Spott und Leidenschaft eines Revoluzzers

Karl Marx hat auch Liebesgedichte verfasst - eine Band hat sie vertont

Bremen/Chemnitz.

Freilich hat Karl Marx keine Lieder geschrieben, überliefert ist jedoch, dass er viel in der Familie gesungen hat. Und in jungen Jahren schrieb er eine große Zahl von Gedichten, die geradewegs zum Vertonen und Singen einladen. Dazu haben sich Die Grenzgänger aus Bremen nun verführen lassen und im März dieses Jahres 14 Lieder eingespielt. Die CD heißt "Die wilden Lieder des jungen Marx" und ist in diesen Tagen im Müller-Lüdenscheid-Verlag erschienen.

Diese Liedersammlung ist überaus hörenswert, und man begegnet da statt dem klugen Kritiker und Analytiker einem jungen Mann mit Spott und Leidenschaft. Das erste Lied ist zum Schmachten und nicht zum Schmusen, die Angebetete ist keine Geringere als Jenny von Westfalen, die späteren Frau des Philosophen. "Ach, Jenny, Jenny, liebst du mich/Und die zarten Purpurlippen schweigen". Geschrieben hat er diese Gedichte im Alter von etwa 20 Jahren. Ein souveräner Meister der Dichtkunst war er nicht, eher ein sprühender Liebhaber des Verseschreibens, der den Reim gelegentlich der klaren Aussage opfert.

Die Lieder stehen ganz im Zeichen des Vormärz', oft wird von unerfüllter Liebe erzählt, wobei der Schmerz immer auch im politischen Sinne zu verstehen ist. Im Lied "Wunsch" schreibt Marx zum Beispiel die Worte seiner Liebsten auf und fügt hinzu: "Ich will ans Herz sie drücken,/Sie halten liebeswarm/Mein Zimmer damit schmücken/das sonst so tot, so arm". Diese Wehmut und diese Leere kennt man auch von Heine.

Klarer wird der junge Dichter bei den Spottliedern. Da sind die Kleinbürger das Thema, die in den Himmel wollen und sonst den lieben Gott einen guten Mann sein lassen. Marx redet für jene, die nicht stillhalten wollen. Er schreibt vom "Weltgericht": "Seht das alles träumte mir heute/vor dem letzten Reichsgericht/Drum zürnt nicht, gute Leute/Denn der Träumer sündigt nicht".

Am deutlichsten wird die Welt des jungen Marx in Liedern wie "Spielmann" sichtbar: "Bis das Hirn vernarrt,/bis das Herz verwandelt/hab ich mir Musik/vom Teufel erhandelt." Der Handel mit dem Teufel also auch hier. Dann der Spott auf jene, die der Trommel folgen - auf dem Feld oder beim Tanz. Und schließlich eine uralte Geschichte in "Fünfzehn Pfennige": "Denn ihr Herz ist wie ein Taubenhaus/Fliegt einer rein, fliegt der andere raus/Für fünfzehn Pfennige".

Wirklich beeindruckend ist das Lied "Empfindungen" mit einem Grundgedanken, der an Mey, Wader und Wecker denken lässt: "Darum lasst uns alles wagen/Niemals rasten, niemals ruhn/Nur nicht dumpf so gar nichts sagen/Und so gar nichts wolln und tun". Die Vertonungen haben Michael Zachcial sowie Felix Kroll von den "Grenzgängern" besorgt. Mit modernen Rhythmen und Liedstrukturen ist ihnen zusammen mit ihren Musikerkollegen ein Brückenschlag vom Vormärz in die Gegenwart gelungen. Der junge Marx wird lebendig und fassbar wie auch die Zeit kurz vor 1848, als die Bürger auf Revolution aus waren. Ein eindrucksvolles Zeitdokument.

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