Tankstelle wieder in sein Auto steige, setzten sich Flüchtlinge dazu und verlangten, irgendwohin gefahren zu werden, und die Polizei sage, dass solle man bitte tun. Karolin Schwarz verdreht die Augen, sagt aber auch, sie wolle sich nicht über Menschen lustig machen, die so etwas glauben. "Nicht jeder hat die Medienkompetenz mit Löffeln gefressen."

Dass Menschen kategorisieren, um in der komplexen Welt zurechtzukommen, sei auch normal, sagt Johannes Kiess, Sozialwissenschaftler an der Universität Siegen. Aber neben Kategorien gibt es Vorurteile, "und die Basis von Vorurteilen ist eine negative Einstellung gegenüber bestimmten Gruppen, denen Menschen zugeordnet werden. Da wird die Welt schon in Gut und Böse eingeteilt." Wer entsprechende Vorurteile hege, glaube Gerüchte über diese Gruppen, weil er sich in seinen Vorurteilen bestätigt sieht. "Man bleibt in seiner Blase."

Mit schneller Resonanz auf die Hoax-Map habe sie nicht gerechnet, sagt Karolin Schwarz. Doch bald berichteten Süddeutsche, Berliner Tagesspiegel und Tagesschau.de, ein Radiosender aus Australien rief an, ein Fernsehsender aus Kanada, dem arabischen Sender Al Jazeera habe sie ein Interview gegeben und der Washington Post. Die veröffentlichte in ihrem Bericht auch ein Zitat von Conny Stiehl, Polizeipräsident der Direktion Görlitz, das sich auf das Gerücht bezog, Flüchtlinge pinkelten in Bautzen Supermarktregale voll. Stiehl: "Ich habe unsere Leute in jeden Supermarkt geschickt, um nachzufragen. Kein einziger Fall wurde bestätigt."

Davon kann Ulf Küch ein Lied singen. Ulf Küch ist Leiter der Kriminalpolizei in der Polizeiinspektion Braunschweig. Im vergangenen Jahr wurde dort die Soko "Zentrale Ermittlungen" gegründet, die speziell von Flüchtlingen begangene Straftaten in Braunschweig und Umgebung erfasst und laut Küch Vorreitercharakter habe. Er hat ein Buch geschrieben: "Soko Asyl - Eine Sonderkommission offenbart überraschende Wahrheiten über Flüchtlingskriminalität". Seine Erfahrung: Es gibt vereinzelt auch Straftäter unter den Flüchtlingen, "aber die meisten Gerüchte sind glattweg erfunden".

Ende April wurde die Hoax-Map für den Grimme-Online-Award nominiert. Das Grimme-Institut zeichnet damit Online-Angebote aus, denen es eine hohe Qualität zuschreibt. Das Institut befasst sich mit Medienkultur und vergibt auch den Grimme-Fernsehpreis. Im Bereich des Online-Awards gehört die Hoax-Map zu 28 Projekten, die aus mehr als 1200 Einreichungen ausgesucht wurden. Die Preisträger werden am 24. Juni bekannt gegeben. "Wir waren über die Nominierung total überrascht", sagt Karolin Schwarz.

Klar sei, dass sie Lügenpresse-Schreier und Hardcore-Gerüchte-Verbreiter kaum erreichen werden, "aber wir freuen uns, wenn jemand sagt, dass er unsere Informationen in Diskussionen nutzen konnte". So bedankten sich schon Leute für die Aufklärung. Dass ist auch die Leistung, die Sozialwissenschaftler Kiess der Hoax-Map zuallererst bescheinigt. "Die HoaxMap hilft, aufzuklären und den Gegenargumenten eine Stimme zu geben." Mit dieser Gegenöffentlichkeit könne die Debatte ausgeglichener geführt werden.

Das passt nicht jedem. Subtile Drohungen von rechter Seite habe es gegeben, sagt Karolin Schwarz. Daten über sie, die auf der Hoax-Map-Seite anfangs noch im Impressum zu finden waren, seien auf rechten Seiten gestreut worden. Sie habe deshalb überlegt, ob sie für ihr Projekt ihr Gesicht zeigen soll. "Aber wenn ich das anonym mache, wie seriös wirkt das?"

Doch trotz des Erfolgs: Gerüchteküchen sind tückisch. Vereinzelt können Gerüchte - nicht nur über Flüchtlinge - einen wahren Kern haben, beispielsweise in abgeschwächter Version anderswo zutreffend sein. Was also wäre, wenn sich ein Gerücht auf der Hoax-Map doch als wahr entpuppen würde? "Dann würden wir auch das öffentlich machen. Transparenz ist uns wichtig", sagt Karolin Schwarz. Sie überlegen nun, ob sie aufgrund der großen Resonanz die Seite ausbauen sollten. Doch um davon leben zu können, müssten sie Geld beispielsweise von Stiftungen nehmen. Sie hegen aber Bedenken, dann noch ihre Neutralität vermitteln zu können. Im Moment jedenfalls soll die Hoax-Map erst mal ein Freizeitprojekt bleiben.

Und wie wird es mit den Blubberblasen weitergehen? "In der Freibad-Saison kommen sicher etliche hinzu." Schon Schwimmhallen haben gezeigt, dass sich Flüchtlinge in Badehosen mitunter schneller in Gerüchten wiederfinden als nach einem Köpper im Wasser. "Aber wenn im Herbst die Zahl der Flüchtlinge weiter stagniert, wird vermutlich auch die Zahl der Gerüchte zurückgehen."

Vielleicht auch deshalb, weil mehr Leute erkennen, woraus diese Blubberblasen bestehen: aus Luft.

www.hoaxmap.org

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3Kommentare
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  • 7
    0
    Ruediger1683
    27.05.2016

    Um die Relevanz zu verdeutlichen, wäre es doch sinnvoll eine Karte zu veröffentlichen, in der die tatsächlich belegten Taten dargestellt sind. Erst dann kann man beurteilen, in welchem Verhältnis die Gerücht zu den tatsächlichen Taten stehen. Meines Erachtens gibt es sowas, unter Einzelfall.de. Das, was hier so unkritisch belobhudelt wird, soll doch nur den Eindruck erwecken, dass es keine Fluechtlingskriminalitaet gibt und es sich überwiegend um Gerüchte handelt. Leider vermitteln die Polizeistatistiken und die täglichen Meldungen der Presse ein anderes Bild.

  • 8
    1
    Soundnichtanders
    27.05.2016

    Na endlich. Um ich dachte schon, die ganzen Meldungen aus der FP und dem Polizeibericht sind Lügen. Weiter so. Verklärung statt Aufklärung.

  • 6
    2
    maxmeiner
    26.05.2016

    Sich in der "Flüchtlings"krise auf Seiten der Regierungsmedien gegen das mundtote Volk zu profilieren hat schon den unangenehmen Beigeschmack eines Krisengewinnlers - durchschaubarer Auftragsjournalismus!



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