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Wo die Legende zu Hause ist: Im Gebäude, das von 1711 bis 1751 die Werkstatt Gottfried Silbermanns beherbergte, haben die Stadt Freiberg und die Silbermann-Gesellschaft eine Ausstellung zu Leben und Werk des Orgelbaumeisters etabliert, der zahlreiche kulturinteressierte Touristen nach Mittelsachsen lockt. An der Fassade weist die Unterschrift Silbermanns auf die besondere Bedeutung des Ortes hin. Im selben Haus haben die Silbermann-Gesellschaft und die Tourist-Information ihren Sitz. Im Vordergrund ein Bronzemodell der Bergstadt.

Foto: Detlev Müller

Silbermanns Spur in der Bergstadt

Der Freiberger Domkantor Albrecht Koch über seine Stadt als Ort der Kirchenmusik, über Johann Sebastian Bach als deren möglicher Gast und über die Besucher von heute

erschienen am 29.03.2018

Albrecht Koch, Kantor des Freiberger Doms, feiert im September sein zehnjähriges Dienstjubiläum in dieser Funktion. Der Umstand, dass der Orgelbaumeister Gottfried Silbermann in der Stadt wirkte und ihr eines seiner wichtigsten Instrumente hinterließ, begünstigt Ruf und Ausstrahlungskraft der Bergstadt bis heute. Darüber, wie man mit diesem Erbe umgeht und wie es sich verzinst, hat sich Torsten Kohlschein mit Albrecht Koch unterhalten.

Freie Presse: Herr Koch, empfindet man es nach fast zehn Jahren immer noch als Privileg, an der ehemaligen Wirkungsstätte Gottfried Silbermanns zu arbeiten?

Albrecht Koch: Durchaus! Was Gottfried Silbermann, abgesehen von der Orgellandschaft rund um die Stadt Freiberg, hier am Freiberger Dom hinterlassen hat, ist einmalig. Die Große und die Kleine Orgel, aber auch die wundervolle Kirche als Ort, an dem man wirken kann - eine solche Grundausstattung ist immer wieder etwas Besonderes.

Wie war das 2008, als sie nach Freiberg kamen?

Ich bin damals vor allem aus Mecklenburg gekommen, weil sich hier wieder eine Tür nach Sachsen auftat. Und dazu boten sich hier Struktur und Möglichkeiten, die sehr verlockend waren. Man darf nicht vergessen, dass die Stelle des Freiberger Domkantors bis heute eine der attraktivsten Kirchenmusikerstellen ist, die hier in der Landeskirche zu vergeben sind.

Was hat dieser Ort anderen Orten mit großer kirchenmusikalischer Bedeutung voraus?

Ich arbeite hier in einer großen Tradition, nicht nur, weil ich mit Dietrich Wagler, Hans Otto, Christian Skobowsky bis hin zu Arthur Eger in den vergangenen 100 Jahren ja ganz prägende Vorgänger hatte. Und das hohe Renommee der Stelle besteht ja schon seit 300, 400 Jahren, weil Freiberg eben neben Dresden und Leipzig immer ein großes kirchenmusikalisches Zentrum war, ...

... und das bei diesem Größenunterschied der Städte!

Das ist das Verrückte. Zum einen gibt es trotz der geringen Größe der Stadt hier Strukturen, die ein Musizieren auf sehr hohem Niveau ermöglichen. Zum anderen ist der Außenblick auf Freiberg interessant: Wir werden, was die Orgel angeht, international sehr stark wahrgenommen. Auch touristisch spielt die Stadt eine große Rolle. Über 40 kirchenmusikalische Veranstaltungen im Jahr - das funktioniert ja in einer so kleinen Stadt nicht, wenn nicht viel Publikum von außen kommt und sein Interesse einbringt. Das unterscheidet uns von anderen Städten vergleichbarer Größe.

Was die Außenwirkung hinsichtlich der Silbermann-Orgel angeht: Sie sind der Herr über dieses Instrument. Es hat in den vergangenen zehn Jahren gerade mal vier Rundfunk- und CD-Aufnahmen mit der Orgel gegeben, bei denen Sie nicht der Organist waren. Ist die Nachfrage so gering, oder weisen Sie so viele Anfragen ab?

Die Nachfrage ist sehr hoch. Vor allem, was Solisten angeht, die hier Orgelkonzerte geben wollen. Unsere Abendmusiken, von Mai bis Oktober, donnerstags um 20 Uhr, sind eine große offene Reihe, in der ich von 24 Konzerten im Jahr meistens fünf spiele. Der Rest wird durch Gastorganisten gestaltet. Ich habe hier also in den vergangenen zehn Jahren über 150 Kollegen aus der ganzen Welt begrüßen können. Die Frage der Aufnahmen ist dem nachgeordnet. Was CD-Aufnahmen angeht, so habe ich zwar natürlich zunächst selbst Interesse daran, welche einzuspielen, wie auch die Domgemeinde interessiert ist, CDs ihres Hausorganisten anbieten zu können. Dazu sind einige externe Aufnahmen entstanden, aber wir halten das immer niedrig. Das ist richtig. Unsere Maxime ist: pro Jahr nicht mehr als eine Aufnahme. Die über 300 Jahre alten Orgeln befinden sich ja in einer starken Nutzung, die eine Beschränkung nötig macht. Zudem ist der Markt insgesamt schwierig geworden. CDs zu produzieren, ist kein Selbstläufer mehr, die Labels haben große Probleme, die Aufnahmen zu finanzieren. Und wir müssen aufpassen, dass der Markt nicht geflutet wird mit CDs aus dem Freiberger Dom. Ein Überangebot nutzt niemandem. Zumal, wenn man überlegt, was hier unter meinen Vorgängern in den 90er-Jahren aufgenommen worden ist - und von DDR-Zeiten gar nicht zu reden. Wir sind also hervorragend repräsentiert.

Auf Ihrer jüngsten im Kamprad Verlag erschienenen CD spielen Sie neben Bach Orgelwerke der Romantik auf der hochbarocken, mithin gar nicht romantisch disponierten Silbermann-Orgel. Was ist der Reiz daran?

Zu zeigen, dass das Spektrum dessen, was man auf den Instrumenten spielen kann, weit über das hinausgeht, was wir uns zunächst vorstellen können. Das Verrückte ist ja, dass gerade die Große Domorgel bei den meisten Leuten, die sich ein bisschen damit auseinandersetzen, sofort mit Johann Sebastian Bach in Verbindung gebracht wird. Gerade Reisegruppen, die auf Bachs Spuren in der Region unterwegs sind, kommen hierher, obwohl Bach nie in Freiberg war, die Orgel keine wirkliche Bach-Orgel ist. Aber irgendwie hat sie diesen Stempel, ist auch für Bach geeignet und erfüllt viele Anforderungen, die Bach an eine Orgel gestellt hat. Aber die Orgel steht ja für viel mehr, für die Musik vor 1700, da sie ja in einem rückwärtsgewandten klanglichen Denken entstanden ist. Aber sie funktioniert eben klanglich auch in die andere Richtung. Silbermann war ein progressiver Handwerker und ein konservativer Klanggestalter.

Wie eng war denn die Verbindung zwischen Bach und Silbermann?
Enger als viele meinen, aber nicht so eng, wie die Freiberger das gerne hätten. Christoph Wolff stellt in seiner Bach-Biografie die These auf, dass Bach doch in Freiberg gewesen sein könnte.

Albrecht Koch - Freiberger Domkantor

Foto: Wieland Josch

Wie das?

Weil Bach mit Silbermann im Austausch stand, als es um die Entwicklung der Hammerklaviere ging. Silbermann hat ja die italienische Technik dieser Tasteninstrumente nach Mitteleuropa geholt, sie hier weiterentwickelt und ein Hammerklavier gebaut. Das hat Bach gespielt und sich dazu geäußert. In vielen Dingen gar nicht so positiv, und Silbermann hat sich der Dinge angenommen, die Bach kritisiert hat. Das ist insofern ganz interessant, weil Silbermann als sehr starker Charakter gilt, der wenig auf die Meinung von anderen gegeben hat. Aber auf Bachs Hinweise hin hat er die Instrumente verändert. Dem war der Anschlag zu schwerfällig, der Diskant war ihm zu leise. Silbermann hat dann das Klavier weiterentwickelt, etwa Mitte der 1740er-Jahre. Damit war Bach einverstanden, und er hat in Leipzig die Instrumente für Silbermann auch verkauft ...

... war also quasi sein Agent.

So kann man es nennen. Ich habe Wolf dazu befragt, und er meint, er könne sich nicht vorstellen, dass Bach sich so intensiv mit Silbermann über das Instrument ausgetauscht hat, aber nie in seiner Freiberger Werkstatt gewesen sein soll. Silbermann schickt so ein Instrument doch nicht mit der Kutsche nach Leipzig, Bach spielt es und schickt es zurück. Insofern meint er, Bach sei hier gewesen, aber nur in Silbermanns Werkstatt. Ich denke wiederum: Wäre er hier gewesen, als Orgelkenner, als anerkanntester Organist seiner Zeit, hätte er den Dom besucht und auch die Orgel gespielt. Das wiederum wäre dem Freiberger Rat nicht verborgen geblieben. Dann wäre es auch aktenkundig. Ist es aber nicht. Es bleibt schwierig.

Sie sind seit 2010 auch Vorsitzender der Silbermann-Gesellschaft, die vergangenes Jahr von der Stadt den Bürgerpreis verliehen bekommen hat. Fühlt sich der Verein von der Stadt ausreichend unterstützt?

Ja. Da hat sich in der Zeit, in der ich der Silbermann-Gesellschaft vorstehe, unwahrscheinlich viel getan. Vor allem ist das Bewusstsein in der Stadt gewachsen, dass Silbermann eine wichtige Persönlichkeit und die Orgel doch mehr ist als nur ein Instrument für Spezialisten. Wir haben zwar keine Finanzausstattung, die große Sprünge zulässt. Aber wir befinden uns da auf einem hoffentlich guten Weg, auch im Zusammenspiel mit dem Kulturraum und dem Freistaat Sachsen. Letztlich ist das, was vergangenes Jahr im Silbermann-Haus gegenüber der neuen Tourist-Information mit der neuen Dauerausstellung zu Silbermann und dem Orgelbau entstanden ist, Zeugnis eines hervorragenden Miteinanders. Oberbürgermeister Sven Krüger ist Vorsitzender unseres Kuratoriums - das zeigt ja auch, wie groß das Interesse der Stadt ist, uns zu begleiten.

Silbermann ist zweifellos ein touristischer Faktor für Freiberg und die Region ...

Kulturtourismus bringt nicht Masse, aber er bringt deutlich mehr Umsatz als normale Reisegruppen. Das sind ganz andere Bevölkerungsschichten mit anderem Interesse an Kultur, aber auch an Konsum, das macht sich bemerkbar. Wenn Freiberg 2017 einen Zuwachs an Übernachtungen hatte, hat sicherlich auch unser Thema einen kleinen Anteil daran. Während der Silbermann-Tage bekam man in Freiberg kein einziges Hotelbett mehr. Insofern sind beispielsweise die klassischen Musikfestivals, so hochsubventioniert und elitär sie auf manchen wirken, ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Sie bringen nicht nur tolle Kultur und internationale Künstler ins Erzgebirge, sondern viele, viele Gäste, die ihr Geld hierlassen und hier Urlaub machen. Wir werden den Tourismus nicht retten, aber tragen unseren Teil dazu bei und schauen, dass wir gerade deswegen das Thema Silbermann in unserer Ausstellung so breit aufstellen, wie wir es tun. Wir wollen alle neugierig machen: die Musikinteressierten, die handwerklich und regionalgeschichtlich Interessierten und auch die, die bei Regen gerade nicht wissen, wo sie hinsollen und hier etwas Neues entdecken, was sie anspricht.

www.silbermann.org

Der Domkantor

Albrecht Koch, geboren 1976 in Dresden, stammt aus der Tradition des Dresdner Kreuzchores. Nach dem Abitur studierte er in Leipzig Kirchenmusik und darauf aufbauend Chorleitung. Ab 2004 wirkte er als Kantor und Organist an St. Johannis in Neubrandenburg/Mecklenburg. Seit 2008 ist Albrecht Koch Domkantor und Domorganist in Freiberg, wo ihm mit der Großen Orgel von 1711/14 aus der Werkstatt Gottfried Silbermanns eine der bedeutendsten Orgeln der Barockzeit anvertraut ist. Hier leitet er den Freiberger Domchor und die Domkurrenden. Seit 2010 ist er Präsident der Gottfried-Silbermann-Gesellschaft, 2017 wurde er in den Sächsischen Kultursenat berufen. Er unterrichtet an der Hochschule für Musik und Theater Leipzig und geht einer internationalen Konzerttätigkeit nach.

www.albrechtkoch.com

Dieser Beitrag erschien in der Wochenendbeilage der "Freien Presse".

 
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